Book Bans in Floridas Schulen

Inhaltliche Analyse der aus Schulbibliotheken verbannten Bücher

Autor/innen

DOI:

https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.2.278

Schlagwörter:

Banned Books, USA, Schulbibliotheken, LGBTQIA+

Begutachtung

  • Lukas Görlitz HAW Hamburg

Abstract

Der Artikel befasst sich mit den aktuellen Zensurmaßnahmen an Floridas Schulbibliotheken. Dazu werden 78 Bücher, die aus den Einrichtungen entfernt werden mussten, inhaltlich analysiert und mit den Gründen für die Beanstandungen abgeglichen. Die Auswertung zeigt, dass „sexuelle Inhalte“ am häufigsten genannt werden, oft jedoch ohne tatsächliche Entsprechung im Text. Gleichzeitig weisen viele der betroffenen Werke LGBTQIA+-Bezüge auf. Zudem werden Bücher zensiert, deren Protagonist*innen nicht weiß sind, psychische Erkrankungen haben oder gesellschaftliche Ungleichheiten thematisieren. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Zensurmaßnahmen strukturell diskriminierende Muster erkennen lassen.

 

 

1 Einleitung

In den gesamten Vereinigten Staaten sind Bücherverbote für Minderjährige seit einigen Jahren Gegenstand öffentlicher und politischer Debatten (Stroshane 2025) und betreffen den Bundesstaat Florida besonders stark.1

Für einen Großteil der Initiativen, Bücher von den Regalen der Schulbibliotheken zu bannen, ist nur eine kleine Anzahl von Menschen verantwortlich. Diese Beschwerdeführer*innen stützen sich auf ein Netzwerk von Freiwilligen, wie beispielsweise die Organisation „Moms for Liberty”, um möglichst viele Anträge auf Bücherverbote bei den Schulbehörden einzureichen. Die Vereinigung, die sich zunächst gegen das Tragen von Masken während der COVID-19 Pandemie engagierte (Wixon 2026), widmete sich danach dem Kampf gegen Bücher, deren Inhalte nicht für Kinder geeignet seien. Ausgelöst wurde dies u.a. durch Jennifer Pippin und ihre Empörung über das Buch „All Boys Aren't Blue” von George M. Johnson.2 Daraufhin begab sie sich mit anderen Freiwilligen jede Woche bis zu zehn Stunden auf die Suche nach, aus ihrer Ansicht, problematischen Büchern,3 um Kinder besser zu schützen. Sie sollen von Themen wie Vergewaltigung, Sex und Gewalt ferngehalten werden, um ihre Unschuld sowie geistige und physische Gesundheit zu wahren (Natanson 2023).

Demgegenüber stehen in erster Linie Bibliothekar*innen, die versuchen gegen die Book Bans anzukämpfen. Beide Parteien vertreten ihre Ansichten lautstark.4 Um den gewählten Elternvertreter*innen in den Schulbehörden nahezubringen, dass sich nicht nur involvierte Bibliothekar*innen gegen das Eingreifen in die Lektüren aufstemmen, wurde die Initiative „Unite against Book Bans” ins Leben gerufen. Diese ermöglicht es Bürger*innen, in den Schulen Argumente gegen die Zensur von Büchern vorzutragen, damit Amtsträger*innen dies nicht nur aus einer direkt betroffenen Gruppe hören.5

2 Methodisches Vorgehen

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, zu analysieren, welche Literatur und Inhalte an den Schulen in Florida besonders häufig von Verboten betroffen sind.

Dazu wurden aktuelle Fallbeispiele aus den Jahren 2021 bis 2025 näher untersucht. Für die Analyse der gebannten Bücher wurden mehrere Bücherlisten benutzt, um ein komplettes Bild der gebannten Werke zu erhalten. Im Wesentlichen wurde sich an der Liste der ‚Central Florida Public Media’ orientiert und diese durch zusätzliche Angaben der Literaturliste der Non-Profit Organisation PEN America ergänzt.6

Die Listen wurden zusammengefügt und dazu folgende Metadaten zusammengestellt: Titel, Autor*in, Erscheinungsjahr und -ort, Handlung, Grund des Verbotes und Themen des Buches. Diese Metadaten wurden aus Katalogen von Bibliotheken in Amerika oder dem Online-Handel gezogen. Die Handlung wurde aus dem Klappentext und Rezensionen des Buches entnommen. Um die Gründe für die Verbote zu ermitteln, wurden verschiedene Quellen genutzt, unter anderem die Literaturliste von PEN America, aber auch Erklärungen von Bibliotheken in Amerika, News-Artikel und Blogbeiträge. Trotzdem war es nicht möglich für alle Bücher eine aussagekräftige Quelle zu dem Grund des Verbotes zu finden.

Bei der Kategorisierung der Bücher in Genres wurden die Bücher aufgrund ihrer Handlung und Thematik eingeordnet. Dafür wurden folgende Genres genutzt: Fantasy, realistische Fiktion, Memoir/Nonfiction, soziale Problematik, Graphic Novel und Dystopien/Dark Fiction. Wenn mehrere Bücher aus einer Buchreihe gebannt wurden, wurden diese als ein Werk betrachtet.

Die ausführliche Literaturliste mit genauen und weiterführenden Angaben ist als Datenpublikation im Repositorium SAIL verfügbar.7

3 Analyse

Abbildung 1: Balkendiagramm zu Gründen des Verbotes (Eigene Darstellung)

Insgesamt wurden 78 Bücher untersucht.8 Für viele Büchern konnten wir mehrere Gründe für das Verbot oder die Anfechtung zuordnen. Die am meisten verwendete Begründung ist, dass das Buch sexuelle Inhalte hat. Dieser Aspekt wurde bei 53 Büchern angegeben (siehe Abb. 1). Danach folgen an zweiter Stelle LGBTQIA+9-Themen (24 Bücher).10 Die nächsten Plätze betreffen sexuelle Gewalt (17 Bücher), vulgäre Sprache bzw. Inhalte (15 Bücher) sowie Drogenmissbrauch (11 Bücher). Dagegen werden nur weniger Bücher wegen rassistischer, kriegsverherrlichender, religiöser oder feministischer Inhalte gebannt (siehe Abb. 1).

Außerdem werden viele Bücher gebannt, in denen die Hauptpersonen mentale Probleme haben, sie Mitglied der BIPOC-Community,11 nicht männlich, nicht hetero sind und sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren.12

Auffallend bei der Analyse ist oft eine Diskrepanz zwischen Inhalt und Begründung. Ein prominentes Beispiel ist die Comicreihe Heartstopper13 von Alice Oseman, die in einigen Schulen in Florida14 und Virginia aufgrund angeblich „sexueller Inhalte” entfernt wurde.15 Die Graphic Novels, in der sich zwei minderjährige Schüler ineinander verlieben, enthalten jedoch weder explizite sexuelle Darstellungen noch detaillierte Beschreibungen intimer Handlungen. Heartstopper konzentriert sich inhaltlich vor allem auf das Erwachsenwerden, die Entwicklung der eigenen Identität sowie die Herausforderungen eines Coming-Outs als bisexuell oder schwul. Damit bewegt sich das thematische Spektrum im Rahmen üblicher Jugendliteratur.

Bücher mit queeren Figuren oder Themen werden überproportional häufig Ziel von Zensurmaßnahmen. Hierzu zählen queere Charaktere und Identitäten oder Handlungen, die aus einer LGBTQIA+-Perspektive erzählt werden. Dies kann sich in der Sexualität oder der Geschlechtsidentität widerspiegeln und von dem einfachen Hinterfragen des eigenen Seins bis zu Aktivitäten reichen. In den wenigsten Fällen haben diese Personen auch intimen Kontakt, der detailliert beschrieben wird. Als Begründung wird beispielsweise angeführt, dass LGBTQIA+-Themen für Kinder ungeeignet seien und die Gefahr einer Indoktrination bestehe.16

4 Stimmen zu den Bücherverboten

Aus unserer Analyse sticht eine Autorin hervor, deren Werke besonders oft gebannt werden.17 Ellen Hopkins erscheint in mehreren Top 10 der am meisten angefochtenen Büchern.18 Sie selbst äußerte sich bereits mehrfach kritisch gegenüber jeglichen Formen der Bücherverbote und ist der Meinung, dass niemand die Macht haben sollte Kindern vorzuschreiben, was sie lesen können und was nicht (Flood 2009). Ebenfalls macht sie deutlich, dass sie keinen Sinn darin sieht, ihre Bücher in kindlicherer Sprache oder Symbolik zu gestalten.19 So erzählte sie 2009 dem „Kids Rights to Read”-Fond: „I don’t back-pedal and I don’t sugar-coat things for my readers. […] I don’t feel as an author I need to tip toe around addiction, sex or anything else. In my books my characters experience things as they are.”.20 Des Weiteren sieht sie sich in ihrer Position bestärkt, wenn sie Nachrichten von Lesenden erhält, die sich dafür bedanken, dass in Hopkins’ Büchern ohne Scheu Themen angesprochen werden, die normalerweise hinter verschlossenen Türen gehalten werden (Damron 2023). Die dadurch entstehende Repräsentation hilft besonders jüngeren Jugendlichen dabei sich in ihrer Identität zu finden.21 Vor allem Tabu-Themen sexueller oder häuslicher Gewalt können in der Literatur als Stütze dienen und jungen Menschen zu verstehen geben, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind (Robinson 2021). Hopkins spricht auch davon, heikle Themen mit so viel Bedacht wie möglich zu behandeln. Allerdings sei eine Szene sexueller Gewalt, genau als solche zu verstehen, unabhängig davon wie vorsichtig sie diese auch beschreiben würde (Damron 2023).

Autor*innen wie Alice Oseman verweisen darauf, dass ihre Bücher unter dem Deckmantel der Sorge um die Frühsexualisierung von Kindern gebannt würden und moralische Argumente, etwa der Schutz von Kindern, häufig als Vorwand dienen, um queere Repräsentation zu marginalisieren: „Racism, homophobia and transphobia are thriving under the guise of ‘concern for children’ “.22

Alex Hodges, Direktor und Bibliothekar der Monroe C. Gutman Library und Doktor der Pädagogik sagt: „The worst thing we can do is continue to make children feel shame for their identity or for trying to understand the world they see or hear about on TikTok.”. Damit spricht er an, dass Kinder auch außerhalb von Büchern in Bibliotheken immer einen Weg finden werden, ihre eigene Identität zu hinterfragen und zu erkunden. Indem man Kindern allerdings die Möglichkeit nimmt, sich über etwaige Gefühle oder Ideen zu informieren, nimmt man ihnen durch die Buchverbote diese Chance und ersetzt sie mit Scham (Wang 2025).

Und John Chrastka, geschäftsführender Direktor der EverythingLibrary, gibt zu bedenken, dass die Unterdrückung und das Verschweigen von Geschichten und Informationen die nächste Generation weniger fähig macht, in der Gesellschaft zu funktionieren.23

Auch Deborah Caldwell-Stone, die Direktorin des Büros für intellektuellen Frieden, der American Library Association, spricht sich laut gegen die Versuche weiterer Bücherverbote aus. Sie spricht von einer Unfähigkeit, die Rechte der individuelle Schüler*innen zu respektieren und das genau dies ihnen nichts außer Zensur vertraut machen würde.24 Sie ist der Meinung, dass Bibliotheken, als Gemeinschaftszentren der Informationen, Entdeckung und Teilhabe eine Verantwortung haben, Bücher aller Ideen und Meinungen zu sammeln, um Individuen somit die Möglichkeit zu geben eine eigene, informierte Entscheidung zu treffen.25 Des Weiteren beteuert sie: „We are no longer seeing a parent raising a concern about their student reading a book, but advocacy groups demanding broader censorship of topics they don’t believe should be in schools or where they disagree with the viewpoints expressed in the book.” Damit unterstreicht sie noch einmal, dass es sich bei den momentanen Buchverboten nicht um Einzelfälle, sondern um ein gezieltes Angreifen von Meinungen handelt.26

5 Fazit

Obgleich sich immer mehr Autor*innen, Bibliothekar*innen und andere Bürger*innen gegen Bücherverbote zu Wort melden und engagieren, verschwinden weiterhin Bücher aus den Regalen in Schulen und Bibliotheken in ganz Amerika. Auf Grund der derzeitigen politischen Lage erscheint eine schnelle Änderung jedoch eher unwahrscheinlich.

Es haben sich bereits mehrere Organisationen gegründet, die sich gegen diese Verbote auflehnen. Um ein paar zu nennen: das Florida Freedom To Write Project,27 PEN America und die ALA, der amerikanische Bibliotheksverbund. Sie zeigen die Bücher, die gebannt wurden, und helfen Menschen, die sich für diese Werke interessieren und die Bücher gerne erwerben möchten.28

Abschließend möchten wir den Beitrag mit einem Auszug aus dem Gedicht „Manifesto” der von den Bücherverboten besonders betroffenen Autorin Ellen Hopkins:

[…]
Torch every book.
Char every page.
Burn every word to ash.
Ideas are incombustible.
And therein lies your real fear.”

“Manifesto”,
Ellen Hopkins29

Literatur

Damron, Aryssa (2023): A Brief History of Banning Ellen Hopkins, in: Journal of Intellectual Freedom & Privacy, Jg. 8, Nr. 1, S. 10, DOI: 10.5860/jifp.v8i1.7916.
Flood, Alison (2009): Banned Books Week adopts author’s anti-censorship poem as manifesto, in: The Guardian.
Natanson, Hannah (2023): Objection to Sexual, LGBTQ Content Propels Spike in Book Challenges, in: The Washington Post.
Robinson, Cori H. (2021): Representation Matters, in: The Mall, Butler University, Jg. 5, Nr. 1.
Stroshane, Eric (2025): Book Bans in the U.S.: Attempts to Censor Library Materials as a Warning Sign of Antidemocratic Movements, in: API Magazin, Jg. 6, Nr. 2, DOI: 10.15460/apimagazin.2025.6.2.252.
Wang, Claire (2025): US librarians tackle „manufactured crisis“ of book bans to protect LGBTQ+ rights, in: The Guardian.

Autor/innen-Biografien

Louisa Wagner

Studierende im 6. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

Josefine Sandwall

Studierende im 6. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

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30.11.2025

Akzeptiert

03.06.2026

Veröffentlicht

08.07.2026

Ausgabe

Rubrik

Aus der Welt – International & Vielfältig

Zitationsvorschlag

Wagner, L., & Sandwall, J. (2026). Book Bans in Floridas Schulen: Inhaltliche Analyse der aus Schulbibliotheken verbannten Bücher. API Magazin, 7(2). https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.2.278