Bibliotheken in Fahrt

Ein Interview mit der Leiterin der Hamburger Bücherbusse Ingrid Achilles

Autor/innen

DOI:

https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.2.282

Schlagwörter:

Fahrbibliotheken, Interview, Selbstorganisiertes Lernen, Lernzirkel, Methode, Fort- und Weiterbildung

Begutachtung

  • Marinja Gedaschko HAW Hamburg

Abstract

Die Fahrbibliotheken unter der Bezeichnung Hamburger Bücherbusse bieten die Möglichkeit, Medien und auch andere bibliothekarische Serviceleistungen in Stadtteile ohne eigene Bücherhalle zu bringen. Um die Bibliotheken auf Rädern und ihre speziellen Angebote besser kennenzulernen, wurde ein Interview mit Ingrid Achilles geführt. Sie leitet die Hamburger Bücherbusse und ist zugleich Vorsitzende im Deutschen Bibliotheksverband für die Kommission Fahrbibliotheken im Deutschen Bibliotheksverband (dbv).

1 Einleitung

Die Hamburger Fahrbibliothek wurde 1961 gegründet, um Bibliotheksangebote auch in dünn besiedelte Stadtteile zu bringen, in denen der Weg zur nächsten Bücherhalle sehr weit ist. Dies betrifft insbesondere die südlich der Elbe gelegenen Stadtteile im Bezirk Harburg und die ländlichen Vier- und Marschlande im Bezirk Bergedorf. Betrieben wird die Fahrbibliothek von der Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen und ist an deren Leihverkehr angeschlossen. Insgesamt sind bei den Hamburger Bücherbussen zwei Fahrzeuge im Einsatz, die an den Vormittagen hauptsächlich vor Schulen und Kindertagesstätten halten und am Nachmittag Haltestellen anfahren, die von allen Bürger*innen genutzt werden können. Die Bücherbusse sind auch mit einem Rollstuhllift ausgestattet und damit barrierefrei zugänglich. 1

2 Interview

Was beinhaltet für Sie ein erfolgreiches und modernes Bücherbus-Konzept und welche spezifischen Ziele verfolgt Ihr Angebot?

Meines Erachtens gibt es nicht DAS erfolgreiche und moderne Konzept für alle Fahrbibliotheken. Die Fahrbibliothekslandschaft ist bunt und divers. Wichtig ist eine genaue Verständigung darüber, welche Zielgruppen mit dem mobilen Angebot bedient werden sollen.

Im Fall der Hamburger Bücherbusse hat sich das ursprüngliche Konzept den sich ändernden Rahmenbedingungen angepasst. Der Einsatz unserer beiden Bücherbusse ist dem Einsatz der meisten Fahrbibliotheken in Deutschland sehr ähnlich: vormittags werden Kitas und Grundschulen angefahren, nachmittags werden mehrere öffentliche Haltepunkte im Einzugsgebiet bedient.

Wie wurden die Routen, Haltestellen und der Fahrplan entwickelt?

Die beiden Hamburger Bücherbusse sind vormittags schwerpunktmäßig im Rahmen der Leseförderung unterwegs. In regelmäßigen Abständen werden Grundschulen und Kitas angefahren. Grundlage für die Kooperation sind verbindliche Pläne, nach denen einzelne Klassen bzw. Gruppen die Möglichkeit haben, aus den Bücherbusbeständen auszuleihen. Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren können in den Bussen Bücher entleihen, ohne auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen zu sein. Der Weg zur nächsten Bücherhalle ist für jüngere Kinder oft so weit, dass sie ihn allein nicht bewältigen können. Die kooperierenden Grundschulen und Kitas befinden sich überwiegend in Hamburger Stadtteilen mit einem höheren Anteil an bildungsfernen Familien.

Die Fahrpläne ändern sich immer wieder, je nachdem, wie die Zusammenarbeit mit der Grundschule oder Kita funktioniert. Es hängt dabei stark vom Interesse der maßgeblichen Personen (Kita- und Schulleitungen, Lehrkräfte, Erzieher*innen) ab, die im Laufe der Zeit wechseln. Wie sich die Nutzung der nachmittäglichen Haltepunkte entwickelt, wird regelmäßig statistisch beobachtet und ausgewertet. Soziographische Aspekte aber auch geographische Aspekte sind dazu wichtig, bzw. die Entfernung zur nächsten Bücherhalle spielen eine zentrale Rolle. Im Laufe ihrer langen Geschichte, die mit dem Einsatz des Harburger Bücherbusses seit August 1961 begann, wurde wiederholt überprüft, wie die Bücherbusse dazu beitragen können, “weiße” Flecken auf der Karte der Bücherhallen zu füllen. In den 90er Jahren gab es viele Bücherhallenschließungen, was zur Einrichtung neuer Haltepunkte führte. Bei der Gründung der Fahrbibliotheken und auch in der jüngeren Vergangenheit sind es eher Neubaugebiete, für die ein Bücherhallenangebot eingerichtet wurde. Letztlich sind die Fahrpläne immer komplett gefüllt. Das heißt, für jeden neuen Haltepunkt muss ein nicht mehr gut frequentierter Haltepunkt eingestellt werden. Dabei müssen die Fahrtrouten bedacht werden. Die Dauer der Fahrstrecken sollte in einem angemessenen Verhältnis zu den jeweiligen Öffnungszeiten der Haltepunkte stehen. Die unterschiedlichen Haltepunkte funktionieren nicht alle gleich. Eine Zeit am späteren Nachmittag ist günstiger, aber wenn der Bücherbus zu einem Haltepunkt in der Nähe einer Grundschule oder Kita kommen kann, machen auch frühere Zeiten Sinn. Auch vor diesem Hintergrund müssen Änderungen gut bedacht werden.

Welche Medien und Dienstleistungen umfasst das aktuelle Angebot des Bücherbusses und welche Zielgruppen stehen dabei im Fokus?

An den Vormittagen beschränkt sich die Ausleihe durch die Kinder und die Lehrkräfte auf Bücher. Diese Regelung wurde mit den betreffenden Kita- und Schulleitungen getroffen, um der Leseförderung optimal Rechnung tragen zu können.

Über die Medienausleihe hinaus gibt es aber noch weitere Angebote für die kooperierenden Einrichtungen:

  • Thematische Medienzusammenstellungen für Lehrkräfte und Erzieher*innen

  • Medienpädagogische Unterstützung für Lehrkräfte und Erzieher*innen

  • Bilderbuchkinos und Kamishibais für Kindergärten und Vorschulklassen

  • Lesungen, literarische Programme und Theateraufführungen für Kindergärten und Grundschulklassen

  • “Schnuppertermine” und Ferienveranstaltungen in Einrichtungen, die nicht fahrplanmäßig angefahren werden (Kitas, Flüchtlingsunterkünfte)

Nachmittags kommen häufig Familien, die das komplette Medienangebot nutzen. Die Haltestellen befinden sich häufig in Stadtrandgebieten oder auch in ländlichen Räumen (Altes Land, Vier- und Marschlande).

Das Medienangebot hat sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert. Abgesehen von den Buchbeständen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene (immer noch dreiviertel des Gesamtbestandes) gibt es Zeitschriften, DVDs, Hörbücher, Musik-CDs, Tonies und Gesellschaftsspiele auszuleihen.

Das heißt, wir sind nach wie vor mit einem niedrigschwelligen Angebot für die Medien-Grundversorgung unterwegs. Mit der Bücherhallen-Karte können selbstverständlich auch unsere Gäste alle digitalen Angebote der Bücherhallen nutzen.

Gibt es besondere Aktionen oder Veranstaltungen, die im Bücherbus oder an den Haltestellen durchgeführt werden?

Wir haben mit beiden Bücherbussen verbindliche Kooperationen mit Grundschulen und Kitas an allen Vormittagen. Die Öffnungszeiten für die offenen Haltepunkte, die wir dienstags bis freitags nachmittags anfahren, enden um 18 Uhr. Es fallen außerdem täglich vor und nach den Fahrtouren diverse Räumarbeiten und administrative Tätigkeiten an. Damit sind die täglichen Höchstarbeitszeiten von 10 Stunden arbeitsrechtlich für fast alle Kolleg*innen ausgeschöpft. Nur der Montag, der Schließungstag der dezentralen Bücherhallen, bleibt für zusätzliche Aktionen.

Wenn keine innerbetrieblichen Sitzungen, Fortbildungen oder Werkstattbesuche anstehen, können wir:

  • Lesungen mit Kinderbuchautor*innen betreuen, die wir in eine kooperierende Grundschule oder Kita einladen

  • “Schnuppertermine” für Grundschulen anbieten, mit denen wir (noch) nicht kooperieren

  • die Bücherhallen mit einem Bücherbusbesuch in Flüchtlingseinrichtungen bekannt machen

  • besondere Einrichtungen wie die Sternenbrücke (Kinderhospiz) oder SOS-Kinderdörfer besuchen

Auch an einzelnen Wochenenden sind zusätzliche Aktionen möglich:

  • Teilnahme an städtischen Formaten (Tag der Familien, Lange Nacht der Literatur, Harburg feiert Vielfalt)

  • Besondere Angebote wie beispielsweise Krimilesungen vor der eigenen Haustür

Für Sonderaktionen am Wochenende wird überwiegend der Bücherbus Bergedorf eingesetzt, da der Bücherbus Harburg fahrplanmäßig jeden Samstag zwei Haltepunkte in Lurup und am Elbe-Einkaufszentrum bedient.2

Wie finanziert sich der Betrieb des Bücherbusses, und wie messen Sie dessen Erfolg?

Die Hamburger Bücherbusse als Teil der Bücherhallen bekommen jährliche Zuwendungen von der Stadt Hamburg. Für die Erfolgskontrolle wird ein detailliertes Controlling mit der statistischen Erfassung diverser Kennzahlen eingesetzt. Für die Bücherbusse werden intern die Bestandszahlen, Umsätze, Erneuerungsquoten, Ausleihzahlen, Besuche, Veranstaltungen und Neuanmeldungen erfasst.

Bestands-, Ausleih- und Gästezahlen aller Bücherhallen werden in den Jahresberichten der Bücherhallen veröffentlicht.

Welche Formate und Kanäle nutzen Sie, um über die Bücherbus-Angebote zu informieren?

  • Website der Bücherhallen

  • Website der Stadt Hamburg

  • Lokalzeitungen

  • eigener WhatsApp Kanal der Hamburger Bücherbusse

  • Instagram

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen aktuell im Bücherbus-Betrieb? Und gibt es einen bestimmten Aspekt, auf den Sie besonders stolz sind?

Der immer stärker werdende Verkehr stellt eine große Herausforderung für jede mobile Einrichtung dar. Die steigende Zahl an Fahrzeugen mit gleichzeitig größer werdenden PKW (SUV-Anteil etwa 25 Prozent) sowie häufig unangekündigte und länger andauernde Baustellen führen regelmäßig zu Staus und Umleitungen.

Trotzdem können wir unsere Fahrpläne immer noch zu 98 Prozent einhalten, weshalb die derzeitigen Fahrstrecken antizyklisch unterwegs sind. Problematisch sind Unfälle, die meist auf den Autobahnstrecken aufkommen, dabei kann es vereinzelt zu Verspätungen kommen.

Ab und zu sind unsere Halteplätze zugeparkt, sodass wir nach einer geeigneten Ausweichstelle Ausschau halten. Es kommt aber so gut wie nie vor, dass wir einen Haltepunkt ausfallen lassen müssen.

Eine große Motivation für die Bücherbus-Arbeit sind die Rückmeldungen der kleinen und großen Gäste zu unseren Bussen. Besonders die kleinen Kinder sind von der „Hingucker-Verpackung” der rollenden Bibliothek, die zu ihnen kommt, begeistert. Oft ist die Bücherbus-Haltezeit das Highlight der Woche. Die aktuellen beiden „Full-Size”-Bücherbusse (12,5 m lang) sind eigentlich für eine Bibliothek klein. Wenn man aber eintritt (der Zugang ist dank eines Lifts barrierefrei), empfindet man den Raum erstaunlich geräumig. Die Einrichtung ist modern mit möglichst viel Tageslicht und einer gemütlichen Sitzbank für eine angenehme Aufenthaltsqualität. Modulregale erleichtern variierende Bestandsangebote. Es gibt einen Monitor für digitale Angebote und höhenverstellbare Theken für ergonomisches Arbeiten.

Studien belegen mittlerweile, dass die Leseförderung am besten mit Büchern funktioniert. Mit der raumbedingten Fokussierung auf unser Kerngeschäft, das Ausleihen von Büchern und Medien, fördern wir den Erwerb der Lesekompetenz bei Kindern nachhaltig. In den Kitas und Grundschulen erreichen wir, vor allem in sozial benachteiligten Stadteilen, auch die Kinder, die zu Hause keine Unterstützung beim Lesen erhalten. Da unsere Bücherbusse die Einrichtungen regelmäßig anfahren, bleibt es nicht bei einem einmaligen Besuch, sondern die Kinder können fortlaufend Bücher ausleihen. Wir bieten ein niedrigschwelliges Bibliotheks- und Bildungsangebot, bei dem die dankbaren Rückmeldungen unserer Kund*innen uns jeden Tag daran erinnern, dass unsere Arbeit eine sinnstiftende Tätigkeit ist.

Das Interview mit Ingrid Achilles wurde am 08.11.2025 in schriftlicher Form per E-Mail geführt.

Autor/innen-Biografie

Daniel Asada Reiß

Studierender im 6. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

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02.12.2025

Akzeptiert

25.02.2026

Veröffentlicht

08.07.2026

Ausgabe

Rubrik

Aus dem Job – Praxis & Beruf

Zitationsvorschlag

Reiß, D. A. (2026). Bibliotheken in Fahrt: Ein Interview mit der Leiterin der Hamburger Bücherbusse Ingrid Achilles. API Magazin, 7(2). https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.2.282