Die Rolle von Open Access und Rankings in der Volkswirtschaftslehre
DOI:
https://doi.org/10.15460/kommges.2025.26.1.1868Begutachtung
Abstract
Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass sich das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings aufgrund der starken Orientierung an einer Reputationshierarchie nicht verändert hat. Dennoch unterscheidet sich das Publikationsverhalten je nach institutioneller Anbindung und Karrierestufe der Forschenden. Eine Analyse offenbart die Diversität der in der Volkswirtschaftslehre publizierten Inhalte. Es wird ersichtlich, dass neben hochrangigen internationalen Journals eine Vielzahl weiterer Zeitschriften und Working Paper für die Forschenden von zentraler Relevanz sind.
1 Einleitung
In den vergangenen 20 Jahren erfolgte durch die Open-Access-Bewegung eine Transformation auf verschiedenen Ebenen des wissenschaftlichen Publikationssystems (Berliner Erklärung, 2003; Brown et al., 2003; Budapest Open Access Initiative, 2002; ECHO Network, 2002; UNESCO, 2021). Ihr übergeordnetes Ziel besteht darin, wissenschaftliche Forschung aus sämtlichen Disziplinen zum Vorteil der Forschenden sowie der Gesellschaft als Ganzes frei verfügbar und nachnutzbar zu machen. Dieser Anspruch trifft auf Praktiken der Forschungsbewertung, die sich insbesondere auf die Messung von Zitationen, Journal-Impact-Faktoren und Rankings stützen, was vielfach kritisiert wird (Hicks et al., 2015; Larivière & Sugimoto, 2019; Sivertsen, 2022; Wouters et al., 2019). Eine angemessene Interpretation der quantitativen Indikatoren oder der Verzicht auf diese im Rahmen von Berufungsverfahren wurde wiederholt gefordert (CoARA, 2022; DORA, 2012; Hicks et al., 2015; Moher et al., 2020).
Trotz dieser Forderungen ist in der wissenschaftlichen Disziplin Volkswirtschaftslehre die Orientierung an einer Reputationshierarchie, die Forschenden auf Grundlage von Veröffentlichungen in hochrangigen internationalen Journals Reputation verleiht, auch heute noch stark ausgeprägt (Butz & Wohlrabe, 2016; Hofmeister & Ursprung, 2008; Krapf & Schläpfer, 2012; Maeße, 2015; Osterloh & Frey, 2015). Für eine wissenschaftliche Karriere sind diese Veröffentlichungen maßgeblich, da anhand eben dieser Reputationshierarchie im Rahmen von Stellenbesetzungsverfahren Forschungsleistungen auf Grundlage von Journal-Impact-Faktoren und Rankings bewertet werden (Ash et al., 2015; Bornmann et al., 2018; Haucap et al., 2017; Schläpfer & Schneider, 2010). Mit der regelmäßigen Veröffentlichung des Handelsblatt-Ökonomen-Rankings (https://www.forschungsmonitoring.org/ranking/vwl/authors) ist seit 2005 in der Volkswirtschaftslehre in Deutschland ein entscheidender Faktor hinzugekommen, der die Bewertung von Forschungsleistungen determiniert (Berlemann & Haucap, 2015; Butz & Wohlrabe, 2016; Hofmeister & Ursprung, 2008; Krapf & Schläpfer, 2012). Dieses Ranking umfasst Volkswirt:innen, die im deutschsprachigen Raum forschen oder aus Deutschland stammen. Ihre Publikationen aus den letzten zehn Jahren werden durch ein Punktesystem mit dem Journal-Renommee in Beziehung gesetzt, sodass eine Rangliste auf Basis der Publikationsleistung entsteht. Es bestehen also starke Anreize für Forschende in der Volkswirtschaftslehre, ihr Publikationsverhalten hauptsächlich auf Impact-Faktoren und Rankings auszurichten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich das Publikationsverhalten von Volkswirt:innen seit der Einführung von Open Access und Rankings verändert hat. Hier vorgestellt werden zentrale Ergebnisse aus einer empirischen Untersuchung, die in einem Mixed-Methods-Ansatz eine quantitative Analyse mit einem qualitativen Verfahren verbindet (Biesenbender, 2025). Zum einen wurden Publikationslisten von Volkswirt:innen in Deutschland analysiert, zum anderen Experteninterviews mit Forschenden aus der Volkswirtschaftslehre zu ihrem Publikationsverhalten geführt und ausgewertet. Damit gibt der vorliegende Beitrag den aktuellen Stand der Publikationspraxis in dieser sozialwissenschaftlichen Disziplin wieder. Er zeigt außerdem Gründe für die (nicht) stattfindenden Wandlungsprozesse in diesem Fach auf, die sich auf die digitale Transformation zurückführen lassen.
1.1 Untersuchungsgegenstand: Das Publikationsverhalten in der VWL
Ein interessanter Aspekt der Volkswirtschaftslehre als Untersuchungsgegenstand ist die ausgeprägte Hierarchisierung von Fachzeitschriften im Vergleich zu anderen Disziplinen (Butz & Wohlrabe, 2016; Hofmeister & Ursprung, 2008; Krapf & Schläpfer, 2012; Maeße, 2015; Osterloh & Frey, 2015). An der Spitze dieser Hierarchie befinden sich hochrangige internationale Zeitschriften (Bornmann et al., 2018). In der Volkswirtschaftslehre hat sich dies in der sogenannten „Tyrannei der Top Five“ – The American Economic Review (AER), Econometrica (ECMA), The Journal of Political Economy (JPE), The Quarterly Journal of Economics (QJE) und The Review of Economic Studies (ReStud)1 – manifestiert (Heckman & Moktan, 2020). Publikationen in hochrangigen Fachzeitschriften stellen ein zentrales Auswahlkriterium in Bewerbungsverfahren dar. Dies führt zu einer hohen Anzahl von Einreichungen für diese Zeitschriften und entsprechenden Ablehnungsquoten. Der starke Selektionsdruck im Publikationsprozess sowie in den anschließenden Bewerbungsverfahren wird von (Nachwuchs-)Forschenden oftmals als Tyrannei empfunden.
Es stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien Zeitschriften als hochrangig klassifiziert werden, während andere Zeitschriften dahinter zurückstehen. Das Ansehen von Zeitschriften wird häufig durch den Journal-Impact-Faktor bestimmt (Bray & Major, 2022; Larivière & Sugimoto, 2019). Die Bildung hoher Journal-Impact-Faktoren wird durch die hohe Anzahl an Zitationen von Beiträgen einer Zeitschrift innerhalb eines definierten Zeitraums begünstigt, dabei erlauben die zugrundeliegenden Metriken Aussagen über die Zahl der Zitationen einzelner Beiträge und nicht über die Zeitschriften als Ganzes (Bornmann et al., 2018). Die Wertschätzung, die die Fachcommunity den publizierten Ergebnissen entgegenbringt, manifestiert sich also in der Reputation bestimmter Journals. Auf Grundlage dieser institutionalisierten Form der Anerkennung konstituiert sich eine Sozialstruktur in wissenschaftlichen Gemeinschaften – eine Reputationshierarchie (Luhmann, 1970; Taubert & Weingart, 2016). Forschende orientieren sich an ihren Kolleg:innen und Publikationen, denen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft ein hohes Ansehen zugeschrieben wird. Die Orientierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft an der erworbenen Reputation kann als ein sich selbst verstärkender Prozess verstanden werden, der eine bestehende Reputationshierarchie verfestigt (Osterloh & Frey, 2015).
Für die Forschenden der Volkswirtschaftslehre stellen hochrangige Zeitschriften ein zentrales Publikationsmedium dar. Insofern ist es überraschend, dass auch Working Paper eine zentrale Rolle spielen. Auch in diesen werden wissenschaftliche Ergebnisse publiziert. In der Volkswirtschaftslehre sind sie als eigenständige Publikationen etabliert und so fest in der Disziplin verankert, dass sich von einer gewachsenen Working-Paper-Kultur sprechen lässt (Baumann & Wohlrabe, 2020). Einige naturwissenschaftliche Disziplinen verfügen über eine ähnliche Working-Paper-Kultur oder haben erst kürzlich – wie die Lebenswissenschaften – im Zuge der Corona-Pandemie die Potenziale von Working Papern für sich entdeckt (Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Fraser et al., 2021; Waltman et al., 2021). Working Paper sind in der Volkswirtschaftslehre insbesondere als relevante Veröffentlichung anerkannt, wenn sie in angesehenen Reihen erscheinen. Eine der ältesten Reihen stellen die Cowles Discussion Papers dar, die seit den 1950er Jahren existieren. Seit 1997 sind Working Paper in digitaler Form über die Seite von RePEc (http://repec.org/) zugänglich (Seiler & Wohlrabe, 2010) und später insbesondere Working Paper aus Deutschland auch über EconStor (https://www.econstor.eu/). Mit Ausnahme renommierter Reihen wie der des National Bureau of Economic Research (NBER) und des Centre for Economic Policy Research (CEPR) sind Working Paper in der Mehrzahl digital frei zugänglich (Baumann & Wohlrabe, 2020), also Open Access publiziert.
Dies trägt zur besseren Sichtbarkeit von Working Paper bei. Sie werden auch vielfach zitiert, was ihre Relevanz unterstreicht. Entsprechend sind für die Forschenden in der Volkswirtschaftslehre an dieser Stelle die Anreize geringer, über die Journal-Veröffentlichung Sichtbarkeit herzustellen. Allerdings unterliegt eine Publikation von Forschungsergebnissen in Form eines Working Papers nicht denselben Selektionskriterien, denen hochrangige Zeitschriften folgen. In der Konsequenz ermöglichen sie eine frühzeitige Sichtbarmachung und Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse. Denn Working Paper durchlaufen keinen von einer Zeitschrift oder Konferenz organisierten Begutachtungs- und Publikationsprozess, der in den Wirtschaftswissenschaften durchschnittlich 18 Monate dauert (Björk & Solomon, 2013; Conley et al., 2013) – obschon die Working-Paper-Reihen auf eine Qualitätssicherung achten. In der Volkswirtschaftslehre wird bei der Publikation von Working Papern in der Regel keine Nachveröffentlichung in einem Journal ausgeschlossen, während dies in anderen Disziplinen unterschiedlich gehandhabt wird (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Chiarelli et al., 2019; Relman, 1981; Severin et al., 2020).
Selbstverständlich besteht auch die Möglichkeit, Artikel in Open-Access-Zeitschriften zu publizieren. Im Vergleich zu anderen Disziplinen existieren jedoch bisher nur wenige Open-Access-Zeitschriften in der Volkswirtschaftslehre. So sind Anfang 2024 im Directory of Open Access Journals (DOAJ) 490 ökonomische Journals verzeichnet – die oben genannten Top Five gehören nicht dazu. Basierend auf Scopus-Daten ließ sich zeigen, dass nur 11,8 % aller Journals in der Fachdisziplin Economics, Econometrics, and Finance (N = 941) auf Open-Access-Journals entfallen, während der Anteil im Durchschnitt aller Disziplinen bei 18,4 % liegt (Björk & Korkeamäki, 2020). Hochrangige Open-Access-Zeitschriften (Anteil der Top-10 platzierten Open-Access-Journals auf Basis des Scimago Journal Rank (SJR)) sind in den Bereichen Wirtschafts- und Finanzwissenschaften (2,1 %) kaum sowie in der BWL (0 %) gar nicht existent (Björk & Korkeamäki, 2020). Dies impliziert, dass die Anreize für Forschende, in diesem Fachgebiet in Open-Access-Zeitschriften zu publizieren, in Bezug auf die Karriereaussichten als gering einzustufen sind. Und dies, obwohl sich zeigen lässt, dass frei verfügbare wirtschaftswissenschaftliche Journals einen Zitationsvorteil aufweisen (McCabe & Snyder, 2015).
Dennoch hat eine Erhebung unter Wirtschaftswissenschaftler:innen an deutschen Hochschulen ergeben, dass von allen genannten Open-Science-Praktiken Open Access und Open Source im Arbeitsalltag der Befragten die größte Rolle spielen (Scherp et al., 2020) – vor allem aber in Bezug auf Working Paper. Die Frage, ob die Forschenden bereits im Open Access publiziert haben, bejahten 34 % der Befragten; 61 % davon haben ein Working Paper auf einem Repositorium und 59 % einen Artikel in einem Open-Access-Journal veröffentlicht (Scherp et al., 2020). Diese Tendenz lässt sich auch auf vergleichbarem Niveau für die Sozialwissenschaften insgesamt beobachten (Zhu, 2017).
1.2 Forschungsinteresse
Ausgangspunkt der vorliegenden Studie sind zwei Ereignisse, von denen sich annehmen lässt, dass sie die Rahmenbedingungen des Publizierens in der Volkswirtschaftslehre in Deutschland maßgeblich beeinflusst haben. Das erste Ereignis ist die Berliner Erklärung im Jahr 2003, mit der die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen sich zur Wissensverbreitung nach dem Prinzip des Open Access bekennen. Die Berliner Erklärung setzt den Startpunkt für die Open-Access-Transformation in Deutschland. In ihrer Folge werden Rahmenbedingungen, wie Open-Access-Policies, Publikationsfonds, Transformationsverträge, entwickelt und gesetzt, die Forschende darin unterstützen, wissenschaftliche Erkenntnisse frei zur Verfügung zu stellen. Mittlerweile sind im Rahmen von Drittmittelprojekten Open-Access-Publikationen teils sogar verpflichtend. Das zweite Ereignis ist die erstmalige Veröffentlichung des Handelsblatt-Rankings im Jahr 2005. Das Ranking setzt nach der Einführung von New Public Management (NPM) in der deutschen Hochschulpolitik in den 1990er Jahren und der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2005/2006 Maßstäbe für die Leistungsbewertung in der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre. Die Platzierung von Forschenden im Ranking wird seither im Rahmen von Berufungsverfahren oder bei der Vergabe von Forschungsmitteln herangezogen (Ash et al., 2015; Osterloh & Frey, 2015; Taubert & Weingart, 2016; Zuber & Engels, 2015). Während bei der Open-Access-Bewegung der freie Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen im Vordergrund steht, setzt das Handelsblatt-Ranking Anreize für Forschende, möglichst viel in hochrangigen Journals zu publizieren.
Vor dem Hintergrund dieser beiden Entwicklungen stellt sich die Frage, ob sich das Publikationsverhalten von Forschenden in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings verändert hat. Zur Beantwortung der Frage fokussiert sich die Untersuchung auf in der Volkswirtschaftslehre zentrale Publikationsmedien wie Journal-Artikel und Working Paper. Dabei gilt es zu beachten, dass einerseits Artikel in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften in der Volkswirtschaftslehre eine zentrale Rolle für den Erwerb von Reputation spielen und andererseits die existierende Working-Paper-Kultur genutzt wird, um wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig zirkulieren und diskutieren zu lassen. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Funktionen von wissenschaftlichen Publikationen wird diesbezüglich analysiert.
2 Methoden und Daten
Um die verschiedenen Aspekte des Forschungsinteresses zu adressieren, wird das Publikationsverhalten von ausgewählten Volkswirt:innen in Deutschland seit der Berliner Erklärung 2003 bis an den Rand 2020 erhoben. Darüber hinaus ist zu untersuchen, welche Einstellungen ein verändertes oder unverändertes Publikationsverhalten motivieren. Dazu wird ein Mixed-Methods-Ansatz gewählt, um Synergieeffekte aus einer quantitativen Analyse des Publikationsoutputs von Volkswirt:innen und eine qualitative Untersuchung anhand von Experteninterviews zu erzielen (Kelle, 2014; Kuckartz, 2014). Als Datengrundlage für die quantitative Analyse dient das Fachportal der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft (ZBW) EconBiz (https://www.econbiz.de/). Es gibt verschiedene Datenbanken, die als Datenquelle für eine bibliometrische Analyse genutzt werden können. Diese weisen jedoch unterschiedliche Merkmale auf und wurden mit unterschiedlichen Zielsetzungen konzipiert, weshalb sie für die Beantwortung bestimmter Forschungsfragen mehr oder weniger geeignet sind (Moral-Muñoz et al., 2020). EconBiz weist für das Forschungsinteresse einige Vorzüge auf: Der Fokus von EconBiz liegt auf deutschsprachigen Texten, das heißt, die Datenbasis enthält viele Publikationen, die im Web of Science oder Scopus unterrepräsentiert sind. Gleichzeitig schließt EconBiz anglo-amerikanische Veröffentlichungen ein, die für die deutschsprachige Volkswirtschaftslehre relevant sind. Hinzu kommt der Fokus auf wirtschaftswissenschaftliche Publikationen. Und EconBiz bildet unterschiedliche Publikationsmedien ab – also auch die in der Volkswirtschaftslehre relevanten Working Paper.
Für die Analyse wurden in der Datenbank von EconBiz 597 Volkswirt:innen identifiziert, die für eine tiefergehende Betrachtung in Frage kommen (da sie an einer deutschen wissenschaftlichen Einrichtung beschäftigt sind, in den Jahren 2003 bis 2020 publiziert haben und mindestens zehn Publikationen aufweisen). Auf Basis ihres Alters wurden diese Personen in drei Gruppen eingeteilt, nämlich Promovierte ohne Professur (30–49 Jahre), jüngere Professor:innen (30–49 Jahre) und ältere Professor:innen (50–79 Jahre). Für die finale Auswertung wurden aus den Gruppen jeweils 100 Personen zufällig ausgewählt und ihre Publikationslisten heruntergeladen. So konnten 17.397 Publikationen in die bibliometrische Analyse eingehen.
Um die relevanten Aspekte der Wissensproduktion, die das Publikationsverhalten bestimmen, erfassen zu können, wurden Experteninterviews durchgeführt (Mey & Mruck, 2007; Witzel, 2000). Der Leitfaden für die Interviews stützte sich auf erste Erkenntnisse aus der quantitativen Untersuchung. Analysiert wurden die Interviews via Grounded Theory, die ein iteratives Verfahren zur systematischen Auswertung qualitativer Daten bietet (Strauss & Corbin, 1999). Auf diese Weise konnten Anreize bzw. Motivationen für das Publikationsverhalten der VWL-Forschenden identifiziert werden.
Für die Interviews wurden insgesamt elf Interview-Partner:innen gewonnen, wobei acht Personen auch in der Stichprobe der bibliometrischen Studie zu finden waren. Bei der Auswahl der Interview-Partner:innen wurde ein besonderes Augenmerk auf ihre Unterschiedlichkeit (z.B. Geschlecht, Karrierestufe, Alter, Institution, Anzahl Publikationen) gelegt, um möglichst vielfältige Antworten im Hinblick auf das Forschungsinteresse zu erlangen (Strübing, 2014).
3 Zentrale Ergebnisse
Die Ergebnisse der Mixed-Methods-Studie lassen sich in fünf Themenblöcken zusammenfassen und diskutieren: Strategisches Publizieren, Rankings und Karriere, Open Access, Working Paper und Vielfalt.
3.1 Strategisches Publizieren
In vielen Disziplinen stellen Journal-Artikel das zentrale Publikationsmedium dar – das gilt innerhalb der Sozialwissenschaften insbesondere für die Volkswirtschaftslehre. Daneben sind Working Paper ein ebenso traditionsreiches und relevantes Publikationsmedium in der Volkswirtschaftslehre. Das spiegelt sich auch in dieser Untersuchung, in welcher knapp 90 % aller Veröffentlichungen der Stichprobe auf diese beiden Publikationsmedien entfallen. Knapp die Hälfte aller Publikationen in diesem Datensatz entfällt auf Journal-Artikel, gefolgt von Working Papern mit einem Anteil von gut 40 %.
In den jüngeren Jahren des Untersuchungszeitraum von 2003 bis 2020 fällt der Anteil von Journal-Artikeln in der Stichprobe stetig höher aus. Da der Anteil von Working Papern fast unverändert bleibt, geht dies zulasten der Veröffentlichung von Büchern und Aufsätzen in Sammelbänden. Es lässt sich auf die zunehmende Relevanz von Journal-Artikeln für die wissenschaftliche Laufbahn zurückführen, die sich in dem Trend zur kumulativen Dissertation und Habilitation zeigt. Die Dominanz von Journal-Artikeln und Working Papern als Veröffentlichungsmedien ist bei Postdocs und jüngeren Professor:innen besonders ausgeprägt (siehe Abbildung 1). Das lässt darauf schließen, dass Buchveröffentlichungen in der Volkswirtschaftslehre zukünftig noch weiter an Bedeutung verlieren (Kulczycki et al., 2018; Leininger, 2009; Maeße, 2015). Dies zeigt sich im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften, in denen Field-Journals, Monografien und Sammelbände noch einen höheren Stellenwert haben und die Ausrichtung auf Rankings nicht so stark ausgeprägt ist.
Auch im Anschluss an Vorträge auf Konferenzen werden häufiger Journal-Artikel publiziert und immer seltener Aufsätze in Sammelbänden. Mit dieser Entwicklung nimmt die Bedeutung von Zeitschriften und ihren Selektionsentscheidungen für die Bewertung von Forschungsleistungen noch einmal deutlich zu. Die Interviews zeigen auch, dass Forschende in der Volkswirtschaftslehre zielgerichtet publizieren, z.B. durch eine Auswahl geeigneter Zeitschriften. Die Forschenden können sehr gut einschätzen, welche Zeitschriften die Maßstäbe setzen und welche Methoden Anwendung finden sollten, wenn sie anstreben, Beiträge in diesen Journals einzureichen:
„Und da gibt es ein paar sehr hochrangige Publikationen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft, die bestimmte Methoden genommen haben. Und die bilden dann immer so eine Art Benchmark-Verhalten in diesem methodischen Bereich.“ (Interview_09, Pos. 30)
Sie betonen auch, Beiträge gezielt inhaltlich und formal an den Vorgaben der Zeitschriften auszurichten. Ablehnungen nehmen die Forschenden zum Anlass, Beiträge (in überarbeiteter Form) bei anderen Zeitschriften neu einzureichen und das notfalls immer wieder, was auch als „Cascading“ bezeichnet wird (Osterloh & Frey, 2015; Taubert & Weingart, 2016). Auch ist es aus Sicht der Forschenden rational, die Zahl der Publikationen und damit auch Zitierungen zu erhöhen, um in Rankings besser abzuschneiden. Zudem lässt sich mithilfe von Co-Autorenschaften die Anzahl der Publikationen steigern. Gerade die nachfolgende Generation von Forschenden, also die Postdocs und jüngeren Professor:innen, veröffentlicht in größeren Gruppen von Autor:innen. Ein erstes zentrales Ergebnis lautet also, dass insbesondere die jüngeren Professor:innen strategisch publizieren.
3.2 Rankings und Karriere
Ein zweites zentrales Ergebnis ist, dass es gerade zu Karrierebeginn auf Rankings ankommt. Dafür ist strategisches Publizieren wichtig, um ein Signal mit hochrangigen Publikationen an den Arbeitsmarkt zu senden. Diese Publikationen werden von den Interviewten auch als „Job-Market-Paper“ bezeichnet. In der Abbildung 2 sind die Journal-Artikel der Stichprobe dargestellt, denen jeweils der Scimago Journal Rank (SJR) zugeordnet wurde. Dieser wird auf der Basis von Scopus-Daten als Kennzahl für die Reputation eines Journals herangezogen. Die Abbildung zeigt, dass insbesondere die jüngeren Professor:innen (hier jeweils der mittlere Balken) in höher bewerteten Zeitschriften veröffentlichen. Bei einem Ranking größer als 2 ist der Vorsprung von jüngeren Professor:innen vor den anderen beiden Gruppen besonders groß.
Das Ergebnis verwundert nicht, da Artikel in möglichst hochrangigen internationalen Zeitschriften eine Voraussetzung darstellen, um eine Professur zu erlangen, was auch das folgende Zitat zeigt:
„[…] nicht mehr die Titel und Themen der Veröffentlichung anzugucken, sondern nur erbsenmäßig zu zählen, was sind A, B, C, D-Journals. Wieviel Punkte kommen da raus? Und wenn einer diese Mindestpunktzahl nicht hat, dann wurde er zum Vortag nicht eingeladen.“ (Interview_03, Pos. 14)
Dementsprechend ist bei den jüngeren Professor:innen der Anteil von Publikationen in englischer Sprache mit Abstand am höchsten, da diese vielfach in internationalen Journals veröffentlichen.
3.3 Open Access
Dass Ökonom:innen sich nicht als Treiber von Open Access zeigen, sondern dass sie vielmehr ihr Publikationsverhalten an veränderte Rahmenbedingungen anpassen, ist der dritte Befund. Auffällig ist vor diesem Hintergrund, dass der Anteil von Open-Access-Publikationen in den Jahren des Untersuchungszeitraums stetig höher ausfällt (siehe Abbildung 3). Dabei weisen jüngere Forschende mehr Open-Access-Publikationen auf als Ältere.
Auffällig in den Interviews ist, dass die Forschenden an Fragen des Open Access eher desinteressiert sind. Ganz im Gegensatz zur Darstellung des eigenen Publikationsverhaltens in Bezug auf die Journal-Wahl. Eine strategische Ausrichtung der Forschenden, bewusst Open-Access-Publikationen anzustreben, lässt sich in den Interviews nicht finden, wie das folgende Zitat deutlich macht:
„Ja, wir sollen ausdrücklich – und haben das Geld dafür auch zur Verfügung […] Open Access veröffentlichen. Das ist schon die Vorgabe. Das geht nicht immer. […] Bei diesen eher klassischen Journals.“ (Interview_01, Pos. 48)
Vielmehr machen Forschungsförderer und die Institutionen der Forschenden Vorgaben, Open Access zu publizieren. Damit verändern diese die Kontexte, in denen Wissenschaftler:innen veröffentlichen. Die Interviewten bestätigen dies.
3.4 Working Paper
Das vierte zentrale Ergebnis lautet: Working Paper stellen einerseits ein in der Volkswirtschaftslehre nach wie vor eigenständiges, anerkanntes Veröffentlichungsmedium dar; andererseits werden sie auch als zielgerichtete Vorveröffentlichung genutzt. Der hohe Stellenwert von Working Papern erklärt, warum die Potenziale von Open-Access-Journals kaum gesehen und ausgeschöpft werden:
„Dann muss es auch in die […] Discussion Papers. Insofern war ja meine Forschung immer sichtbar. Und Open Access von Journals ist für mich völlig irrelevant gewesen, in jeder Hinsicht.“ (Interview_11, Pos. 56)
Darüber hinaus können Working Paper als Vorveröffentlichung Forschungsergebnisse sichtbar machen und Forschungsthemen besetzen, bis sie in einem Journal-Artikel publiziert sind. Bei den jüngeren Professor:innen basieren 40 % der Journal-Artikel auf einem Working Paper (siehe Abbildung 4). Bei den anderen Gruppen sind es deutlich weniger. Also sind die jüngeren Professor:innen vergleichsweise effizient darin, ihre Forschungsergebnisse nach der Vorveröffentlichung auch formal in Journals zu veröffentlichen.
3.5 Vielfalt
Auffällig ist eine Diskrepanz in der Auseinandersetzung mit dem Publikationsverhalten: Die Forschenden sprechen in den Interviews viel über strategisches Publizieren, Rankings und Zitationskartelle und die Barrieren, wenn es um ihre Publikationstätigkeit geht. Als Barrieren, um in hochrangigen Journals publizieren zu können, werden folgende genannt: interdisziplinäre Forschung, Anwendung qualitativer Methoden oder auch eine ökonomische Ausrichtung jenseits des Mainstreams. Dabei zeigen die bibliometrischen Daten, dass Forschende in der Volkswirtschaftslehre sehr vielfältig publizieren. Der Blick auf die starke Hierarchisierung von Zeitschriften in der Volkswirtschaftslehre verschleiert, dass Forschende in der Volkswirtschaftslehre auch häufig in deutschsprachigen Zeitschriften – auch ohne Ranking – publizieren. Die Tabelle mit den Top-20-Zeitschriften der meisten Veröffentlichungen zeigt dies deutlich: Unter den Top-20 sind viele deutschsprachige Zeitschriften und nur acht davon sind im SJR aufgeführt (siehe Tabelle 1).
| Rang | Journal | Scimago Journal Rank (SJR) | Sprache | Artikelzahl |
| 1 | ifo-Schnelldienst | 0 | Deutsch | 716 |
| 2 | DIW Wochenbericht | 0 | Deutsch | 600 |
| 3 | Wirtschaftsdienst | 0,225 | Deutsch | 555 |
| 4 | IW-Kurzberichte | 0 | Deutsch | 182 |
| 5 | Economics Letters | 0,884 | Englisch | 174 |
| 6 | DIW Economic Bulletin | 0 | Englisch | 137 |
| 7 | IAB-Kurzbericht | 0 | Deutsch | 135 |
| 8 | IW-Trends | 0 | Deutsch | 123 |
| 9 | Perspektiven der Wirtschaftspolitik | 0,208 | Deutsch | 118 |
| 10 | ifo Dresden berichtet | 0 | Deutsch | 109 |
| 11 | European Economic Review | 1,905 | Englisch | 108 |
| 12 | Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung | 0 | Deutsch | 106 |
| 13 | Das Wirtschaftsstudium | 0 | Deutsch | 95 |
| 14 | Wirtschaft im Wandel | 0 | Deutsch | 91 |
| 15 | Applied Economics | 0,569 | Englisch | 89 |
| 16 | Applied Economics Letters | 0,376 | Englisch | 86 |
| 17 | Journal of Economic Behavior & Organization | 1,256 | Englisch | 73 |
| 18 | Wirtschaftswissenschaftliches Studium | 0 | Deutsch | 71 |
| 19 | DIW Weekly Report | 0 | Englisch | 68 |
| 20 | European Journal of Political Economy | 1,301 | Englisch | 65 |
Das führen die Interviewten darauf zurück, dass nur einige wenige Artikel in hochrangigen internationalen Zeitschriften ausreichen, um eine Professur zu erlangen. Die Vielfalt im Publizieren bestätigt sich auch darin, dass die Möglichkeit angesprochen wird, Publikationsorte unabhängig von Rankings auswählen zu können:
„Ich reiche immer da ein, wo ich glaube, dass ich die besten Chancen habe, wo die Artikel am besten passen. Fast völlig unabhängig, ob die Zeitschrift jetzt gut oder schlecht gerankt ist.“ (Interview_4, Pos. 52)
4 Diskussion
Für die Frage nach der Rolle von Open Access in der Disziplin Volkswirtschaftslehre erscheinen insbesondere drei Perspektiven erkenntnisfördernd, die im Folgenden diskutiert werden sollen. Erstens erfüllen unterschiedliche Publikationsmedien bestimmte Funktionen, die die Publikationsentscheidungen der Forschenden in der Volkswirtschaftslehre determinieren. Hier wird deutlich, inwieweit die Entscheidung für die Publikation eines Working Papers bereits die Potenziale von Open Access ausschöpft, während das Reputationsstreben der Forschenden die Publikation eines Zeitschriftenartikels forciert. Zweitens zeigt ein zum Teil unterschiedliches Publikationsverhalten in den verschiedenen Karrierephasen, die Relevanz von Publikationen für den beruflichen Werdegang. Drittens zeigt das Verhältnis von Open Access und der Verbindung von Zeitschriften und Verlagen, inwiefern sich die Open-Access-Transformation vor allem auf der Ebene der Trägerorganisationen und Publikationsinfrastrukturen vollzieht.
4.1 Funktionen verschiedener Publikationsmedien
In welchem Verhältnis stehen nun die beiden in der Volkswirtschaftslehre relevanten Publikationsmedien Journal-Artikel und Working Paper zueinander und welche Funktionen erfüllen sie jeweils für die Forschenden und das wissenschaftliche Publikationssystem insgesamt? Die Interviews bestätigen, dass Working Paper eine lange Tradition in den Wirtschaftswissenschaften aufweisen. Eine zentrale Funktion von Working Papern ist es aus Sicht der Forschenden, Sichtbarkeit für die eigenen Forschungsergebnisse herzustellen, wofür die Veröffentlichung im Open Access Vorteile gegenüber vielen Journal-Veröffentlichungen aufweist (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Fraser et al., 2022; Ni & Waltman, 2024). Das lässt sich auch für diese Untersuchung zeigen, in der die Relevanz von Veröffentlichungen in etablierten und angesehenen Working-Paper-Reihen in der Volkswirtschaftslehre für die Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen betont wird. Die Präsentation von Working Papern und die Diskussion der Ergebnisse auf Konferenzen ist fester Bestandteil des wissenschaftlichen Austauschs. Dabei können die Ergebnisse auch auf mehreren Konferenzen präsentiert und anschließend als Journal-Artikel publiziert werden.
Die Veröffentlichung von Working Papern in etablierten Working-Paper-Reihen ist zugleich ein Qualitätsausweis, da die Reihen institutionalisierten Qualitätskontrollen unterliegen. Die Qualität von Working Papern wird von den Befragten grundsätzlich als gut eingeschätzt, was insbesondere für die Volkswirtschaftslehre zu gelten scheint, da andere Befragungen über alle Disziplinen hinweg ergeben haben, dass die Qualität von Working Papern kritischer hinterfragt wird (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Chiarelli et al., 2019). Die als gut eingeschätzte Qualität von Working Papern in der Volkswirtschaftslehre zeigt sich auch darin, dass fast alle Befragten angeben, Working Paper zu zitieren, was sich auch für das Zitieren von Preprints in anderen Disziplinen nachweisen lässt (Fraser et al., 2020; Fu & Hughey, 2019; Serghiou & Ioannidis, 2018). Wird jedoch ein Journal-Artikel veröffentlicht, der auf dem Working Paper basiert, wird dieser in der Regel zitiert. Dies ist wichtig, da die Ergebnisse erst dann im Peer-Review-Verfahren geprüft wurden und als reputationswürdig gelten. Über (zitierte) Working Paper bauen Forschende hingegen kaum Reputation auf. Dies deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Fraser et al., 2022; Kodvanj et al., 2022).
Es lässt sich festhalten, dass die Veröffentlichung von Working Papern und Journal-Artikeln keine Entscheidung für das eine oder andere Publikationsmedium darstellen muss. Vielmehr kann es sich um eine Abfolge handeln, in der Working Paper mit der Absicht veröffentlicht werden, die präsentierten Ergebnisse auch als Journal-Artikel zu publizieren (Chiarelli et al., 2019; Tennant et al., 2018). Die Interviewpartner:innen geben an, dass die Vorveröffentlichung von Working Papern in der Volkswirtschaftslehre üblich und auch internationaler Standard ist. Insgesamt deutet dies jedoch auf einen Wandel der Working-Paper-Kultur in der Volkswirtschaftslehre hin. Denn Working Paper in der Volkswirtschaftslehre unterscheiden sich traditionell durchaus von Preprints z.B. in den Lebenswissenschaften. In den Lebenswissenschaften unterscheiden sich Preprints von den darauf aufbauenden Veröffentlichungen, etwa wenn im Rahmen des Begutachtungsprozesses Anpassungen erforderlich werden. Von den Autor:innen selbst jedoch werden die Beiträge schon als Journal-Artikel konzipiert und als Preprints vorab veröffentlicht. In der Volkswirtschaftslehre sind Working Paper in der Regel als eigenständige Publikationen konzipiert, die deutlich ausführlichere Darstellungen von Forschungsergebnissen enthalten, als dies aufgrund der Zeichenbegrenzung in Zeitschriftenartikeln möglich ist. Damit stellen Working Paper hier mehr als nur eine Vorabveröffentlichung einer Journal-Einreichung dar. Die Angabe der Befragten, die Veröffentlichung von Working Papern mit einer Journal-Einreichung zu kombinieren, deutet auf ein verändertes Publikationsverhalten hin, das sich wieder naturwissenschaftlichen Standards annähert. Und es zeigt die Relevanz, die dem Peer-Review-Verfahren beigemessen wird, da bevorzugt Journal-Artikel zitiert werden.
Aus der geäußerten Absicht, publizierte und präsentierte Working Paper als Journal-Artikel zu veröffentlichen, lässt sich kein Automatismus ableiten. So können Einreichungen bei einem Journal auch mit einer Ablehnung verbunden sein. Doch die Interviewpartner:innen betonen, die meisten Beiträge wieder erneut bei anderen Zeitschriften einzureichen. Für viele Working Paper in diesem Datensatz lässt sich jedoch keine Journal-Publikation zuordnen.2 Jüngeren Professor:innen gelingt es mit 40 % deutlich häufiger als den anderen Gruppen, ihre in Working Papern veröffentlichten wissenschaftlichen Erkenntnisse anschließend auch in Journals zu publizieren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Forschende nur zum Teil erfolgreich mit der Strategie sind, Working Paper als Journal-Artikel zu veröffentlichen. Auch hier hängt es davon ab, in welcher Karrierephase sie sich befinden. Für den beruflichen Aufstieg sind Journal-Veröffentlichungen zentral, weshalb der Vorteil von Working Papern für Nachwuchsforschende darin liegen könnte, Rückmeldungen aus der Fachgemeinschaft einzuholen und die Priorisierung der Forschungsergebnisse zu erreichen.
Dabei ist es wichtig, die Erkenntnisse der eigenen Person zurechenbar und so auf sich und die eigenen Forschungsergebnisse aufmerksam zu machen. Im Gegensatz zu Forschenden anderer Disziplinen (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Chiarelli et al., 2019; Relman, 1981; Severin et al., 2020) machen die Befragten aus der Volkswirtschaftslehre in der Regel die Erfahrung, dass ein vorab veröffentlichtes Working Paper eine anschließende Veröffentlichung in einer Zeitschrift nicht (mehr) ausschließt. Daher können Working Paper in der Volkswirtschaftslehre der Priorisierung von Forschungsergebnissen dienen (Biesenbender, Toepfer, et al., 2024; Fraser et al., 2021; Waltman et al., 2021). Denn mit der Veröffentlichung von Working Papern können sie bereits auf die in Repositorien zugänglich gemachten Vorversionen verweisen und so sicherstellen, dass ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse frühzeitig verbreitet und zitiert werden können.
In den Interviews verweisen die Befragten auf teils langwierige Peer-Review-Verfahren (Björk & Solomon, 2013), weshalb es sinnvoll sein kann, die Zeit bis zur Publikation in einem Journal mit einem Working Paper zu überbrücken. Da Working Paper bereits im Open Access publiziert werden und die so publizierten Forschungsergebnisse somit frei zugänglich sind, bieten Open-Access-Zeitschriften in dieser Hinsicht keinen zusätzlichen Anreiz für Forschende der Volkswirtschaftslehre dort zu publizieren. Damit stellt die Herstellung von Sichtbarkeit neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Vorveröffentlichung von Working Papern einen Grund dafür dar, dass Forschende der Volkswirtschaftslehre weniger nach Alternativen wie Open-Access-Zeitschriften mit kürzeren Publikationszyklen suchen. Hier wird der Vorteil einer Publikation in einer hochrangigen Zeitschrift offenbar höher eingeschätzt als eine im Zweifelsfall schnellere und besser zirkulierende Publikation in einer Open-Access-Zeitschrift. Diese Form des strategischen Publizierens im Kontext von Working Papern und Zeitschriftenartikeln scheint etabliert und erfolgreich zu sein.
Entscheidend ist dabei, dass sich Reputation nicht nur aus Zitationsvorteilen von Open-Access-Publikationen speist (Fraser et al., 2020; Lawrence, 2001; Momeni et al., 2021; Serghiou & Ioannidis, 2018), sondern auch aus dem Renommee des Publikationsortes. Hier weisen viele Open-Access-Zeitschriften nicht die gleichen Journal-Impact-Faktoren auf wie andere wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften (Dallmeier-Tiessen et al., 2011; Rosenbaum, 2016). Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass, sobald wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften mit hohen Impact-Faktoren im Open Access erscheinen, wohl auch vermehrt in diesen Zeitschriften publiziert würde. Das Kriterium für die Wahl des Publikationsortes ist dann aber aufgrund der bestehenden Anreizwirkungen weiterhin der Impact-Faktor der Zeitschrift und weniger die freie Verfügbarkeit der Zeitschrift.
Die Publikation von Journal-Artikeln dient insbesondere der Zertifizierung wissenschaftlicher Ergebnisse und bildet die Grundlage für den Reputationserwerb im Fachgebiet (Ash et al., 2015; Franzen, 2011; Taubert & Weingart, 2016). Die Selektion von Journals wird in der Beschreibung der Interviewten als ein Prozess des Abwägens interpretiert, der als strategisches Publizieren bezeichnet werden kann. Gemäß den Befragten spielen bei der Selektion des Journals insbesondere das Renommee des Journals, die Kongruenz der inhaltlichen Ausrichtung mit der eigenen Forschung sowie positive Erfahrungen mit einem bereits bekannten Journal eine entscheidende Rolle. In einigen Fällen findet bereits im Vorfeld eine Selektion von Themen hinsichtlich ihrer Publizierbarkeit statt. Für die Forschenden stellt es sich insgesamt als essenziell dar, Publikationen auf eine bestimmte Zeitschrift abzustimmen, indem der Stil, journal-seitig präferierte Methoden oder andere Vorgaben vorab berücksichtigt werden. Dieses Publikationsverhalten von Forschenden wurde bereits an anderer Stelle beschrieben (Franzen, 2011; Maeße, 2015; Wink, 2014).
Für Forschende der Volkswirtschaftslehre spielen auf Zitationen basierende Rankings eine zentrale Rolle, um Reputation zu gewinnen und damit Aufmerksamkeit für die eigene Forschungsleistung und Person zu erzeugen. Dabei bestätigen die Interviewpartner:innen, dass Rankings in akademischen Stellenbesetzungsverfahren zur Bewertung der Forschungsleistung und damit der Forschenden selbst herangezogen werden. Rankings bilden somit eine Grundlage für wissenschaftliche Karriereverläufe (Hamann, 2019; Nicholas et al., 2020; Wink, 2014). In der Volkswirtschaftslehre erzielen insbesondere Journals aus dem anglo-amerikanischen Raum in Journal-Rankings hohe Platzierungen (Bornmann et al., 2018; Heckman & Moktan, 2020). Für die Forschenden ist es daher von entscheidender Bedeutung, in diesen zu publizieren, was sich auch in dieser Untersuchung zeigen lässt.
Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass unter den Journals mit den meisten Veröffentlichungen überwiegend deutschsprachige Journals sind, die zudem oft kein Ranking im Scimago Journal Rank aufweisen. Es ist evident, dass Forschende allein aufgrund von Platzbeschränkungen und Selektionskriterien von Zeitschriften nicht ihre gesamte Publikationstätigkeit auf englischsprachige Top-Journals ausrichten. Für das erfolgreiche Durchlaufen von Berufungsverfahren und Entfristungen von Stellen sind Veröffentlichungen in diesen Journals obligatorisch (Bornmann et al., 2018; Maeße, 2015), jedoch ist die Anzahl der erforderlichen Veröffentlichungen für Forschende nicht entscheidend. Dieser Befund legt nahe, dass hinsichtlich der Publikationspraxis und des Anspruchs, in renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen, eine deutliche Diskrepanz besteht. Für Forschende in der Volkswirtschaftslehre kann ein einziges Job-Market-Paper in einem hochrangigen internationalen Journal für den akademischen Aufstieg ausreichend sein. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl von Journal-Veröffentlichungen, die nicht auf den Erwerb von Reputation durch Impact-Faktoren und Rankings ausgerichtet sind.
4.2 Relevanz von Publikationen für den beruflichen Werdegang
Die Relevanz von Publikationen für den beruflichen Werdegang ist gut dokumentiert und gilt in besonderer Weise für die Volkswirtschaftslehre (Ash et al., 2015; Bornmann et al., 2018; Haucap et al., 2017; Schläpfer & Schneider, 2010). Aus der vorliegenden Literatur sowie den durchgeführten Interviews geht hervor, dass Qualifizierungsschriften (Dissertationen, Habilitationen) zunehmend kumulativ in Form von Journal-Artikeln verfasst werden (Leininger, 2009). Dies unterstreicht die weiter zunehmende Relevanz von Journal-Artikeln für die wissenschaftliche Laufbahn und markiert einen Unterschied im Publikationsverhalten von jüngeren und älteren Forschenden.
Für Nachwuchsforschende ist es ratsam, ihr Publikationsverhalten auf Journal-Artikel auszurichten, um Reputation aufzubauen. Die wiederholte Verwendung des Begriffs „Signaling“ durch die Befragten (gemeint ist damit, ein Signal zu setzen, durch die Publikation in führenden Fachzeitschriften) unterstreicht die Bedeutung solcher Veröffentlichungen. Es ist entscheidend, dass bereits zu Beginn der Karriere Signale in Richtung Arbeitsmarkt gesendet werden. Zu diesem Zweck ist die Publikation von Artikeln in relevanten Fachzeitschriften zu empfehlen. Dies bildet die Grundlage für das erfolgreiche Durchlaufen von akademischen Stellenbesetzungsverfahren (Franzen, 2011; Taubert & Weingart, 2016; Wink, 2014). Die Relevanz von Zeitschriftenartikeln wird durch verschiedene Faktoren bestimmt. Einerseits sind dies die Impact-Faktoren der Journals und andererseits Rankings, die auf Basis bibliometrischer Indikatoren erstellt werden. Diese Faktoren werden von den Forschenden in der Volkswirtschaftslehre antizipiert (Butz & Wohlrabe, 2016; Hofmeister & Ursprung, 2008; Krapf & Schläpfer, 2012). Dies resultiert in einem erhöhten Druck auf den wissenschaftlichen Nachwuchs, sich mittels der Veröffentlichung in vielzitierten Publikationen auch persönlich in den Rankings zu verbessern (Larivière & Sugimoto, 2019; Maeße, 2015; Osterloh & Frey, 2015; Sivertsen, 2022; Wouters et al., 2019).
Aus den Schilderungen der Interviewten lässt sich ein ausgeprägt strategisches Publikationsverhalten ableiten, das insbesondere für Nachwuchsforschende relevant ist und zum Erfolg in relevanten Fachzeitschriften beiträgt. Dies wird deutlich, wenn die Interviewten beschreiben, wie sie rechtzeitig einen Publikationsort organisieren und dazu ihre Netzwerke nutzen. Für sie ist es von essenzieller Bedeutung, bereits in der Initialphase des Forschungsprozesses die Mitwirkung eines potenziell geeigneten Journals zu berücksichtigen. Dies beinhaltet die frühzeitige Abstimmung von Themen und methodischem Vorgehen mit dem entsprechenden Journal sowie die Einbindung von Co-Autor:innen- und Herausgeber:innen-Netzwerken. Ein möglicher Bestandteil dieser Strategie kann die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in kleineren Einheiten (Salami-Taktik) sein. Darüber hinaus achten die Befragten darauf, in bestimmten Fachzeitschriften zu publizieren. Die Auswahl der Journals erfolgt anhand von Impact-Faktoren und Rankings.
Unterschiede im Publikationsverhalten lassen sich auch in Bezug auf die Sprache feststellen. Es zeigt sich für alle betrachteten Gruppen, dass (noch) eine Vielzahl der Veröffentlichungen in deutscher Sprache erfolgt. Jüngere Professor:innen publizieren jedoch tendenziell internationaler und richten sich somit stärker auf den anglo-amerikanischen Raum aus. So liegt der Anteil englischsprachiger Publikationen in der Gruppe der jüngeren Professor:innen bei gut drei Vierteln. Wie bereits an anderer Stelle dargestellt (Leininger, 2009), hat sich Englisch auch den Interviewten zufolge als internationale Arbeitssprache durchgesetzt. Die internationale Sichtbarkeit, Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten stellen signifikante Vorteile dar. In der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre besteht für Forschende zunehmend die Notwendigkeit, ihre Forschungsergebnisse nicht in ihrer Muttersprache zu veröffentlichen. Dies ist in der Regel bei datengetriebenen, formalistischen Herangehensweisen weniger problematisch, kann jedoch bei der Einordnung der Forschungsergebnisse und den Schlussfolgerungen zu Schwierigkeiten führen. Von entscheidenderer Relevanz als die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sind Beschränkungen in der Themenwahl, insbesondere bei Publikationen aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum.
Auch im Kontext der Co-Autorenschaft lassen sich Unterschiede zwischen Nachwuchsforschenden und Forschenden mit fortgeschrittener Karriere aufzeigen, wobei auch hier ein strategisches Publikationsverhalten beobachtbar ist. Bei den Postdocs und jüngeren Professor:innen, ist der Anteil der in Alleinautorenschaft veröffentlichten Publikationen signifikant geringer als bei den älteren Professor:innen. In der Gruppe der Postdocs und der jüngeren Professor:innen erscheint jeweils knapp die Hälfte ihrer Publikationen mit mindestens zwei weiteren Autor:innen. Im Kontext von Co-Autorenschaft betonen die Befragten einerseits das Signaling, das von einer Alleinautorenschaft für die Karriere ausgeht, und andererseits die strategische Bedeutung von gemeinsamen Veröffentlichungen mit prominenten Co-Autor:innen für den beruflichen Werdegang.
Insgesamt ist in Bezug auf den betrachteten Publikationszeitraum ein Anstieg der Veröffentlichungen mit mehreren Autor:innen in den jüngeren Jahren zu verzeichnen, während der Anteil der Publikationen, die in alleiniger Autorenschaft veröffentlicht werden, geringer ist. Diese Entwicklung steht im Einklang mit anderen Studien, die einen Trend zu einer höheren Anzahl von Co-Autor:innen feststellen (Ash et al., 2015; Rath & Wohlrabe, 2016). Die gemeinsame Arbeit der Forschenden an Publikationen ist durch Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet. Dabei kann das gemeinsame Arbeiten an Veröffentlichungen in unterschiedliche Tätigkeiten wie Datenerhebung, -aufbereitung, -analyse und Texterstellung aufgeteilt werden. Auf dieser Grundlage etablieren sich Co-Autor:innen-Netzwerke erfolgreich.
4.3 Rolle von Open Access
Der Anspruch der Open-Access-Bewegung, dass Forschung transparent und frei zugänglich sein sollte (Berliner Erklärung, 2003; Budapest Open Access Initiative, 2002), trifft auf das individuelle Interesse der Forschenden in der Volkswirtschaftslehre. Sie möchten ihre Ergebnisse in relevanten Publikationsmedien veröffentlichen und innerhalb der Fachgemeinschaft zirkulieren lassen (Dallmeier-Tiessen et al., 2011; Laakso, 2022; Taubert & Weingart, 2016). Dabei determinieren kommerzielle Wissenschaftsverlage häufig den Zugang zu referierten Journals (Ash et al., 2015; Butler et al., 2023; Volkmann et al., 2014).
In den Jahren von 2003 bis 2020 ist ein signifikanter Anstieg des Anteils von Open-Access-Publikationen zu verzeichnen. Für die betrachteten Gruppen lässt sich feststellen, dass jüngere Forschende über alle Publikationsmedien hinweg eine höhere Anzahl an Open-Access-Publikationen aufweisen. Ältere Forschende haben noch vermehrt Buchveröffentlichungen, die nicht frei verfügbar sind. Eine strategische Ausrichtung der Forschenden, die darauf abzielt, Open-Access-Publikationen zu erreichen, lässt sich in den Interviews nicht finden. Vor dem Hintergrund der Open-Access-Bewegung und der damit einhergehenden zunehmenden freien Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen wird der Zugang zu relevanter Literatur nicht als problematisch erachtet.
Insbesondere Working Paper sind im Open Access verfügbar, was die These stützt, dass sie neben der Priorisierung auch die Funktion der Verbreitung übernehmen und somit zur Sicherstellung der freien Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen in der Volkswirtschaftslehre beitragen. Diese Funktion von Working Papern steht im Einklang mit Erkenntnissen aus anderen Studien (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Chiarelli et al., 2019; Ni & Waltman, 2024; Puebla et al., 2022). Die Intention der Forschenden, die eigenen Forschungsergebnisse möglichst weit zu verbreiten und auszutauschen, setzt demnach nicht die Veröffentlichung in einer Open-Access-Zeitschrift voraus. Vielmehr kann dies durch die Veröffentlichung von Working Papern erreicht werden, verbunden mit weiteren Vorteilen wie der Priorisierung der Ergebnisse sowie frühzeitigen Rückmeldungen zur qualitativen Verbesserung der Beiträge.
Wissenschaftsorganisationen und Forschungsförderer machen Vorgaben, Open-Access-Publikationen zu präferieren (CoARA, 2022; Wissenschaftsrat, 2022) oder machen diese im Rahmen von Drittmittel-Projekten gar verpflichtend (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022). Gleichzeitig werden finanzielle Ressourcen für Open-Access-Publikationen bereitgestellt, etwa im Rahmen von Publikationsfonds, also wenn die Autor:innen bzw. stellvertretend ihre Institutionen gefordert sind, Article Processing Charges (APCs) zu entrichten. Die Befragten weisen darauf hin, dass insbesondere Vorgaben der eigenen Institution oder im Rahmen von Projekten als Anreize fungieren, Open Access zu veröffentlichen. Im Rahmen der Publikation von Journal-Artikeln in hybriden Zeitschriften wird eine Open-Access-Veröffentlichung durch die Bereitstellung von Mitteln aus Publikationsfonds ermöglicht, um die anfallenden Publikationsgebühren zu decken. Aus den Interviews lässt sich ableiten, dass sich Ökonom:innen nicht als treibende Kraft der Entwicklung erweisen, sondern vielmehr ihr Publikationsverhalten an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.
In der Volkswirtschaftslehre sind kommerzielle Wissenschaftsverlage anerkannte und etablierte Akteure (Jahn et al., 2022; Laakso, 2022; Larivière et al., 2015; Maeße, 2015). Gemäß den Interviewten besteht eine enge Verbindung zwischen Journals und Verlagen, was impliziert, dass die Publikation von Zeitschriften nach wie vor in der Verantwortung der Verlage liegt. Von renommierten Verlagen geht eine Signalfunktion aus, sodass Verlagspublikationen per se einen guten Ruf in der Volkswirtschaftslehre genießen. Einige Befragte reflektieren über Lösungsmöglichkeiten für die Verbindung zwischen der Reputation von Fachzeitschriften und der Herausgeberschaft einerseits und dem Konzept des Open Access andererseits, ohne jedoch schlüssige Ergebnisse zu erzielen. Die vorliegende Auseinandersetzung deutet auf ein vorhandenes Bewusstsein hin, dass Open-Access-Zeitschriften in der Volkswirtschaftslehre nicht über die gleiche Reputation verfügen wie andere Zeitschriften und Verlage. In der wissenschaftlichen Literatur wird dies in Bezug auf unterschiedliche Aspekte wie die Finanzierung von Open Access thematisiert (Butler et al., 2023; Schönfelder, 2020; Zhang et al., 2022).
Eine Folge der Open-Access-Bewegung ist das Umschwenken der Verlage von Subskriptionen auf Publikationsgebühren (Butler et al., 2023; Schönfelder, 2020; Zhang et al., 2022). Die Forschenden äußern Bedenken hinsichtlich dieser neuen Geschäftsmodelle, da Journal-Einreichungen kostenlos bleiben sollen und Verlage ihre Monopolstellung ausnutzen könnten. Zwar stehen Publikationsfonds zur Verfügung, um die Publikationsgebühren zu finanzieren, aber nicht alle Forschenden profitieren davon. Dies zeigt sich insgesamt auf unterschiedlichen Ebenen im wissenschaftlichen Publikationssystem (Biesenbender, Smirnova, et al., 2024; Butler et al., 2023; Cole et al., 2022; Ross-Hellauer, 2022).
Auf die Frage, wie sich ihr Publikationsverhalten im Zuge der Digitalisierung verändert hat, wird seitens der Interviewten eine Tendenz geäußert, Publikationen mit erhöhter Geschwindigkeit zu veröffentlichen. Die Befragten nehmen auch wahr, dass die Anzahl elektronischer Zeitschriften kontinuierlich zunimmt und damit auch eine steigende Zahl von Artikeln einhergeht. Das bestätigt den Trend zu einer wachsenden Zahl an Publikationen, die in anderen bereits vorliegenden Studien beschrieben wird. Diese heben auch die Aufhebung der Platzbeschränkungen sowie die Nutzung von Skaleneffekten bei der Publikation von elektronischen Zeitschriften hervor (Bornmann et al., 2018; De Solla Price, 1963; Raan, 2000; Wohlgemuth et al., 2017).
5 Fazit
Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen die Hypothese, dass in der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre bestehende Reputationshierarchien fest verankert sind. Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit der Relevanz von hochrangigen internationalen Journals als zentrale Publikationsorte für den Reputationserwerb und die damit verbundenen Chancen für den akademischen Aufstieg. Die Ergebnisse zeigen, dass sich diese Relevanz in einem ausgeprägten strategischen Publikationsverhalten manifestiert. Es konnte festgestellt werden, dass starke Anreize, die von Impact-Faktoren und Rankings für die Bewertung von Forschungsleistungen ausgehen, zu der Erklärung beitragen, warum Forschende in der Volkswirtschaftslehre sich bei der Wahl von Journals an deren Impact-Faktoren orientieren und weniger daran, ob die Zeitschriften im Open Access erscheinen. Darüber hinaus verdeutlicht die in der Volkswirtschaftslehre etablierte Working-Paper-Kultur, warum die Potenziale von Open-Access-Journals, wie etwa die freie Verfügbarkeit der Forschungsergebnisse und die damit häufig einhergehenden höheren Zitationsraten, weder erkannt noch ausgeschöpft werden. Working Paper fungieren als ein Instrument, das den freien Zugang zu Forschungsergebnissen in der Volkswirtschaftslehre sicherstellt. Dadurch wird auch eine frühzeitige Priorisierung der Erkenntnisse für die Forschenden ermöglicht.
Für den wissenschaftlichen Nachwuchs ist es von eminenter Wichtigkeit, in hochrangigen internationalen Zeitschriften zu publizieren, um Signale in Richtung des akademischen Arbeitsmarkts zu senden. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die wissenschaftliche Karriere von entscheidender Bedeutung. Dies spiegelte sich in der Zunahme von frei verfügbaren Open-Access-Journal-Artikeln in der Stichprobe wider. Die freie Verfügbarkeit von Artikeln in Zeitschriften stellt jedoch kein relevantes Kriterium für die Publikationsentscheidungen der Forschenden dar. Im vorliegenden Kontext manifestiert sich eine Open-Access-Transformation auf der Ebene der Trägerorganisationen der Publikationsinfrastruktur, sofern Bibliotheken Lizenzgebühren, Transformationsverträge (DEAL), Publikationsgebühren und Diamond Open Access finanzieren und Wissenschaftsverlage Publikationen im Gegenzug unentgeltlich bereitstellen.
Danksagung
Die Autorinnen danken Simone Rödder für zahlreiche hilfreiche Kommentierungen der Studie und der ZBW, namentlich dem Direktor Klaus Tochtermann, für den Rahmen, in dem diese Arbeit entstehen konnte.
Autor*innenbeiträge
Kristin Biesenbender und Isabella Peters haben das Design der Studie erstellt und den Artikel gemeinsam verfasst. Kristin Biesenbender hat die Daten erhoben, analysiert, grafisch aufbereitet und statistisch ausgewertet.Datenverfügbarkeit
Die der Publikation zugrunde liegenden Forschungsdaten stehen ausschließlich den Forschenden zur Verfügung.Finanzierung
Die wissenschaftliche Arbeit ist im Rahmen der Tätigkeit der Autorinnen für die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft entstanden.Interessenskonfliktstatement
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.Referenzen
AER wird direkt durch die American Economic Association publiziert, ECMA erscheint bei Wileys, JPE bei der University of Chicago Press, QJE und ReStud bei Oxford University Press.↩︎
Diese Zahlen sind wahrscheinlich unterschätzt, da sich dieser Zusammenhang nach Auswertung der Daten nur für gleiche bzw. sehr ähnliche Titel zeigen lässt. Das heißt, in der Stichprobe können sich Titel befinden, bei denen sich der Zusammenhang nicht eindeutig über den Titel in Kombination mit den Autor:innen identifizieren ließ. In der Stichprobe können sich auch Working Paper befinden, die erst nach Ende des Untersuchungszeitraums in einem Journal veröffentlicht wurden.↩︎
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