Bibliothek ohne Wände
Mein erstes Jahr als Academic Liaison Librarian in einer virtuellen Hochschulbibliothek
DOI:
https://doi.org/https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.264Schlagworte:
Digitale Bibliothek, Academic Liaison Librarian, Bibliothekspädagogik, Digitale Kompetenzen, Künstliche Intelligenz, Hochschulbibliothek, Remote-ArbeitBegutachtung
Abstract
Der Artikel beschreibt das erste Berufsjahr der Autorin nach dem Masterabschluss in Bibliotheks- und Informationswissenschaft mit der Profillinie Bibliothekspädagogik an der HTWK Leipzig. Ich arbeite heute als Academic Liaison Librarian an der IU Internationale Hochschule, deren Bibliothek vollständig virtuell arbeitet und mehr als 130.000 Studierende betreut. In meinem Erfahrungsbericht gebe ich Einblicke in meine Aufgabenbereiche, darunter die Entwicklung von KI-Sprechstunden, digitalen Schulungen und virtuellen Lernräumen sowie Qualitätsmanagement und Studierendenzufriedenheit. Dabei zeige ich, wie ich meine bibliothekspädagogischen Kenntnisse in der Praxis einsetze und welche Chancen und Herausforderungen sich durch die Arbeit in einem vollständig digitalen Umfeld ergeben.
1 Einstieg und Kontext
Mit dem Abschluss meines Masterstudiums in Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTWK Leipzig begann für mich der Übergang in ein neues Arbeitsfeld: die bibliothekspädagogische Praxis im digitalen Hochschulkontext. Besonders reizvoll war für mich dabei die Möglichkeit, theoretisch erworbene Kenntnisse unmittelbar in einer innovativen Umgebung anzuwenden. Seit November 2024 arbeite ich als Academic Liaison Librarian an der IU Internationalen Hochschule, deren Bibliothek vollständig virtuell organisiert ist und mehr als 130.000 Studierende weltweit betreut. Diese Form der digitalen Hochschulbibliothek erfordert nicht nur eine hohe Flexibilität, sondern auch die Bereitschaft, neue Formate und Technologien in die tägliche Praxis zu integrieren. Gleichzeitig bietet sie die Chance, bibliothekarische Aufgaben in vielen Bereichen neu zu denken und so für eine Studierendenschaft nutzbar zu machen, die sich in ganz unterschiedlichen Lebens- und Lernsituationen befindet.
In diesem Erfahrungsbericht gebe ich Einblicke in meine Aufgabenbereiche, zu denen unter anderem die Entwicklung von KI-Sprechstunden, von digitalen Schulungen und von virtuellen Lernräumen gehört. Dabei zeige ich, wie ich bibliothekspädagogische Methoden in einer vollständig digitalen Arbeitsumgebung einsetze, welche Chancen sich durch diesen Kontext ergeben und welche Herausforderungen sichtbar werden. Ziel ist, darzustellen, dass Bibliotheken auch ohne physischen Ort zu lebendigen Lern- und Gestaltungsräumen werden können.
2 Arbeitsumfeld: Die Library and Information Services der IU Internationale Hochschule
Die IU Internationale Hochschule ist eine private Hochschule mit mehr als 130.000 Studierenden weltweit. Sie ist damit die größte Hochschule in Deutschland und zeichnet sich durch ein vollständig virtuelles Bibliotheksangebot aus (IU Internationale Hochschule o.J.). Sämtliche Studienprogramme richten sich an eine heterogene, internationale Studierendenschaft, die in unterschiedlichen Lebenssituationen und Zeitzonen studiert. Dieses rein digitale Setting prägt die Bibliothek: Statt eines physischen Ortes gibt es eine virtuelle Infrastruktur, die Studierenden orts- und zeitunabhängig zur Verfügung steht. Die Bibliothek der IU ist organisatorisch in zwei Teams gegliedert. Das Erwerbungsteam ist für die Lizenzierung und Bereitstellung digitaler Medien zuständig, während das Information Services Team auf die Vermittlung von Informationskompetenzen, Beratung und die Entwicklung didaktischer Formate spezialisiert ist. Gemeinsam decken die beiden Teams damit die zentralen Aufgabenbereiche einer Hochschulbibliothek ab. Das bedeutet, es gibt keine Lesesäle und physischen Bestände, sondern es werden ausschließlich virtuelle Zugänge zu Datenbanken, E-Books und Journals bereitgestellt. Die klassische Vorstellung einer Bibliothek als Gebäude wird hier durch eine digitale Plattform ersetzt, die weltweit online zugänglich ist. Die Services der Bibliothek gehen weit über reine Informationsversorgung hinaus. Neben Datenbanken und Literaturverwaltungstools werden ganz verschiedene Schulungen, Workshops und Beratungsangebote für Studierende angeboten. Besonders stark ausgebaut wurden in den letzten Jahren interaktive Formate, die über einfache Informationsvermittlung hinausgehen und den Charakter eines digitalen Lernorts tragen. Dazu gehören etwa Writing Retreats, die virtuelles gemeinsames Schreiben mit Methoden der Selbstorganisation und Motivation verbinden, oder Self-Assessments, die Studierenden helfen, ihre Kompetenzen selbst einzuschätzen und gezielt weiterzuentwickeln. Hinzu kommen KI-Sprechstunden, in denen Fragen rund um den reflektierten Einsatz von Tools wie ChatGPT besprochen werden, sowie Schulungen zu Zitierstandards, Informationskompetenz und digitaler Recherche.
Für mich persönlich war es zu Beginn überraschend, wie stark die Bibliothek auf Innovation und Offenheit setzt. Statt klar definierter Arbeitsfelder und starr abgegrenzter Aufgabenbereiche habe ich erlebt, dass Raum für eigene Ideen besteht. Schon nach kurzer Zeit konnte ich eigene Schwerpunkte setzen und Projekte anstoßen, die in meiner ursprünglichen Stellenbeschreibung gar nicht vorgesehen waren. Das Vertrauen in Eigeninitiative und die Ermutigung, Neues auszuprobieren, prägen die Arbeitskultur. Diese Haltung sorgt dafür, dass die Bibliothek nicht nur als Serviceeinheit verstanden wird, sondern als kreativer Gestaltungsraum, in dem Mitarbeitende ihre individuellen Stärken einbringen können. Klassische Bibliotheken sind oft stark an räumliche Strukturen gebunden: Sie bieten zusätzlich zu den physischen Beständen auch digitale Arbeitsplätze, Lesesäle und oft auch eine soziale Funktion vor Ort. Die IU-Bibliothek dagegen muss diese Funktionen vollständig virtuell abbilden. Das bedeutet, dass Aspekte wie Zugänglichkeit, Didaktik und digitale Infrastruktur in den Vordergrund rücken. Der Ort, an dem Studierende lernen, ist nicht die Bibliothek selbst, sondern ihr eigener Laptop, ihr Tablet oder sogar ihr Smartphone. Daraus ergibt sich eine neue Rolle für Bibliothekar*innen: Sie sind weniger Hüter*innen von Beständen, sondern zunehmend Moderator*innen, Trainer*innen und Begleiter*innen in digitalen Lernprozessen.
Die IU-Bibliothek ist damit nicht einfach ein Ersatz für eine physische Bibliothek, sondern ein Modell, das die Potenziale des Digitalen aktiv nutzt. Sie versteht sich als Teil eines größeren, virtuellen Lernraums, in dem Informationsversorgung, Kompetenzförderung und soziale Interaktion miteinander verschränkt werden. Für mich als Berufseinsteigerin war dieses Umfeld eine ideale Gelegenheit, die bibliothekspädagogischen Inhalte meines Studiums direkt auf eine neuartige, vollständig digitale Praxis zu übertragen und gleichzeitig eigene Ideen einzubringen, um die Bibliothek als Lernort der Zukunft mitzugestalten.
3 Aufgabenfelder und Projekte
Mein Arbeitsalltag ist stark durch die Vielfalt der Aufgaben geprägt. Die digitale Arbeitsumgebung an der IU Internationale Hochschule erlaubt mir, eigene Schwerpunkte zu entwickeln und innovative Formate zu erproben. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Frage: Wie können wir Studierende bestmöglich begleiten, ihre Informationskompetenzen stärken und ihnen Orientierung im Studium geben?
Ein zentrales Format, das ich im ersten Berufsjahr aufgebaut habe, sind die KI-Sprechstunden. Die häufigste Frage, die dort gestellt wird, lautet: „Wie darf ich KI im Studium eigentlich nutzen?” – eine Frage, die Studierende genauso wie Lehrende beschäftigt. In den Sprechstunden diskutieren wir den sinnvollen Einsatz von KI-Tools: Wo können sie Arbeitsprozesse erleichtern, welche Grenzen müssen beachtet werden und welche ethischen Fragen stellen sich? Ziel ist es, Unsicherheiten abzubauen, den reflektierten Umgang mit KI zu fördern und Studierende dabei zu unterstützen, technologische Entwicklungen kritisch einzuordnen. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt in der Durchführung von digitalen Schulungen und Workshops. Hier geht es nicht nur um die Vermittlung von Recherchetechniken oder Zitierregeln, sondern zunehmend um den Ausbau digitaler Kompetenzen im weiteren Sinn. Schulungen zu Themen wie wissenschaftlichem Schreiben, Literaturverwaltung mit Zotero oder zum Einsatz von KI-gestützten Tools gehören wie bei vielen Bibliotheken auch hier zum Standardangebot. Die Herausforderung in diesen Formaten besteht darin, Studierende auch im digitalen Raum aktiv einzubinden. Daher arbeiten wir mit kollaborativen Whiteboards, Breakout-Räumen und Live-Dokumenten, die es den Teilnehmenden ermöglichen, selbst tätig zu werden. Kurze Umfragen mit Mentimeter oder interaktive Aufgaben sorgen dafür, dass die Distanz zwischen Vortragenden und Zuhörenden verringert wird. Das Feedback aus kurzen Schulungsumfragen zeigt, dass diese Methoden die Aufmerksamkeit steigern und den Lerneffekt erhöhen. Über die klassischen Schulungsformate hinaus entwickeln wir an der IU Internationale Hochschule sogenannte virtuelle Lernräume. Sie bieten Studierenden die Möglichkeit, in Echtzeit gemeinsam zu arbeiten, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Technisch werden diese Räume über Plattformen wie Microsoft Teams oder Zoom umgesetzt und durch begleitende Materialien auf MyCampus ergänzt. Das Konzept geht über reine Wissensvermittlung hinaus: Studierende erleben hier Gemeinschaft, können in Gruppen Aufgaben bearbeiten oder an offenen Schreibzeiten teilnehmen. Besonders erfolgreich ist in diesem Zusammenhang das Writing Retreat, ein mehrstündiges Format, das konzentrierte Schreibphasen mit Austausch, Peer-Feedback und bewusst gesetzten Pausenmethoden verbindet. Viele Teilnehmende berichteten im Anschluss, dass sie dadurch nicht nur fachlich vorangekommen seien, sondern sich auch weniger allein gefühlt hätten.
Damit unsere Angebote nicht an den Bedürfnissen vorbeigehen, spielt Qualitätsmanagement eine weitere wichtige Rolle bei meiner Arbeit. Nach jeder Schulung sammeln wir Rückmeldungen, häufig über Tools wie Mentimeter, in denen Studierende anonym Feedback geben können. Darüber hinaus habe ich eine permanente Peer-Group ins Leben gerufen, die regelmäßig Einblicke aus der Studierendenschaft liefert und uns hilft, Formate gezielt weiterzuentwickeln. Die Rückmeldungen zeigen deutlich, welche Angebote besonders geschätzt werden: kurze, praxisnahe Formate wie Coffee Lectures, aber auch vertiefende Workshops zu komplexeren Themen. Kritische Hinweise sind dabei genauso wertvoll wie positives Feedback. Sie helfen uns, Inhalte klarer zu strukturieren, technische Hürden zu verringern und noch stärker auf individuelle Bedürfnisse einzugehen.
Rückblickend war für mich die größte Überraschung, wie stark meine Tätigkeit auf Gestaltung und Didaktik ausgerichtet ist. Statt nur Informationen bereitzustellen, geht es darum, Lernprozesse zu begleiten, Räume für Austausch zu schaffen und eine digitale Community aufzubauen. Dabei nutze ich nicht nur die Inhalte aus meinem Studium, sondern entwickle auch ständig neue Kompetenzen. Sei es im Umgang mit KI, in der Anwendung von Projektmanagement-Methoden wie Scrum oder in der Zusammenarbeit mit interdisziplinären Teams. Die Aufgabenfelder sind damit vielfältig und dynamisch. Sie zeigen, dass Bibliotheksarbeit im digitalen Raum noch mehr pädagogische und methodische Kompetenz erfordert. Denn wo physische Strukturen fehlen, müssen digitale Angebote umso stärker durchdacht, interaktiv und zielgruppengerecht gestaltet sein.
4 Bezug zum Studium an der HTWK Leipzig
Besonders prägend war die Profillinie Bibliothekspädagogik, die mich mit didaktischen Grundlagen und methodischen Werkzeugen vertraut gemacht hat. Diese Kenntnisse nutze ich heute, wenn ich Schulungen konzipiere, Lernräume gestalte oder Feedbackprozesse entwickle. Viele Modelle, die ich im Studium kennengelernt habe, lassen sich gut auf digitale Kontexte übertragen.
Gerade im Bereich KI-Kompetenz stand ich vor der Herausforderung, vorhandenes Wissen weiterzuentwickeln. Während meines Studiums war KI noch kein relevantes Thema, in meinem Arbeitsalltag ist sie jedoch allgegenwärtig. Deshalb habe ich begonnen, klassische didaktische Modelle mit KI-spezifischen Fragestellungen zu verbinden. Diese Modelle beschreiben Lernprozesse von der reinen Wissensabfrage („Was ist KI?“) über das Verstehen von Funktionsweisen und Risiken bis hin zum reflektierten Anwenden, Analysieren und schließlich dem selbstständigen Bewerten und Gestalten von KI-gestützten Workflows. Diese strukturierte Vorgehensweise hat sich nicht nur in Workshops bewährt, sondern dient auch als Grundlage für einen Vortrag im „8. Forum Bibliothekspädagogik”, in dem ich die Rolle von Bibliotheken in der Vermittlung von KI-Kompetenzen diskutierte.
Studienergebnisse, wie etwa die ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) von 2023, die aufzeigt, dass über 40 Prozent der Schüler*innen in Deutschland nur sehr geringe digitale Kompetenzen haben, unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Bibliotheken hier Verantwortung übernehmen (Eickelmann u. a. 2024: 17). Sie können diese Lücken füllen. Denn Studierende bringen diese Defizite an die Hochschule mit und wenn Bibliotheken keine Unterstützung anbieten, vergrößert sich die digitale Kluft. Die Verbindung von bibliothekspädagogischen Methoden und aktuellen digitalen Herausforderungen ist deshalb für mich ein zentrales Handlungsfeld.
Darüber hinaus konnte ich Inhalte aus anderen Modulen meines Studiums an der HTWK Leipzig gewinnbringend einsetzen. So haben sich meine Kenntnisse aus dem Bereich Marketing als hilfreich erwiesen. Sie unterstützen mich dabei, mit unserem Social-Media-Team zusammenzuarbeiten, Zielgruppen noch differenzierter anzusprechen und Sichtbarkeit für unsere Angebote zu schaffen. In einem digitalen Umfeld, in dem Studierende nicht zufällig an einer Bibliothek vorbeikommen, sondern gezielt abgeholt werden müssen, ist diese Fähigkeit von großem Wert. Gleichzeitig war mir schnell klar, dass nicht alle für meine jetzige Arbeit relevanten Kompetenzen Teil des Studiums waren. Insbesondere Methoden des Projektmanagements wie Scrum, die Organisation digitaler Teams oder der sichere Umgang mit häufig wechselnden Tools musste ich mir selbst aneignen. Diese Lernprozesse sind zwar anspruchsvoll, haben mir aber gezeigt, dass Weiterbildung kein Zusatz, sondern Kernbestandteil des Berufs ist. Insgesamt hat mir das Studium eine solide Grundlage vermittelt, auf die ich heute aufbaue. Die Verbindung von didaktischen Theorien, bibliothekspädagogischen Konzepten und praktischen Anforderungen in einer virtuellen Hochschulbibliothek fordert ein hohes Maß an Flexibilität und Eigeninitiative.
5 Chancen und Herausforderungen
Die Arbeit in einer rein digitalen Bibliothek eröffnet Chancen, die in klassischen Strukturen so nicht denkbar wären. Zugleich bringt sie aber auch Herausforderungen mit sich, die sowohl technischer als auch organisatorischer und didaktischer Natur sind. In meinem ersten Berufsjahr habe ich schon beide Seiten erlebt.
5.1 Chancen
Eine der größten Chancen liegt in der Freiheit, die mit einer virtuellen Infrastruktur verbunden ist. Da keine physischen Räume betrieben und verwaltet werden müssen, entfallen Kosten und organisatorischer Aufwand, die in Präsenzbibliotheken einen erheblichen Anteil ausmachen. Die freiwerdenden Ressourcen können in die Entwicklung neuer Angebote, die Erweiterung von Services und die Förderung digitaler Kompetenzen investiert werden. Hinzu kommt die enorme Reichweite. Mit so vielen Studierenden weltweit entsteht ein vielfältiges Nutzungsspektrum: Studierende loggen sich aus unterschiedlichen Zeitzonen ein, bringen verschiedene kulturelle Hintergründe mit und verfügen über sehr unterschiedliche Lerngewohnheiten. Diese Vielfalt ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance für Inklusion und Diversität. Angebote können so gestaltet werden, dass sie barrierearm, flexibel und adaptiv sind. Gerade asynchrone Lernmaterialien, aufgezeichnete Schulungen oder mehrsprachige Inhalte tragen dazu bei, dass Studierende unabhängig von individuellen Einschränkungen oder Lebensumständen teilnehmen können. Ein weiterer Vorteil der digitalen Arbeit ist die Möglichkeit, innovative Formate schnell zu entwickeln und zu erproben. Ob KI-Sprechstunden, virtuelle Writing Retreats oder Peer-Learning-Angebote: Ideen können oft kurzfristig umgesetzt und anschließend anhand von Feedback weiterentwickelt werden. Die Innovationskultur an der IU Internationale Hochschule fördert dieses Vorgehen ausdrücklich, was für mich persönlich einen großen Gestaltungsspielraum bedeutet. Dadurch habe ich die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen und Angebote aktiv mitzugestalten.
Nicht zuletzt trägt die digitale Bibliothek zur Attraktivität des Berufsbildes bei. Mein Arbeitsumfeld zeigt, dass Bibliotheken Orte (oder Plattformen) sein können, die modern, innovativ und zukunftsorientiert sind. Für viele Berufseinsteiger*innen wie mich ist das ein wichtiger Aspekt, da er zeigt: Bibliotheksarbeit kann weit mehr sein – sie ist pädagogische, technologische und kommunikative Gestaltung auf Augenhöhe mit den Lernenden.
5.2 Herausforderungen
Diese Chancen einer vollständig digitalen Arbeitsumgebung bringen aber auch besondere Herausforderungen mit sich. Besonders deutlich wird dies im Bereich „Künstliche Intelligenz”. Kaum ein anderes Feld entwickelt sich derzeit so rasant weiter. Für mich bedeutet das, dass ich kontinuierlich lernen und neue Tools ausprobieren muss, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Was gestern noch als innovativ galt, kann heute bereits überholt sein. Diese Dynamik ist einerseits spannend, erfordert aber auch eine hohe Lernbereitschaft und Flexibilität. Allerdings muss man hier aber auch bedenken, dass sich in naher Zukunft vermutlich jede Bibliothek, egal ob digital oder analog, an die schnellen technologischen Veränderungen anpassen muss.
Neben der inhaltlichen Weiterentwicklung spielt auch das Projektmanagement eine zentrale Rolle. Digitale Teams müssen anders organisiert werden als klassische Abteilungen in einer Bibliothek vor Ort. Methoden wie Scrum oder andere agile Ansätze habe ich mir daher selbst angeeignet, um Projekte strukturiert und transparent zu steuern. Auch hier gilt: Vieles ist Learning by Doing, verbunden mit einer steilen Lernkurve. Klassische Bibliotheken bieten Orte, an denen Studierende sich treffen, lernen oder einfach Zeit verbringen können. In der virtuellen Umgebung muss dieses Gemeinschaftsgefühl anders erzeugt werden. Virtuelle Lernräume, Peer-Groups und kollaborative Formate sind Versuche, dieses Defizit auszugleichen. Doch es bleibt eine ständige Aufgabe, Nähe und Bindung im digitalen Raum herzustellen.
Hinzu kommen technische und organisatorische Hürden. Unterschiedliche Endgeräte, Internetverbindungen und digitale Kompetenzen der Studierenden führen zu heterogenen Ausgangsbedingungen. Angebote müssen daher so gestaltet werden, dass sie auf möglichst vielen Ebenen zugänglich sind – mobil, barrierearm und intuitiv. Das verlangt eine enge Abstimmung zwischen didaktischer Konzeption, technischer Infrastruktur und organisatorischen Abläufen.
5.3 Reflexion
Rückblickend habe ich gelernt, Chancen und Herausforderungen nicht getrennt zu sehen, sondern als zwei Seiten derselben Medaille. Die Freiheit, eigene Projekte zu entwickeln, bedeutet gleichzeitig Verantwortung, sie selbstständig zu strukturieren. Die Vielfalt der Studierenden erfordert zusätzliche didaktische Sensibilität. Und die rasanten Entwicklungen im Bereich KI sind zwar anspruchsvoll, eröffnen aber zugleich die Möglichkeit, Bibliotheken als kompetente Vermittlerinnen digitaler Zukunftsthemen zu positionieren.
Für mich steht fest: Die Arbeit in einer digitalen Bibliothek ist kein „Notbehelf” gegenüber der klassischen Institution, sondern ein eigenständiges Modell mit großem Potenzial. Die Kunst besteht darin, die Chancen aktiv zu nutzen und die Herausforderungen nicht als Hindernisse, sondern als Antrieb für kontinuierliche Weiterentwicklung zu begreifen.
6 Fazit & Ausblick
Mein erstes Jahr als Academic Liaison Librarian an der IU Internationalen Hochschule war geprägt von einer intensiven Lernkurve, von Gestaltungsfreiheit und von der ständigen Auseinandersetzung mit digitalen Entwicklungen. Wenn ich mein Berufsjahr in drei Schlagworte fassen müsste, wären es Gestaltungsspielraum, Lernkurve und Zukunftsorientierung. Gestaltungsspielraum, weil ich in einer Bibliothek arbeiten darf, die Innovation nicht nur zulässt, sondern aktiv fördert. Lernkurve, weil ich in kurzer Zeit Kompetenzen in Bereichen wie KI, Projektmanagement und agiler Teamarbeit erworben habe. Zukunftsorientierung, weil ich erlebt habe, wie wichtig es ist, Bibliotheken als aktive Akteurinnen im digitalen Bildungsraum zu positionieren. Für Berufseinsteiger*innen lässt sich daraus eine zentrale Erkenntnis ableiten: Perfekte Antworten sind weniger wichtig als die Bereitschaft, flexibel zu bleiben, Neues auszuprobieren und Fehler als Teil des Lernprozesses zu akzeptieren. Bibliothekspädagogik im digitalen Raum lebt von Kreativität, Offenheit und der Fähigkeit, didaktische Konzepte an neue Technologien anzupassen. Der Blick in die Zukunft zeigt, dass die Arbeit in digitalen Bibliotheken noch stärker von Künstlicher Intelligenz, internationaler Vernetzung und Kompetenzförderung geprägt sein wird. Bibliotheken werden mehr und mehr zu Knotenpunkten, an denen Studierende lernen, Informationen kritisch zu bewerten, digitale Werkzeuge reflektiert einzusetzen und sich aktiv mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. In diesem Prozess sehe ich eine große Chance: Bibliotheken können ihre Relevanz nicht nur behaupten, sondern sogar ausbauen, indem sie sich als Lern- und Gestaltungsräume der Zukunft etablieren – unabhängig davon, ob sie physisch oder digital verortet sind. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich meinen Weg als Academic Liaison Librarian mit Neugier und Offenheit weitergehen möchte. Mein Ziel ist es, Studierende auch künftig bei der Entwicklung ihrer digitalen Kompetenzen zu begleiten, die Rolle der Bibliothek als Lernort zu stärken und gemeinsam mit Kolleg*innen innovative Konzepte zu erproben.
Literatur
Eickelmann, Birgit; Casamassima, Gianna; Drossel, Kerstin; u. a. (2024): ICILS 2023 Im Überblick: Zentrale Ergebnisse, Entwicklungen Über Ein Jahrzehnt Und Mögliche Entwicklungsperspektiven, Münster: Waxmann Verlag GmbH.
IU Internationale Hochschule (o.J.): Hintergrundinformationen IU News, Hintergrundinformationen IU News [online], https://www.iu.de/news/hintergrundinformationen/ [07.01.2026].
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