Kulturanalyse in einem interdisziplinären Kontext

Das Journal kommunikation@gesellschaft

  • Christian Stegbauer Universität Frankfurt
  • Katharina Kinder-Kurlanda Gesis Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften
  • Nils Zurawski Universität Hamburg
  • Jan-Hinrik Schmidt Leibniz-Institut für Medienforschung, Hamburg (HBI)

DOI:

https://doi.org/10.15460/kommges.2020.21.1.662

Schlagworte:

Kulturanalyse, Journal, Internetforschung, Internet, Interdisziplinarität, Kulturwissenschaft, wissenschaftliches Publizieren, Medien

Redaktion und Begutachtung

  • Marion Hamm Universität Klagenfurt

Abstract

Dieser Artikel erzählt die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des 2000 gegründeten Open Access-Journals aus Sicht von vier Herausgeber:innen, die die Arbeit und den Inhalt der Zeitschrift mitgeprägt haben. Dieser Artikel ist zuerst in dem Sammelband „Widerständigkeiten des Alltags“ (Hamm, Holfelder, Ritter, Schwell & Sutter, 2019) aus Anlass des 60. Geburtstages von Klaus Schönberger erschienen, einem der beiden Gründer und Herausgeber von kommunikation@gesellschaft. Wir danken den Herausgebern für die Erlaubnis des Wiederabdrucks des Textes zum 20-jährigen Jubiläum des Journals und anlässlich des Relaunches auf einer OJS-Plattform.

1 Einleitung

Das interdisziplinäre Onlinejournal kommunikation@gesellschaft (kurz: k@g) vereint soziologische, kulturanthropologische und kommunikationswissenschaftliche Perspektiven auf alte und neue Medien und wird von Klaus Schönberger zusammen mit den Autor:innen dieses Artikels herausgegeben. Verortung, Entwicklung und Struktur des Journals ließen sich auf verschiedene Weisen darstellen – etwa anhand einer dürren Chronologie, unter Rückgriff auf bibliometrische Kennzahlen zu Zitationsnetzwerken und Impact-Faktoren, mithilfe einer Inhaltsanalyse von Titeln, Abstracts und Beiträgen. Dieser Text wählt einen anderen Zugang, auch weil k@g aus unserer Sicht ein etwas anderes Journal ist. Wir erzählen die Geschichte von Gegenentwürfen zum wissenschaftlichen Publizieren, von Interdisziplinarität der Personen und Themen und nicht zuletzt auch von persönlichen Beziehungen von und zu Klaus Schönberger, die das Vorhaben überhaupt erst trugen und weiterentwickelten. Dabei kommen die verschiedenen Herausgeber:innen in der Reihenfolge zu Wort, in der sie zu k@g stießen, um Entstehungsgeschichte und Motivation der Zeitschrift aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten.

2 Christian Stegbauer

Der Startschuss für das Journal fiel in einer Frankfurter Studentenkneipe (so hieß das damals noch zum Ende des alten Jahrtausends). Die Kneipe ‚Zum Tannenbaum’ in Frankfurt Bockenheim, dem eigentlichen und alten Student:innenviertel, hatte auch damals schon viel gesehen. Klaus war zu einem Gastvortrag an der Goethe-Uni im alten AfE-Turm1 eingeladen. Sein Vortrag, soweit ich mich erinnern kann, thematisierte die Aneignung neuer Medien (wie etwa eines Faxgerätes oder der E-Mail) in Familien. Hierzu hatte er eine qualitative Untersuchung durchgeführt. Er war aus Tübingen gekommen und übernachtete in Frankfurt. In der Kneipe diskutierten wir darüber, dass und wie diese damals und ewig neuen Medien die Gesellschaft umkrempeln würden. Wir hatten uns zuvor schon auf ein paar Tagungen kennengelernt, darunter auf einer der mittlerweile umbenannten ‚German Online Research’-Konferenzen, wo wir in vorderster Reihe ewig lange (aber auf für die Unterhaltung förderliche Weise) auf die Eröffnung des Buffets warteten. Ich kann mich auch noch an eine Tagung erinnern, für die ein eher linkes akademisch-politisches Bündnis verantwortlich zeichnete (vgl. Schulzki-Haddouti, 1998), das ‚Machtfragen der Informationsgesellschaft’ stellen wollte. Sie fand in Frankfurt statt und wir waren sicherlich nicht zufällig im selben Panel (was auch auf Nils Zurawski zutrifft, der später zum Mitherausgeber wurde, siehe unten). Nachdem wir uns so kennen- und schätzen gelernt hatten, lud ich Klaus Schönberger zu besagtem Gastvortrag in Frankfurt ein. Die nachfolgende Kneipendiskussion führte sehr schnell zu übereinstimmenden Einschätzungen. Wir redeten darüber, dass zum damaligen Zeitpunkt die wissenschaftliche Untersuchung von Internetmedien in den Kinderschuhen steckte. Die klassischen Fächer, welche sich mit Medien beschäftigten, hatten unser gemeinsames Thema noch nicht auf dem Schirm. Nach unserer Wahrnehmung bewegte sich in diesen Fächern fast nichts oder dort war allenfalls nur sehr langsam etwas zu bemerken.

Heute, 20 Jahre später, wissen wir, dass eine solche Klage sich immer wieder von jüngeren ungeduldigen Wissenschaftler:innen vernehmen lässt. Damals war die Ursache schnell ausgemacht: Die Sprachlosigkeit der Medienfächer konnte nur in der strukturellen Behäbigkeit des Wissenschaftssystems begründet sein. In der Soziologie gab es erst seit Kurzem eine Sektion, welche Kommunikation und Medien thematisierte, und die Kommunikations- und Medienwissenschaft steckte in alten Paradigmen fest. Bei den dortigen Protagonisten der Fernseh- und Zeitungsforschung handelte es sich nahezu durchgängig um wohlsaturierte Professur- oder Lehrstuhlinhaber, die noch aus der Vorinternetzeit stammten. Diese schienen weder für das Thema noch für die damals ebenfalls noch nicht voll anerkannten qualitativen Methoden aufgeschlossen zu sein, die Klaus Schönberger im Einklang mit der wissenschaftlichen Tradition der am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut zur Empirischen Kulturwissenschaft gewandelten Volkskunde praktizierte. Gleichzeitig war für die Volkskunde die beginnende Digitalisierung eine Art Schlüsselthema, anhand dessen man sich zu entstauben hoffte. Im Nachgang verschiedener Modernisierungsschübe des Faches seit Ende der 1960er-Jahre wendeten sich verschiedene Akteur:innen, unter ihnen Klaus Schönberger, der Beschäftigung mit der Digitalisierung im Alltag zu.

Mängel im Hinblick auf unser gemeinsames Thema ließen sich auch aus Sicht der Soziologie finden. Auch hier werden neue Strömungen oft sehr zögerlich aufgenommen, denn ganz ähnliche Beharrungsstrukturen sind auch dort vorhanden.

Klaus Schönbergers Aufgeschlossenheit für Neues, verbunden mit der Bereitschaft, kritische Potenziale des Faches hervorzuheben, stehen sicherlich auch in der Tradition des Tübinger Ludwig-Uhland-Institutes mit seinem langjährigen Leiter Hermann Bausinger (vgl. Bausinger 1969). Die beim Bier diskutierten Analysen führten zur Identifikation jener großen wissenschaftlichen Lücke, in die unsere Forschungsschwerpunkte fielen.2 Wir waren uns einig, dass eine Möglichkeit fehlte, Beiträge zu den neuen Medien zu veröffentlichen, und es gab viele gute Gründe, das Vorhaben, ein Journal zu gründen, anzugehen. Doch welche Herausforderungen stellten sich? Auf drei soll näher eingegangen werden: die Interdisziplinarität, das Selbstverständnis und thematische Profil sowie die technisch-organisatorischen Rahmenbedingungen.

Von Anfang an war klar, dass eine Zeitschriftengründung dann am besten funktionieren würde, wenn sie fächerübergreifend orientiert wäre. Probleme ergaben sich daraus nur selten, viel stärker war das verbindende Moment zu spüren, hatte doch die Volkskunde immer noch das von Bausinger im bereits zitierten Aufsatz benannte Problem, dass eine präzise Abgrenzung zur Soziologie nur schwerlich zu finden sei (vgl. Bausinger, 1969, S. 241). Auch von der seit 1971 als Empirische Kulturwissenschaft auftretenden Volkskunde zur Kommunikationswissenschaft bestand ein ähnliches Abgrenzungsproblem (vgl. Bausinger, 1969, S. 244). Was für die Identität eines Faches ein Problem darstellen kann, erwies sich im Fall der von uns angestrebten Journalgründung als ein Glücksfall: Es gab von Anfang an kaum das in interdisziplinären Kooperationen übliche Verständigungsproblem — im Gegenteil, alle Beteiligten konnten gut miteinander umgehen.

Einander eigentlich nicht so ferne Wissenschaftsdisziplinen entwickeln sich auseinander, weil sie in unterschiedlichen Diskussionszusammenhängen stehen. Volkskundekongresse, Tagungen der Medienund Kommunikationswissenschaft und Soziologiekongresse weisen meist nur geringe Schnittmengen auf. Allerdings lassen sich gemeinsame Forschungsgebiete ausmachen: in diesem Fall Medien, Kommunikation, Gesellschaft und Kultur. Die Kommunikationsdefizite zwischen den Fachgebieten lassen sich an manchen Stellen überbrücken. Möglich wird das, wenn gemeinsame Themen gefunden werden (manchmal sind es auch gemeinsame Methoden). Das ist aber noch nicht alles! Notwendig sind auch Personen, welche in der Lage sind, strukturelle Löcher zu überwinden (vgl. Burt, 1992). Klaus Schönberger gehört zu denjenigen, die das können. So konnte man ihn auf Kongressen für Soziologie genauso finden wie auf Tagungen der Kommunikationswissenschaft. Bei Weitem nicht alle sind fähig und vor allem mutig genug, sich in andere (wenn auch nicht wirklich fremde) Kontexte vorzuwagen, ohne eine deutliche Unsicherheit zu verspüren und ohne die eigene fachliche Herkunft zu verleugnen. Die erneuerte Volkskunde begann Ende der 1990er-Jahre, sich für die Phänomene der neuen Medien zu interessieren. Klaus Schönberger war dabei einer der Protagonist:innen, der die Aneignung dieser Medien im Alltag untersuchte. Das dadurch gewonnene Wissen vor dem Hintergrund einer in Tübingen gelernten kritischen Sichtweise bildete einen der Hintergründe der Zeitschriftengründung.

Wichtiger als disziplinäre Abgrenzungen war für unser Projekt jedoch die Definition der Inhalte und der Ausrichtung der Zeitschrift. Die wesentlichen Inhalte sollten sich im Titel der Zeitschrift niederschlagen: kommunikation@gesellschaft (nach Möglichkeit kleingeschrieben). Das nach fast 20 Jahren unveränderte Ziel lässt sich unter ‚Selbstverständnis’ auf der Webseite der Zeitschrift nachlesen. In einer aus heutiger Sicht leicht in die Jahre gekommenen Sprache sollte sich das Journal der „Untersuchung von Informations- und Kommunikationstechnologie“ widmen. Der Kern der Fokussierung richtete sich auf die „Nutzung medienkultureller Artefakte durch das Subjekt, wo bei gleichermaßen technische Aspekte und Funktionen von Geräten, Umgang und soziale Praxis, sowie die Inhalte der Nutzungen und Dienste ‚alter’ wie ‚neuer’ Medien interessieren“.3 Heute weiß niemand im Herausgeber:innenkreis mehr genau, wer wie viel zu diesem Abschnitt beitrug. Die Ausrichtung auf die Subjektorientierung erfolgte im Einklang mit dem Ansatz der kulturwissenschaftlichen Technikforschung. Heute lesen sich die Ziele, Grenzen überschreiten und gleichzeitig untersuchen zu wollen, sehr modern. Sich dem Wandel der Gesellschaft über die Aneignung und Nutzung medienkultureller Artefakte zu nähern, ist ein hoher Anspruch. Es klingt dabei noch etwas anderes an — die soziale Komponente und Konstruiertheit von Technik und Technologien.

Unser Anspruch war (und ist) also, erfahrungswissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse und theoretische Standpunkte im neuen Journal zusammenzuführen. Typisch für die Zeit der Gründung der Zeitschrift vor 2000 war eine normativ geprägte Meinungspolarisierung: Einerseits betrachteten Vertreter:innen einer kulturpessimistischen Sichtweise die Digitalisierung als höchst problematisch, andererseits gab es utopische Einschätzungen über die Gesellschaftsentwicklung hin zu neuen Gemeinschaften, in denen es keine sozialen Ungleichheiten mehr geben sollte. Diesen beiden Polen sollte nicht nur die Empirie des Feldes entgegengesetzt werden, sondern eine historisch vergleichende Perspektive sollte zudem vor fehlerhaften Einschätzungen schützen. Angestrebt war eine Ausrichtung des Journals auf eine Weise, welche die grundsätzlichen sozialwissenschaftlichen Traditionen nicht vergisst.

Bereits Ende der 1990er-Jahre war die Ausrichtung von Wissenschaft an Verwertungsgesichtspunkten einerseits und der Versuch der quantifizierenden Messung von wissenschaftlicher Leistung andererseits spürbar. Der Wert der Wissenschaft wird mittlerweile immer stärker an der Veröffentlichung der Produktion nur in bestimmten indexierten Journalen und / oder am Volumen der Drittmitteleinwerbungen gemessen. Unser Journal positionierte sich explizit gegen diese Tendenz, wissenschaftliche Heterogenität und Kreativität einzuschränken. Es sollte einen Platz für „Grundlagenforschung jenseits ‚anwendungsorientierter’ und warenförmiger Zurichtung von Wissenschaft“4 bieten. Entsprechend war die Zeitschrift von Anfang an offen für unterschiedliche Publikationsformate: Von Aufsätzen, Essays und Literaturbesprechungen bis zu Forschungsnotizen sollten alle Formate möglich sein.

Schließlich zu den technisch-organisatorischen Herausforderungen: Hier profitierten wir von den Potenzialen der digitalen Medien, denn technisch ließ sich das Vorhaben, ein Onlinejournal zu gründen, leicht umsetzen. Unsere Idee war damals schon, dass wir Inhalte rund um die digitalen Medien auch im digitalen Medium zur Verfügung stellen wollten, ohne die Restriktionen, die gedruckte Inhalte zwangsläufig aufweisen: hohe Distributionskosten etwa, die Platzbeschränkung eines Heftes und der Zwang, eine bestimmte Anzahl an ‚Heften’ in einem definierten Zeitraum herauszubringen.

Zudem war es uns wichtig, dass keine ‚Bezahlschranke’ durch Verlage vorhanden sein sollte und die Inhalte kostenfrei für alle Interessierten zugänglich gemacht werden — heute würde man von Open Access sprechen. Die Internetveröffentlichung kostete schließlich ‚fast nichts’ — was nicht ganz stimmt, denn das Herausgeber:innenteam trägt verschiedene laufende Kosten, darunter für die Domain des Journals und das Hosting. Konnte das Journal anfangs einen Server der Universität Frankfurt nutzen, mussten wir im Lauf der Zeit feststellen, dass auch eine solch gewichtige Institution über einen so langen Zeitraum unzuverlässig sein kann — mehrfach mussten die Artikel auf andere Server umgezogen werden, bis schließlich eine Gebühr für das Hosting verlangt wurde.

Auf der Suche nach Alternativen kam es Anfang 2008 zum Kontakt mit der GESIS. Unsere Zeitschrift war eines der ersten deutschsprachigen Open-Access-Journals, die im Rahmen dieser Kooperation in die von der Leibniz-Gemeinschaft finanzierte sozialwissenschaftliche Plattform Sowiport integriert wurden. Mittlerweile ist dieses Angebot im deutlich umfangreicheren Social Science Open Access Repository (SSOAR) aufgegangen. Jeder Beitrag unseres Journals erhält dadurch einen unveränderlichen Uniform Resource Name (URN), über den er aufrufbar ist. Zudem erschließt das Repository unsere Beiträge in verschiedenen Datenbanken, sodass sie bei Recherchen besser auffindbar sind.

Ein Grundprinzip des Journals ist seit der Gründung unverändert: Alle eingereichten Texte werden, sofern sie in das Profil des Journals passen, von mindestens zwei Begutachtenden gelesen. Meist handelt es sich um Mitglieder des Herausgeber:innenkreises, gelegentlich aber auch um extern herangezogene Gutachterinnen und Gutachter. In den ersten Jahren trugen Klaus Schönberger und Christian Stegbauer diese Arbeitslast, wobei es sich als Glücksfall erwies, dass die Herausgeber Kontakte in unterschiedlichen Fachgebieten hatten und das Journal dadurch übergreifend bekannt machen konnten. Dies führte zur Einreichung von Beiträgen, die ansonsten nicht in einem solchen Kontext zu finden gewesen wären. Die explizit in der empirischen Kulturwissenschaft beheimateten Beiträge eröffneten auch für die Soziologie völlig neue Themen, wie etwa der Beitrag über ‚Schundliteratur’ von Kaspar Maase (2002) oder der Text von Ove Sutter (2014) über die Kreativität beim Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen in Hamburg, um nur zwei der vielen Beiträge herauszugreifen.

In den folgenden Jahren kamen weitere Herausgeberinnen und Herausgeber dazu, die Profil und Arbeitsweise des Journals erweiterten.

3 Jan-Hinrik Schmidt

Ich arbeitete Anfang der 2000er-Jahre an der ‚Forschungsstelle Neue Kommunikationsmedien’ der Universität Bamberg und hatte mich in diesem Zusammenhang von der Soziologie in Richtung einer kommunikationswissenschaftlich orientierten Onlineforschung bewegt. Dabei stieß ich auf kommunikation@gesellschaft und konnte dort 2003 / 2004 einen Beitrag aus dem Kontext meiner Dissertation sowie zwei Rezensionen veröffentlichen. Daraufhin sprachen mich Klaus Schönberger und Christian Stegbauer an, ob ich mir eine Tätigkeit als Co-Herausgeber vorstellen könne — ich zögerte nicht lange und sagte begeistert zu.

Eine meiner ersten ‚Amtshandlungen’ war, im neu formierten Dreier-Team die erste Sonderausgabe von k@g zu organisieren. Sie hatte den Titel Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung und folgte einem Gedanken, den wir in den Jahren danach noch öfter aufgriffen: Durch einen Call for Papers in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen Beiträge zu interessanten und für das Journal einschlägigen Phänomenen aus dem Bereich der Medienkommunikation anzuregen, die dann gebündelt bei uns erscheinen. 2006 folgte eine Sonderausgabe zu Wikis, 2012 — schon unter Mitarbeit von Nils Zurawski — die Sonderausgabe zum Phänomen Facebook. Weitere Sonderausgaben behandelten das Thema Wissenschaft nach 20 Jahren World Wide Web (2014) und den Zusammenhang zwischen Algorithmen, Kommunikation und Gesellschaft (2017, mit Katharina Kinder-Kurlanda). 2018 kam es dann zu einer Premiere: Erstmals in der Geschichte des Journals gab es eine Sonderausgabe (zur Originalität und Viralität von Internet-Memes), die von Gastherausgebern betreut wurde (Georg Fischer und Lorenz Grünewald-Schukalla).

4 Nils Zurawski

Als ich Klaus Schönberger und Christian Stegbauer auf der oben erwähnten Frankfurter Konferenz zu den ‚Machtfragen der Informationsgesellschaft’ kennenlernte, war ich noch mitten in meiner Promotion zum Thema ‚Identität und Internet’ und bewegte mich zwischen meinen Fächern Soziologie und Ethnologie hin und her, ganz zu schweigen von einer klaren Verortung des Themas Internet, das Ende der 1990er-Jahre noch als recht exotisch angesehen wurde. 2000, so sagt es mein E-Mail-Archiv, bekam ich eine Mail von Christian Stegbauer mit der Anfrage für einen Text für das gerade neu gegründete Journal. So wurde ich zu einem Autor in der ersten Ausgabe, lange bevor ich in das Herausgeber-Team eingeladen wurde.

Im Juli 2005 traf ich wieder auf Klaus Schönberger, dessen damalige E-Mail die schöne und herrlich verspielte Betreffzeile hatte: „Der Tag, an dem wir Kontakt aufnehmen“. Ich hatte meinen Schwerpunkt auf Überwachung gelegt und war in Hamburg bei den sozialforschenden Kriminolog:innen untergekommen. Mit seiner Unterstützung entwickelte ich ein Forschungsprojekt zu Kundenkarten und Konsum — eine Fortführung meiner Forschung zu Überwachung auf anderem Gebiet. Die Zeit bei der Volkskunde tat mir gut und gab meiner Forschung und wissenschaftlichen Arbeit neue Impulse, sei es die Einbeziehung von Praktiken, das Feld des Konsums oder eine noch stärkere Hinwendung zur Ethnografie — von der politischen Dimension der Arbeit und meiner Einstellung zur Universität einmal ganz abgesehen. Klaus Schönberger war in der Zeit und ist bis heute ein zuverlässiger und interessanter Gesprächspartner, von dessen breiter Neugier und Interessen ich enorm profitiere. Der Einladung in das Herausgeber-Gremium bin ich daher auch mit Freude gefolgt. Ich selbst profitiere immer davon, wenn ich Texte zu Themen lese, die nicht im Kern meiner Aufmerksamkeit liegen, mich aber in diesen Bereichen auf dem Laufenden halten. Daraus entwickeln sich neue Ideen, die sich dann auf meine derzeitigen Forschungsthemen auswirken. Die Offenheit des Journals lässt es zu, eigene Interessen unterzubringen, etwa in den Themenausgaben oder speziellen Rezensionen. Diese Offenheit, thematisch wie formell, ist damals wie heute ein wichtiger, wenn nicht elementarer Aspekt von Wissenschaft, der in einer Phase ihrer Formatierung oft ins Hintertreffen geraten zu scheint.

Was das Journal anging, gab es Ende 2016 weitere Veränderungen: Katharina Kinder-Kurlanda machte mit ihrem Eintritt in den Herausgeber:innenkreis dem ‚All Men Panel’ ein Ende. Zwar kam sie über den Kontakt mit Jan-Hinrik Schmidt dazu, doch auch sie kennt Klaus Schönberger bereits vom Anfang ihrer Karriere durch die Mitarbeit an dessen sehr bekannt gewordenem kulturwissenschaftlichen Buch zum Bankraub (vgl. Schönberger, 2001).

5 Katharina Kinder-Kurlanda

Klaus Schönberger und die kommunikation@gesellschaft haben mich in der Tat durch meinen akademischen Werdegang hindurch begleitet, manchmal näher, manchmal eher aus der Ferne. Bei Klaus Schönberger besuchte ich in den 1990er-Jahren in Tübingen sein wunderbares Seminar zum Thema ‚Internetkulturen’ — die inzwischen völlig geknickte Literaturliste (Kopie auf Umweltpapier) nutze ich bis heute zur Vorbereitung meiner Seminare zu Big Data oder Social Media, so wenig haben viele der Ideen darin an Aktualität verloren. Ich denke nicht, dass irgendeine andere Lehrveranstaltung mein Nachdenken über Technologie im Alltag mehr beeinflusst hat. Die Ideen und Konzepte, die damals am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut gelehrt wurden, sind heute noch so aktuell wie damals: Um die Auswirkungen von Technologien zu verstehen, bedarf es auch einer Betrachtung des Alltags und seiner Verschränkungen von Technischem und Nichttechnischem, seiner Rekombinationen von alten Praktiken mit neuen und seiner Widerständigkeiten und Persistenzen. Und: Im Alltag wird immer auch der Einfluss von strukturellen Ungleichheiten und Machtverhältnissen sichtbar, das heißt, dass die Fächer, die in Deutschland aus der Volkskunde entwickelt wurden, eben auch Sozialwissenschaften sind, die einen der Soziologie ebenbürtigen Anspruch erheben, zum Kenntnisstand über den aktuellen Stand der Gesellschaft beizutragen.

Die k@g wurde gegründet, als ich im Jahr 2000 zum Hauptstudium nach Frankfurt zog, und spiegelte in ihrer ersten Ausgabe deutlich die damals dort sehr angesagte Beschäftigung mit dem Thema Postfordismus wider. Überhaupt sind die ersten Ausgaben stark auf die Einordnung von Technologien in Organisationen, auf die Bedeutung der Informatisierung für die Arbeitswelt und strukturelle Veränderungen grundlegender Art durch neue Technologien fokussiert. Technologieentwicklung wird nicht unabhängig von ihrer machtpolitischen Dimension gesehen. Einige Überschriften aus den ersten Jahren wären auch 2018 nicht fehl am Platz: Das Ende des Privaten? (vgl. Neumann-Braun, 2000) oder Partnersuche im Internet (vgl. Herlyn, 2001) klingen doch sehr aktuell. Andere Titel von Beiträgen behandeln Themen, die zwar ebenfalls immer noch relevant sind, die heute aber wohl mit einem anderen Vokabular diskutiert würden — siehe Gewalt und Geselligkeit in Online-Videospielen (vgl. Nachez & Schmoll, 2002).

Als ich 2012 aus Lancaster nach Deutschland zurückkehrte, suchte ich nach einer Möglichkeit, einen Artikel über Farmville unterzubringen — und glücklicherweise gab es die k@g, die ethnografischen Methoden gegenüber ebenso aufgeschlossen war wie der Bedeutung der Betrachtung des Alltags mit neuen Technologien. Einen so durchdachten, sorgfältigen und autorinnenfreundlichen Review-Prozess hatte ich selten erlebt und so freute ich mich ein paar Jahre später sehr über die Gelegenheit, die Sonderausgabe zum Thema Algorithmen mitherauszugeben. Das Thema war gerade am Aufkommen, wurde aber in den Mainstream-Fachzeitschriften der einschlägigen Disziplinen nicht vorrangig behandelt. In dem Sinn hat sich, so denke ich, bei der k@g seit ihrer Gründung nichts geändert: Sie hat nach wie vor den Status einer eben nicht ganz etablierten Fachzeitschrift, erreicht wohl gerade deswegen ein so großes Publikum und greift aktuelle Technologieentwicklungen und Themen sehr viel schneller auf als andere Publikationsorgane. Was ihre Organisation betrifft, so vereint sie meiner Ansicht nach eine kompromisslose Aufgeschlossenheit gegenüber aktuellen Trends (Open Access und Hosting bei SSOAR, alle Artikel als pdf-Datei und selbstverständlich immer die aktuellsten Themen) mit einer charmanten Beharrung auf herkömmlichen akademischen Konventionen (inhaltliche Diskussionen im Herausgeber:innenkreis, sorgfältige, individuelle Begutachtung und Betreuung der Autorinnen und Autoren sowie eine sehr freundliche Aufnahme der neuen Kollegin). Wie gut, dass Christian Stegbauer und Klaus Schönberger damals im Tannenbaum waren.

Autor*innenbeiträge

Die Autor:innen haben jeweils die nach ihnen benannten Abschnitte verfasst.

Interessenskonfliktstatement

Die Autor*innen erklären, dass ihre Forschung ohne kommerzielle oder finanzielle Beziehungen durchgeführt wurde, die als potentielle Interessenskonflikte ausgelegt werden können.

Referenzen

Bausinger, H. (1969). Kritik der Tradition. Anmerkungen zur Situation der Volkskunde. Zeitschrift für Volkskunde, 65, 232–250.
Burt, R. S. (1992). Structural Holes: The Social Structure of Competition. SSRN Scholarly Paper Nr. ID 1496205. Rochester, NY: Social Science Research Network. Zugriff am 14.10.2020. Verfügbar unter: https://papers.ssrn.com/abstract=1496205
Hamm, M., Holfelder, U., Ritter, C., Schwell, A. & Sutter, O. (Hrsg.). (2019). Widerständigkeiten des alltags : Beiträge zu einer empirischen kulturanalyse. Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag. Verfügbar unter: https://netlibrary.aau.at/obvukloa/content/titleinfo/4876846
Herlyn, G. (2001). Partnersuche im Internet: mediale Mythenbildung und Aneignungserfahrungen einer alltäglichen Kommunikationstechnik. kommunikation@gesellschaft, 2.
Maase, K. (2002). ’Schundliteratur’ und Jugendschutz im Ersten Weltkrieg: eine Fallstudie zur Kommunikationskontrolle in Deutschland. kommunikation@gesellschaft, 3.
Nachez, M. & Schmoll, P. (2002). Gewalt und Geselligkeit in Online-Videospielen. kommunikation@gesellschaft, 3.
Neumann-Braun, K. (2000). Das Ende des Privaten? Web Cam-Angebote und deren Rezeption ; eine Fallstudie. kommunikation@gesellschaft, 1.
Schönberger, K. (Hrsg.). (2001). Vabanque: Bankraub ; Theorie, Praxis, Geschichte (2. Aufl.). Berlin Hamburg Göttingen: Assoziation A.
Schulzki-Haddouti, C. (1998). Die dunkle Seite der Informationsgesellschaft. Telepolis.
Sutter, O. (2014). Recapturing the Gefahrengebiet: (Klobürsten-)Proteste in der "Kreativen Stadt“. kommunikation@gesellschaft, 15.

  1. Beim AfE-Turm handelt es sich um ein Hochhaus in Frankfurt, in dem Teile der Universität untergebracht waren – von oben nach unten: Theologie, Psychoanalyse, Pädagogische Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaften und das Didaktische Zentrum. Das Hochhaus war bis 2013 in Betrieb und wurde 2014 gesprengt.↩︎

  2. Freilich handelt es sich bei der hier wiedergegebenen Schilderung um Stories: Geschichten, wie sie die Erinnerung hergibt und die auf diese Weise erzählbar gemacht werden. Die Überlegungen fanden nicht vollständig in der Kneipe statt, aber alle Gespräche, E-Mails und Telefonate führten in die geschilderte Richtung.↩︎

  3. kommunikation@gesellschaft. Journal für alte und neue Medien aus soziologischer, kulturanthropologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Online: https://journals.sub.uni-hamburg.de/hup2/kommges/about↩︎

  4. kommunikation@gesellschaft. Journal für alte und neue Medien aus soziologischer, kulturanthropologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive. Online: https://journals.sub.uni-hamburg.de/hup2/kommges/about↩︎

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2020-10-13

Akzeptiert

2020-10-15

Veröffentlicht

2020-11-04