Open Access kultur- und sozialwissenschaftlich gelesen
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https://doi.org/10.15460/kommges.2026.26.1.1884In der Mitte der 1990er Jahre kam das wissenschaftliche Publikationswesen an einen Wendepunkt: Die Subskriptionskosten für Fachzeitschriften stiegen ins Unermessliche und waren für Bibliotheken und andere Informationsinfrastrukturen nicht mehr finanzierbar. Diese Geschäftspraxis der wissenschaftlichen Großverlage zwang die Einrichtungen dazu, Abonnements zu kündigen, was weitere Preissteigerungen zur Folge hatte. Diese sogenannte “Zeitschriftenkrise” trug maßgeblich dazu bei, dass sich eine Open-Access-Bewegung formierte und bald erstarkte. In diesem Zuge entstanden in den frühen Nuller-Jahren zentrale Policy-Dokumente zum freien und fairen Publizieren, namentlich die Erklärungen von Budapest 2002 sowie von Bethesda und Berlin 2003. Grundlegendes Anliegen dieser Bewegung war und ist es, die Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse der Öffentlichkeit frei zur Verfügung und zur Nachnutzung zu stellen. Da sich die Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse aber nicht nur in traditionellen Publikationsformaten wie Zeitschriftenartikeln oder Monografien manifestiert, rückten schnell weitere Produkte in den Blick. Hierzu gehörten Daten und Software ebenso wie die Frage nach der Qualitätssicherung und damit verbundenen Peer-Review-Verfahren. In dieser Hinsicht war die Open-Access-Bewegung schon früh mit einem Verständnis von Open Science verwoben, das Wissenschaft als System und Praxis in ihrer Ganzheit in den Blick nimmt. So wurden Kernelemente aus den Diskursen um Open Access, Open Data, Open Educational Resources, Open Infrastructures, Open Source oder Open Peer Review zu zentralen Open-Science-Prinzipien. Zugleich behalten Publikationen für die Wissenschaft eine besondere Bedeutung und bilden den Kern des Open-Science-Prinzips, sind sie doch Währung wissenschaftlichen Arbeitens, Werkzeug wissenschaftlicher Kommunikation und Indikator für wissenschaftliche Reputation. Damit wurde das Ringen um eine offene, transparente, inklusive und nachhaltige Wissenschaft, paradigmatisch in der UNESCO Recommendation on Open Science ausformuliert, wesentlich zum Ringen um den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen (für Leser:innen) und zu entsprechenden Möglichkeiten der Publikation (für Autor:innen oder Herausgeber:innen).
Mit dieser Diagnose verbunden ist die Einsicht, dass der Wandel des wissenschaftlichen Publikationswesens, die Open-Science- und die digitale Transformation der Wissenschaft in einem engen, reziproken Verhältnis zueinander stehen. Um diesen Übergang ganzheitlich zu gestalten und die Wissenschaft als System und Praxis in ihrer Pluralität zu erfassen, können nicht nur einzelne Fachdisziplinen pars pro toto die theoretische Ausgestaltung eben dieser Transformation übernehmen. Dies würde unweigerlich dazu führen, dass Fach- und Publikationskulturen einiger weniger Disziplinen letztlich zum Vorbild für die Ausgestaltung von Open Science im Allgemeinen werden würden. Das Resultat wäre ein wissenschafts- und förderpolitisches Handeln, das bestimmte Fachkulturen an den Rand drängt und, in seiner extremen Form, von der Teilhabe an der Open-Science-Transformation ausschließt. Beispielhaft hierfür ist die Verengung des Blickfelds im Open-Access-Diskurs auf wissenschaftliche Zeitschriften mit ihrer primären Ausrichtung auf Article Processing Charges (APCs). Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften werden hier benachteiligt, sind ihre Modi der Wissenschaftskommunikation doch oftmals stark mit Monografien und Sammelbänden in ihren fachspezifischen Ausformungen verknüpft. Auch scheint der Diskurs um Reputation und Anerkennung von sowohl Open-Access-Publikationen also auch der Mitarbeit in Open-Access-Infrastrukturen (wie Zeitschriften) als komplexe Gemengelage nicht nur wissenschaftspolitisch innerhalb einer Vielfalt von Fächern, sondern spezifisch in Bezug auf einzelne Fachkulturen zu betrachten zu sein. Insofern ist es an der Zeit, Open Access aus Blick unterschiedlicher Fächer zu perspektivieren, zu reflektieren oder – im Falle der vorliegenden Sonderausgabe – kultur- und sozialwissenschaftlich zu lesen.
Im Fokus der Sonderausgabe stehen die wissenschaftskommunikativen, medienproduktiven, -distributiven und -rezeptiven Wandlungsprozesse des wissenschaftlichen Publikationssystems und deren Auswirkungen auf die Kultur- und Sozialwissenschaften. Ebenso relevant ist die Beziehung zwischen Open Access und digitaler Transformation der Kultur- und Sozialwissenschaften und wie sich diese auf diversen Ebenen niederschlägt. In diesem Zusammenhang wird durchaus auch ein wissenschaftspolitischer Anspruch deutlich, wenn es um die Frage der Sichtbarkeit wissenschaftlicher Publikationen (und somit auch von Wissenschaft und Wissenschaftler:innen) in traditionellen Publikations- wie Open-Access-Modellen geht. Die einzelnen Beiträge sind somit auch als ein Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung von fachkulturellen Publikationspezifika bei der Open-Access-Transformation zu verstehen.
Die Sonderausgabe „Open Access kultur- und sozialwissenschaftlich gelesen“ versammelt Aufsätze, Essays und Praxisberichte aus der Ethnologie, Kommunikationswissenschaft, Medienpädagogik, Medienwissenschaft, Politologie, Volkswirtschaft und der bibliothekarischen Praxis, die sich dem Thema Open Access in den Kultur- und Sozialwissenschaften aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Kathrin Ganz befasst sich mit der digitalen Souveränität wissenschaftlicher Infrastrukturen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen der Kommerzialisierung und Plattformisierung des wissenschaftlichen Publikationswesens und darauf reagierenden öffentlich getragenen Gegenmaßnahmen aus hegemonietheoretischer und machtkritischer Perspektive. Dabei wird die Frage nach der Kontrolle über Wissenschaft anhand des Verhältnisses zwischen wissenschaftlicher Autonomie und staatlichen Steuerungsversuchen betrachtet. Yuliya Fadeevas Beitrag wendet sich mit dem Science Tracking einer zunehmend von wissenschaftlichen Großverlagen und Datenkonzernen betriebenen Form datengetriebener Überwachung zu. Sie zeichnet dabei nach, wie Praktiken der Webökonomie Eingang in das wissenschaftliche Publikationswesen finden und zu noch stärkeren Marktkonzentrationen führen. Besonders in den Blick gerät dabei das Verhältnis zwischen Tracking-Verfahren und Open-Access-Transformationsverträgen. Kristin Biesenbender und Isabella Peters setzen sich mit der fachspezifischen Wissenschaftsbewertung auseinander, indem sie das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre vor dem Hintergrund von Open Access untersuchen. Sie stellen heraus, dass sich das Publikationsverhalten durch eine anhaltende Fokussierung auf bibliometrische Indikatoren und Reputationshierarchien zwar kaum verändert, dass verschiedene formale Faktoren aber durchaus zu einer bibliodiversen Publikationskultur in der Volkswirtschaftslehre beitragen können. Klaus Rummler, Colette Schneider Stingelin und Angelica Hüsser wenden sich mit Lay-Abstracts, ergo Laienzusammenfassungen, einem bisher kaum beachteten Aspekt inklusiver und partizipativer Wissenschaftskommunikation zu. Ausgehend von einem Forschungsprojekt zur Implementierung von Lay-Abstracts analysieren und reflektieren sie, wie man diese Textsorte einsetzen kann und welche Hindernisse bestehen.
Dem Umstand, dass sich die Ausgestaltung der Open-Access-Transformation bisher mehrheitlich an Textpublikationen orientiert und dabei andere Publikationsformate aus dem Blick zu verlieren droht, bildet den Ausgangspunkt für Monika Weiß’ Überlegungen. Konkret geht es ihr um die Rolle audiovisueller Publikationsformate für die Wissenschaftskommunikation am Beispiel von Science Videos, die in der digitalen Medienkultur zunehmend Verbreitung finden. Der Essay diskutiert dabei unterschiedliche Umsetzungsmöglichkeiten wie auch Implikationen für einen langfristigen Zugang.
Die Sektion der Praxisberichte beginnt mit einem Beitrag von Martina Benz und Linda Martin. Sie berichten in ihrem Text von den Arbeiten des jüngst für die Fortsetzung bewilligten open-access.network zur Open-Access-Transformation unter Einbezug von Fachgesellschaften und Publizierenden. Im Sinne des “Scaling-Small-Ansatzes” stellen sie heraus, dass gemeinsames Handeln und das Einbinden von Akteur:innen entscheidend für das Community-Building und den Kulturwandel hin zu Open Access sind. Jeannine Teichert, Gudrun Oevel und Dorothee M. Meister betrachten ebenso den Kulturwandel hin zu Open Access, allerdings nicht aus Sicht eines nationalen Community-Projektes, sondern aus Perspektive einer einzelnen Universität. Dabei werden Faktoren identifiziert, die diesem Transformationsprozess entgegenstehen und die gegenwärtige Publikationskultur als “Zwischenkultur” erkennbar machen, die sich nur durch ein vertieftes Verständnis dieser Kulturveränderungen überwinden lässt. Kathleen Heft und Anja Rosenbaum fokussieren auf die fachliche Dimension des Kulturwandels zu Open Access und gewähren einen Einblick in die Arbeit eines Projekts zur Förderung von Open Access in den ethnologischen Fächern. Sie diskutieren Fachspezifika der Publikationskultur sowie das Verhältnis zu anderen Informationsinfrastrukturen und illustrieren, wie sich dies in der konkreten Projektarbeit ausdrückt. Corinna Peil verdeutlicht, dass der Kulturwandel zu Open Access nicht nur auf etablierten Publikationswegen beruht, sondern auch durch kollaborative Publikationsprojekte vorangetrieben werden kann, die Studierende als eine Statusgruppe einbinden, die in der Open-Access-Transformation bislang nur eine marginale Rolle spielt. Basierend auf einem Open-Access-Journal beschreibt sie nicht nur die Arbeitsprozesse eines derartigen Publikationsorgans, sondern analysiert diese unter Rückgriff auf die Care-Ethik und unterstreicht, welche (aus-)bildenden Potenziale derartige Publikationsprojekte in sich bergen.
Die in Format, Methode und disziplinärem Hintergrund unterschiedlichen Beiträge dieser Sonderausgabe zeigen die Vielgestalt der Open-Access-Transformation, die sich mitunter als langwieriger Prozess gestaltet, die aber immer das Wissen um fachspezifische Kulturen und Praktiken voraussetzt. Zugleich geben die Beiträge Denkanstöße über die Disziplinengrenzen hinweg. Damit bereichern sie nicht nur einen informations- und bibliothekswissenschaftlichen Diskurs, sondern lösen zugleich den vielfach kolportieren Anspruch einer bibliodiversen Ausgestaltung des wissenschaftlichen Publizierens ein.
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