Lay-Abstracts als Element auf dem Weg zu Open Science
Ansätze für eine zugängliche und laiengerechte Wissenschaftskommunikation
DOI:
https://doi.org/10.15460/kommges.2025.26.1.1636Begutachtung
Abstract
Das Kapitel beleuchtet die Rolle von Lay-Abstracts im Kontext von Open Science und Wissenschaftskommunikation. Es stellt das Projekt „SciComOA – Science Communication for a Lay Audience“ vor, welches Laienzusammenfassungen als strategisches Kommunikationsformat in Open-Access-Zeitschriften entwickelt und erprobt. Die Autor:innen analysieren theoretische Grundlagen (Open Access und Wissenschaftskommunikation), definieren relevante Laienzielgruppen und beschreiben das methodische Vorgehen mittels quantitativer und qualitativer Erhebungen mit Redaktionen und Autor:innen. Ergebnisse zeigen eine hohe Motivation zur Beteiligung an Lay-Abstracts, aber auch strukturelle Hürden wie Zeitmangel, fehlende Anerkennung und uneinheitliche redaktionelle Prozesse. Als Lösungsansätze diskutiert der Aufsatz transdisziplinäre Zusammenarbeit, KI-gestützte Tools und die institutionelle Verankerung von Laienkommunikation. Lay-Abstracts werden nicht als triviale Vereinfachung verstanden, sondern als kulturell und kommunikativ bedeutender Baustein einer inklusiven, partizipativen Wissenschaftskultur.
1 Einleitung
Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist in gesellschaftliche Prozesse eingebettet, wird größtenteils öffentlich finanziert und sollte daher nicht nur für akademisches Fachpublikum zugänglich und verständlich sein. Mit dem Konzept von Open Science wird diese Forderung nach Transparenz, Inklusivität und demokratischer Teilhabe an Forschung institutionell und politisch verankert – prominent etwa in der UNESCO-Empfehlung zu Open Science UNESCO (2021). Während Open Access als freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen ein zentrales Element von Open Science darstellt, geht die Forderung nach Offenheit weit darüber hinaus: Es geht auch um Verständlichkeit und Adressierbarkeit wissenschaftlicher Inhalte für ein nicht-spezialisiertes Publikum.
Gerade wissenschaftliche Artikel sind oftmals in einer spezialisierten Fachsprache verfasst, zirkulieren in wissenschaftlichen Distributionskanälen und folgen der je eigenen wissenschaftlichen Recherchelogik, wodurch sie selten über ihre Fachcommunitys hinauswirken. Um dieser Herausforderung zu begegnen, werden sogenannte Lay-Abstracts (Laienzusammenfassungen) entwickelt: kurze, klar strukturierte, allgemeinverständliche Zusammenfassungen wissenschaftlicher Fachartikel. Sie sollen die Reichweite und gesellschaftliche Relevanz wissenschaftlicher Erkenntnisse erhöhen und als Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fungieren.
Der vorliegende Beitrag stellt ein Projekt zur Entwicklung und Erprobung von Lay-Abstracts im Kontext mehrerer Schweizer Open-Access-Zeitschriften vor. Er beleuchtet die theoretische Verankerung, das methodische Vorgehen und zentrale empirische Erkenntnisse aus Autor:innenenbefragungen und redaktionellen Analysen. Ziel ist es, Lay-Abstracts als strategisches Element der Wissenschaftskommunikation zu konzeptualisieren und kritisch zu reflektieren, welche Rolle sie auf dem Weg zu einer inklusiveren Wissenschaftspraxis spielen können.
2 Theoretischer Rahmen: Open Science, Wissenschaftskommunikation und die Rolle von Laien
Die Debatte um Open Science ist eng verbunden mit Forderungen nach Demokratisierung von Wissen, Nachvollziehbarkeit von Forschungsprozessen und Partizipation nicht-wissenschaftlicher Akteur:innen. Unter Open Science wird heute ein Sammelbegriff verstanden, der neben Open Access auch Praktiken wie Open Data, Open Peer Review oder Citizen Science einschließt. Ziel ist es, Wissenschaft transparenter, inklusiver und kollaborativer zu gestalten (UNESCO, 2021).
Ein zentrales Spannungsfeld in diesem Kontext besteht zwischen Zugänglichkeit und Verständlichkeit: Während Open Access primär die formale Zugänglichkeit wissenschaftlicher Inhalte gewährleistet, bleibt die semantische und kognitive Erschließbarkeit durch Laien oft unberücksichtigt. Hier setzen Lay-Abstracts an: Sie sollen Brücken zwischen Fach- und Alltagswissen, zwischen wissenschaftlicher Sprache und lebensweltlicher Relevanz bauen (Hahn, 2022; Sedgwick et al., 2021). Als Lay-Abstract wird als eine spezielle Form von Abstract beschrieben, die sich an eine nicht-fachliche Zielgruppe richtet. Sie sollen es auch Personen ohne spezielles Vorwissen ermöglichen, den Kerninhalt und die Relevanz eines wissenschaftlichen Textes zu erfassen.
„Gewöhnlich wenden sich Abstracts an einen heterogenen, eher diffus umrissenen Benutzerkreis. Solche generischen Abstracts sind von benutzertypzentrierten perspektivischen bzw. personalisierten Abstracts zu unterscheiden, die für eine klar definierte Benutzergruppe mit entsprechend gut einschätzbarem Hintergrundwissen und präzise artikulierten Informationspräferenzen bestimmt sind. Unter diesen Rahmenbedingungen verschieben sich die Kondensierungskriterien weg von textintrinsischen Merkmalen, die für generische Abstracts leitend sind, hin zu einem extrinsisch gesetzten Bias, der beispielsweise durch vom Benutzer formulierte Fragen, interaktiv akquirierte Benutzerpräferenzen oder vordefinierte Benutzermodelle explizit gemacht werden kann, um über solche Filter und Verstärker die Informationsbedürfnisse spezifischer Benutz(gruppen) [sic!] angemessen zu befriedigen.“ (Hahn, 2022, S. 234 Hervorh. im Original)
In der medizinischen Forschung sind Lay-Abstracts inzwischen durch die EU-Verordnung (EU Nr. 536/2014) (Regulation (EU) No 536/2014 of the European Parliament and of the Council of 16 April 2014 on Clinical Trials on Medicinal Products for Human Use, and Repealing Directive 2001/20/EC Text with EEA Relevance, 2014) verpflichtender Bestandteil von Publikationen zu klinischen Studien. Hier hat sich eine gewisse Praxis etabliert, zunehmend unterstützt durch automatisierte Verfahren etwa mittels Künstlicher Intelligenz (Falkenberg et al., 2024). In anderen Disziplinen – etwa in der Geistes- oder Sozialwissenschaft – existieren bislang kaum formalisierte Strukturen oder institutionelle Anreize für die Erstellung allgemeinverständlicher Zusammenfassungen.
Lay-Abstracts sind gezielt auf nicht-fachliche Zielgruppen ausgerichtet und fassen wissenschaftliche Inhalte in verständlicher, klar strukturierter und allgemein zugänglicher Sprache zusammen. Charakteristisch für Lay-Abstracts ist die konsequente Vermeidung von Fachjargon sowie der Einsatz einer einfachen, präzisen Sprache. Die Inhalte werden so aufbereitet, dass auch Personen ohne spezifisches Vorwissen den zentralen Erkenntnisgehalt nachvollziehen können. Lay-Abstracts spielen insbesondere im Kontext einer offenen Wissenschaft (Open Science) eine zentrale Rolle, da sie die Teilhabe der Öffentlichkeit an wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern. Als vermittelndes Format tragen sie dazu bei, Forschung transparenter, anschlussfähiger und gesellschaftlich relevanter zu machen. Im Projekt SciComOA werden Lay-Abstracts in diesem Sinne als eigenständiges Format der Wissenschaftskommunikation definiert.
2.1 Wissenschaftskommunikation als intermediäre Praxis
Wissenschaftskommunikation wird in der Literatur unterschiedlich gerahmt: als Transfer, als Dialog, als Partizipation. Klassische Transfermodelle (One-way-Kommunikation) wurden kritisiert, da sie ein defizitäres Verständnis der Öffentlichkeit implizieren (Felt & Fochler, 2010). In jüngeren Konzepten steht der Austausch auf Augenhöhe im Fokus, etwa bei partizipativer Wissenschaftskommunikation oder Citizen Science. Lay-Abstracts lassen sich dabei als intermediäres Format verstehen – sie sind mehr als reine Vereinfachungen, aber weniger als dialogische Prozesse im eigentlichen Sinn (Stoll et al., 2022). Für die analytische Explikation von Wissenschaftskommunikation werden vier Dimensionen zugrunde gelegt: der institutionelle Ort der Wissenschaftsproduktion, die Anschluss- und Verwendungsoptionen von wissenschaftlichem Wissen und wissenschaftlichen Methoden, die Felder der Anschluss- und Verwendungsoptionen und die Konstellation der Kontaktzonen in der Wissenschaftskommunikation (Reinmann & Rhein, 2024). Die Rezeption der Wissenschaftskommunikation ist selten passiv, denn sie ist an Alltagsthemen anschlussfähig und öffnet potenziell die Tür für breitere Auseinandersetzungen mit Wissenschaft.
Lay-Abstracts sind Teil einer wachsenden Landschaft von Wissenschaftskommunikationsformaten, die den Anspruch verfolgen, Wissenschaft mit und für die Gesellschaft zu gestalten (Bertemes et al., 2024, S. 14). Diese Formate bewegen sich entlang eines Spektrums von reiner Informationsvermittlung (‚dissemination‘) über dialogische Verfahren bis hin zu ko-kreativen Ansätzen, wie sie etwa im Citizen-Science-Kontext realisiert werden (ebd., S. 23). Lay-Abstracts sind damit ein wichtiges Instrument für die erste Zugänglichkeit, ohne jedoch den Anspruch auf wissenschaftliche Tiefe aufzugeben. Sie stehen exemplarisch für das Bemühen, eine verständliche, inklusive und evidenzbasierte Kommunikation zu ermöglichen, wie es die UNESCO im Kontext von Open Science fordert (UNESCO, 2021).
Zugleich ist ihre Gestaltung nicht trivial: Vereinfachung darf nicht zu Verzerrung führen. Wie der Leitfaden der Jungen Akademie betont, besteht die Herausforderung darin, bis an die Grenze der Vereinfachung – und nicht darüber hinaus zu kommunizieren (Priesemann et al., 2024, S. 9–10). Dies erfordert sowohl eine präzise Trennung von Faktengrundlage, Wissensstand und Wertung als auch eine bewusste Reflexion über die eigene Rolle als Kommunikator:in. Lay-Abstracts operieren in diesem Spannungsfeld – sie müssen zugänglich sein, ohne zu trivialisieren; und sie sollen Interesse wecken, ohne zu instrumentalisieren.
Eine aktuelle Studie von Wen et al. (2023) zeigt, dass Laienzusammenfassungen (in der Quelle als „Plain Language Summaries – PLS“ benannt und definitorisch ähnlich) zwar lesbarer und jargonärmer sind als wissenschaftliche Abstracts, jedoch häufig dennoch über dem empfohlenen Sprachniveau für Laien liegen. Auf Basis von 37.100 Textpaaren aus sechs PLoS-Journals wird deutlich: Auch laienorientierte Formate bleiben oft an wissenschaftliche Sprachkonventionen gebunden. PLS fungieren damit als intermediäre Praxis – ihre Qualität bemisst sich nicht nur an Verständlichkeit, sondern an ihrer Fähigkeit, zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu vermitteln.
Im digitalen Raum eröffnen Lay-Abstracts neue Anschlussmöglichkeiten für breitere gesellschaftliche Diskurse. Insbesondere in sozialen Medien fungieren sie als niedrigschwellige Formate, die wissenschaftliche Inhalte verständlich vermitteln und zugleich Rückkopplung mit einem vielfältigen Publikum ermöglichen (Seiwald et al., 2024, S. 4–5). Lay-Abstracts sind in diesem Sinn keine Endpunkte, sondern der erste Schritt für kommunikative Brücken zwischen wissenschaftlichem Anspruch und gesellschaftlicher Relevanz.
Ein aktueller Beitrag zur theoretischen Weiterentwicklung von Wissenschaftskommunikation als intermediäre Praxis stammt von Silva Luna et al. (2025), die sich mit den Qualitätsanforderungen an wissenschaftliche Kommunikation im Zeitalter kommunikativer Künstlicher Intelligenz (ComAI) auseinandersetzen. ComAI – darunter fallen etwa ChatGPT oder andere generative Sprachmodelle – agiert zunehmend als Akteur in der Wissenschaftskommunikation: nicht nur unterstützend, sondern mitunter als selbstständige Instanz der Vermittlung. Dies eröffnet neue Möglichkeiten der Zugänglichkeit, Interaktivität und Personalisierung, wirft aber zugleich normative Fragen zur Qualität dieser Kommunikation auf. Basierend auf einem narrativen Review schlagen die Autor:innen (ebd.) ein prinzipienbasiertes Rahmenmodell vor, das fünf zentrale Qualitätsdimensionen umfasst: wissenschaftliche Integrität, Humanzentrierung, ethische Responsivität, inklusive Wirkung und Governance. Diese Prinzipien sollen als heuristische Orientierung für die Gestaltung, Nutzung und Bewertung von ComAI in der Wissenschaftskommunikation dienen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf technischer Leistungsfähigkeit, sondern auf normativen Maßstäben wie Vertrauenswürdigkeit, Repräsentativität und gesellschaftlicher Wirkung. Damit verstehen Silva Luna et al. (2025) Qualität in der Wissenschaftskommunikation nicht als rein technische oder rein epistemische Kategorie, sondern als intermediäres Konzept, das wissenschaftliches Wissen, kommunikative Praktiken und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet. Gerade angesichts ComAI wird deutlich, dass wissenschaftliche Kommunikation nicht linear vom Sender zum Empfänger funktioniert (vgl. Sender-Receiver-Modell bzw. Bullet-Theory: Lasswell, 1948; Shannon et al., 1949), sondern als soziale Vermittlungspraxis gestaltet werden muss – sensibel gegenüber Kontexten, Zielgruppen und ethischen Rahmenbedingungen: ein Ansatz, den auch SciComOA verfolgt.
2.2 Open Access als bedeutende Säule von Open Science
Open Access ist eine der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Säulen von Open Science. Ziel ist es, Forschungsergebnisse frei zugänglich zu machen – ohne Paywalls, Lizenzgebühren oder institutionelle Zugangshürden wie z.B. Abonnements. Damit wird ein entscheidender Schritt hin zu einer demokratischeren Wissensordnung vollzogen. Doch potenzielle Zugänglichkeit bedeutet nicht automatisch die aktive Nutzung durch Lesende oder die Verständlichkeit der Inhalte. Fachartikel in Open-Access-Zeitschriften bleiben für Außenstehende häufig inhaltlich verschlossen, weil sie in spezialisierter Fachsprache verfasst sind und auf ein disziplinspezifisches Vorwissen aufbauen. Das Projekt SciComOA nimmt diesen weißen Fleck der Open-Access-Bewegung in den Blick: Es verwendet öffentlich zugängliche Fachartikel, um daraus verständliche Laienzusammenfassungen zu generieren – also Inhalte, die nicht nur formal, sondern auch semantisch offen sind. Diese erweiterten, niedrigschwelligen Texte sind ebenfalls Open Access und erschließen damit neue Öffentlichkeiten für bereits frei verfügbare Inhalte. Lay-Abstracts wirken so wie kommunikative Katalysatoren, die das Potenzial von Open Access breiter nutzbar machen.
2.3 Strategische Kommunikation von Zeitschriften: Wer sind eigentlich „Laien“?
Dieser Beitrag untersucht vier Zeitschriften. Diese können als komplexe Organisationen verstanden werden, die eine zentrale Stellung innerhalb ihrer jeweiligen Community haben. Diese Communities bestehen in der Regel aus einem fachlichen Kern, der häufig durch eine wissenschaftliche Fachgesellschaft mehr oder weniger institutionalisiert getragen ist. Oft treten diese Fachgesellschaften als Herausgebende der Zeitschriften auf. Die Zeitschrift selbst wird häufig durch einen Verlag produziert, wobei die wesentliche Arbeit durch geschäftsführende Herausgebende bzw. Redakteur:innen erledigt wird, die außerhalb der Verlage angestellt sind und eine Art Brückenfunktion zwischen Fachgesellschaft, Herausgebenden, Verlag und Autor:innen einnehmen. Die Autor:innen ihrerseits stammen häufig aus einem wesentlich breiteren Umfeld als dem engen Kern der Fachgesellschaft. Insofern ist die Anzahl der Autor:innen in den genannten Zeitschriften um ein Mehrfaches höher als die Zahl der Mitglieder ihrer jeweiligen Fachgesellschaft. Dies wiederum verdeutlicht, dass die Zeitschriften, ihre Fachgesellschaften und vor allem die Redaktionen eine erhebliche Verantwortung gegenüber der gesamten Community tragen, da sie zwischen den Fachgesellschaften im Kern und den eher außenstehenden Personen bzw. Autor:innen am Rand der Community vermitteln müssen (Rummler, 2020, 2021). Damit werden Prozesse innerhalb der Redaktionen mitunter zur Frage von strategischer Kommunikation.
Unter strategischer Kommunikation wird hier die zielgerichtete, gesteuerte und auf langfristige Organisationsziele abgestimmte Kommunikation verstanden, die alle internen und externen Kommunikationsaktivitäten einer Organisation umfasst. Sie dient dem Aufbau, der Pflege und dem Schutz von Beziehungen zu den relevanten Zielgruppen (Mast, 2020). Laienzielgruppen standen bislang nicht im Fokus.
In der Wissenschaftskommunikation wird zwar häufig auf das sogenannte „Laienpublikum“ Bezug genommen – sei es in der Debatte um gesellschaftliche Teilhabe an Forschung oder bei der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in nicht-wissenschaftlichen Kontexten. Allerdings bleibt oft unklar, wer mit „Laien“ eigentlich gemeint ist. Die kommunikationswissenschaftliche und interdisziplinäre Forschung zeigt jedoch: Die Kategorie „Laienpublikum“ ist keineswegs homogen, sondern umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Zielgruppen mit divergierenden Voraussetzungen, Interessen und Rezeptionsweisen (Roski, 2009; Roski, 2014).
Zielgruppengerechtigkeit in der Wissenschaftskommunikation setzt voraus, dass diese Heterogenität theoretisch erfasst und methodisch berücksichtigt wird. Je nach disziplinärem Kontext und Thema lassen sich beispielsweise folgende Subgruppen unterscheiden:
- fachfremdes, aber bildungsnahes Publikum (z.B. Lehrpersonen),
- medizinisches Fachpersonal ohne akademische Spezialisierung,
- betroffene Öffentlichkeit (z.B. Patient:innen, Eltern, Schüler:innen),
- Entscheidungsträger:innen in Politik und Verwaltung.
Diese Differenzierung verweist auf eine zentrale Herausforderung: Die kommunikative Anschlussfähigkeit wissenschaftlicher Inhalte hängt nicht nur von sprachlicher Vereinfachung ab, sondern erfordert eine genaue Kenntnis der adressierten sozialen Kontexte, medialen Praktiken und kognitiven Voraussetzungen. Die Zielgruppenanalyse avanciert damit zum konstitutiven Element evidenzbasierter Wissenschaftskommunikation. Ein methodischer Zugang zur Strukturierung dieser Analyse bietet die Arbeit mit sogenannten Personas – einem in der nutzerzentrierten Gestaltung entwickelten Modell, das inzwischen auch in Bildungs- und Kommunikationsforschung Anwendung findet (Cousseran et al., 2024). Personas sind fiktive, aber auf empirischen Daten basierende Profile, die prototypisch für bestimmte Segmente innerhalb einer Zielgruppe stehen. Sie helfen, typische Haltungen, Wissensstände, Motivationen und Nutzungskontexte zu modellieren, ohne auf stereotype Zuschreibungen zurückzugreifen (Volk & Zerfass, 2018). Die Erstellung von Personas basiert idealerweise auf quantitativen und qualitativen Daten zur Zielgruppe – etwa zu Vorwissen, Mediennutzung, institutionellen Rahmenbedingungen oder affektiven Einstellungen gegenüber Wissenschaft. Die „JFF-Kompetenzstufen“ etwa unterscheiden verschiedene Dimensionen der Medienkompetenz (instrumentell-qualifikatorisch, kognitiv, affektiv, kreativ, kritisch-reflexiv, sozial) und ermöglichen so eine feinjustierte Beschreibung unterschiedlicher Rezeptionstypen wissenschaftlicher Informationen (Bogen & Hartung-Griemberg, 2024).
Im Kontext von Lay-Abstracts kann dieser theoretische Zugang dazu beitragen, die Anschlussfähigkeit und Relevanz der Inhalte für verschiedene Laienzielgruppen systematisch zu erhöhen. Statt von einem allgemeinen „Laienpublikum“ auszugehen, lässt sich so die Wissenschaftskommunikation stärker kontextualisieren und auf spezifische Rezeptionsbedingungen zuschneiden. Im Sinne einer inklusiven und partizipativen Wissenschaft erweist sich die differenzierte Zielgruppenanalyse als Grundvoraussetzung für gelingende Kommunikation – nicht nur inhaltlich, sondern auch normativ.
3 Projekteinbettung und Forschungsmethode
3.1 Projektziel: Lay-Abstracts als strategisches Element der Open Science
Das vorgestellte Projekt mit dem Titel „SciComOA – Science Communication for a Lay Audience“ zielt darauf ab, Konzepte, Prototypen und redaktionelle Verfahren für die Integration von Lay-Abstracts in den Veröffentlichungsprozess von wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu entwickeln und zu erproben. Dabei soll nicht nur die Produktion, sondern insbesondere die Verankerung dieser Formate in redaktionellen Workflows sowie deren Akzeptanz bei Autor:innen untersucht werden. Die Lay-Abstracts werden in diesem Projekt nicht nur als Popularisierung verstanden, sondern dienen als strategisches Instrument einer partizipativen, offenen Wissenschaft im Sinne der UNESCO (2021).
Im Projekt wird ein besonderes Augenmerk auf die redaktionellen Prozesse in der als Organisation verstandenen Redaktion gelegt: Die Lay-Abstracts werden nicht nur generiert, sondern sollen in bestehende Produktionsabläufe eingebettet, durch Autor:innen kommentiert und gemeinsam weiterentwickelt werden. Ein innovatives Element des Projekts ist der Einsatz von Large Language Models (LLMs) zur Generierung erster Entwürfe auf Basis der wissenschaftlichen Abstracts. Diese automatisiert erstellten Lay-Abstracts bilden die Grundlage für eine kollaborative Revision im Dialog mit Autor:innen und Redaktionen; geplant ist zu einem späteren Zeitpunkt auch die Überprüfung mit Vertreter:innen der Zielgruppen (Dubé & Lapane, 2014). Ziel ist ein iterativer Prozess, in dem sowohl sprachliche Verständlichkeit als auch kontextuelle Relevanz optimiert werden.
Das Projekt versteht sich als Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltigen Infrastruktur für offene Wissenschaftskommunikation. Neben technischer Machbarkeit und sprachliche Qualität von Lay-Abstracts, wird auch deren organisationale Verankerung in den Redaktionen der Open-Access-Zeitschriften untersucht. Dazu zählt die grundlegende Frage, wie diese Formate in redaktionelle Routinen integriert, von Autor:innen akzeptiert und von Zielgruppen genutzt werden. Neben der Formatentwicklung werden daher auch Strategien zur internen Implementierung und zur externen Dissemination vorbereitet.
3.2 Transdisziplinarität und beteiligte Zeitschriften
Ein zentraler Anspruch des Projekts SciComOA ist die transdisziplinäre Ausrichtung des Forschungs- und Entwicklungsprozesses. Transdisziplinarität geht dabei über inter- und multidisziplinäre Zusammenarbeit hinaus: Sie umfasst nicht nur die Kooperation von Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen, sondern bezieht auch Praxisakteur:innen systematisch und gleichwertig in den Forschungsprozess ein (Defila & Di Giulio, 2021).
Im Projekt sind disziplinäre Perspektiven aus der Kommunikationswissenschaft, Medienpädagogik, Medizin und Public Health vertreten, deren theoretische und methodische Zugänge miteinander verzahnt werden. Diese akademische Vielfalt wird ergänzt durch die aktive Mitwirkung von Praxispartner:innen – insbesondere den Herausgeber:innen der beteiligten Fachzeitschriften. Sie bringen ihre redaktionellen Erfahrungen, professionellen Perspektiven und kontextbezogenen Anforderungen in den Entwicklungsprozess ein. So wird sichergestellt, dass Lay-Abstracts nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern anschlussfähig und redaktionell integrierbar gestaltet werden.
Transdisziplinäre Forschung zeichnet sich jedoch nicht allein durch partizipative Strukturen aus, sondern folgt spezifischen normativen Qualitätskriterien. Defila & Di Giulio (2023) fassen diese in drei grundlegenden Dimensionen zusammen: Konsens, Integration und Diffusion. Konsens bezeichnet die Entwicklung eines gemeinsamen Problemverständnisses sowie einer tragfähigen, geteilten Sprache. Ziel ist nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern eine Sichtweise, die von allen Beteiligten mitgetragen wird. Integration meint die strukturierte Synthese disziplinären und erfahrungsbasierten Wissens zu gemeinsam getragenen Ergebnissen, die über eine bloße Addition einzelner Beiträge hinausgehen. In Bezug auf Lay-Abstracts bedeutet dies, wissenschaftliche, kommunikative und praxisbezogene Expertise systematisch miteinander zu verschränken. Diffusion schließlich fordert die zielgruppenadäquate Aufbereitung der gemeinsam erarbeiteten Erkenntnisse – nicht nur für die Wissenschaft, sondern insbesondere für nicht-akademische Kontexte. Lay-Abstracts übernehmen in diesem Prozess eine Schlüsselrolle: Als vermittelndes Format an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit tragen sie dazu bei, Forschungsergebnisse verständlich, relevant und zugänglich zu machen.
Insgesamt wird die Entwicklung von Lay-Abstracts im Projekt SciComOA als integraler Bestandteil eines explorativen, kollaborativen und dialogorientierten Forschungsprozesses statt als nachgelagerter Kommunikationsschritt verstanden. Damit leistet das Projekt einen konkreten Beitrag zur strukturellen Öffnung von Wissenschaft im Sinne einer reflektierten, responsiven Open Science.
Am Projekt beteiligt sind drei Forschungseinrichtungen1 und vier wissenschaftliche, nicht-kommerzielle Open-Access-Zeitschriften in der Schweiz:
- International Journal of Public Health (IJPH): https://www.ssph-journal.org/journals/international-journal-of-public-health
- Public Health Reviews (PHR): https://www.ssph-journal.org/journals/public-health-reviews
- Swiss Medical Weekly (SMW): https//www.smw.ch
- MedienPädagogik2 – Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung: https://www.medienpaed.com
Aus pragmatischen Gründen beschränkte sich das Sample der im Rahmen des Projektes untersuchten Zeitschriften auf die vier den Projektpartnern (SSPH+, SMW und MedienPädagogik) affiliierten Publikationen. Diese Zeitschriften sind im Bereich der Public Health, Medizin und Medienpädagogik verortet und publizieren Beiträge, die der Qualitätssicherungsstrategie des peer-review folgen – oft mit gesellschaftlicher Relevanz. Zwei der vier Zeitschriften folgen dem sog. Diamond Open Access Modell: Sie erheben weder Publikations- noch Lesegebühren und sind damit besonders geeignet für eine niederschwellige, breite Vermittlung von Forschungserkenntnissen (Fuchs & Sandoval, 2013).
Um das Projektziel zu erreichen, wurden in der methodischen Umsetzung literaturbasierte und empirische Elemente miteinander verbunden, indem Erfahrungen und Good Practices im Umgang mit Lay-Abstracts in verschiedenen Disziplinen, insbesondere aus dem medizinischen Bereich, mittels Literaturanalyse extrahiert wurden, um anschließend in qualitativen Interviews mit geschäftsführenden Herausgebenden und Autor:innen der beteiligten Zeitschriften zu diskutieren. Ergänzt wurden diese durch eine Online-Umfrage, welche Einstellungen, Bedarfe, Hindernisse und Zielgruppenwahrnehmungen in Bezug auf Lay-Abstracts zu erfasste.
3.3 Methoden-Mix zur Identifikation von Laienpublika
Autor:innen von Wissenschaftsartikeln und -abstracts haben bestimmte Vorstellungen über Zielpublika ihrer Beiträge. Auch Redaktionen und Herausgebende der Zeitschriften verfügen über bestimmte Konzepte ihrer Publika. Ziel der schriftlichen und mündlichen Befragungen war es daher, diese Annahmen und Grundgedanken der Autor:innen und der Herausgebenden aufzudecken und gemeinsam an der Erstellung von Lay-Abstracts weiterzuarbeiten.
An den Befragungen nahmen die vier am Projekt beteiligten Zeitschriften teil; ihre Autor:innen bildeten die Grundgesamtheit. In den Zeitschriften MedienPädagogik und SMW bildeten alle Wissenschaftsartikel (also ausgenommen Editorials, Rezensionen usw.), die im Jahr 2024 bis ca. Mitte November publiziert wurden, die Stichprobe. Für die Befragungen wurden die Erst- und Zweitautor:innen ausgewählt, deren E-Mail-Adressen in den Redaktionssystemen vorhanden waren. Institutionellen Hierarchien spielten bei der Auswahl eine untergeordnete Rolle – entscheidend war die Erreichbarkeit der Autor:innen. Für die Zeitschriften IJPH und PHR wählten die jeweiligen Herausgebenden insgesamt 16 Personen für die Teilnahme an den Befragungen aus.
3.3.1 Schriftliche Befragung der Autor:innen
Die Befragung der Autor:innen wurde durch einen Online-Fragebogen realisiert, der eingangs den Titel des Artikels der befragten Person nannte (Scholl, 2018). Ziel war es, Haltungen, Erfahrungen und potenzielle Herausforderungen im Umgang mit Lay-Abstracts systematisch zu erfassen. Der bisher unveröffentlichte Fragebogen umfasst zehn thematische Blöcke und kombiniert geschlossene, halboffene sowie offene Fragen. Inhaltlich erstreckte sich der Fragebogen von der Einschätzung zur Relevanz wissenschaftlicher Inhalte für verschiedene Zielgruppen über die individuelle Bereitschaft zur Wissenschaftskommunikation bis hin zu Kriterien für die Qualität und Verständlichkeit von Lay-Abstracts. Weitere Themenbereiche waren notwendige Unterstützungsmaßnahmen, Hürden bei der Umsetzung von Open-Science-Prinzipien sowie erwartete Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Zudem wurden soziodemografische Angaben (Alter, Geschlecht, Forschungserfahrung in Jahren) erhoben, um etwaige Zusammenhänge mit den Antwortmustern analysieren zu können. Die abschließende freiwillige Option zur Teilnahme an einem vertiefenden Leitfadeninterview ermöglichte eine methodische Verknüpfung (Triangulation) im Rahmen des Forschungsvorhabens. Dies dient der Erfassung von Wirkzusammenhängen, dem Verständnis von Dynamiken sowie der systematischen Analyse von Prozessen (Loosen & Scholl, 2012).
3.3.2 Mündliche Befragung der geschäftsführenden Herausgebenden
Die mündlichen Befragungen erfolgten in Form von Leitfadeninterviews. Die geschäftsführenden Herausgebenden der vier Zeitschriften wurden als Expert:innen gesondert befragt (Bogner et al., 2014; Bogner et al., 2018). Der hierfür entwickelte Interviewleitfaden folgte einer systematischen und thematisch gegliederten Struktur, um einen offenen Gesprächsfluss zu ermöglichen und zentrale Fragestellungen abzudecken. Die Einstiegsfragen sollten eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre schaffen und ermöglichten erste Einblicke in die Sichtweise der Interviewpartner:innen auf ihre Zeitschrift. Daran anschließend folgte ein Themenbereich, in dem aktuelle Inhalte, thematische Schwerpunkte sowie Informationen zur Leser:innenschaft und den bestehenden Kommunikationskanälen erhoben wurden. In einem weiteren Themenbereich wurde die aktuelle Handhabung von Abstracts in Bezug auf Format, Verständlichkeit und Verbreitung beleuchtet. Der darauffolgende Teil diente der Erfassung strategischer Zielsetzungen, bestehender Herausforderungen sowie der gesellschaftlichen Rolle und Reichweite der Zeitschrift. Den Abschluss bildete ein offener Teil für zusätzliche Anmerkungen und quantitative Zielsetzungen.
3.3.3 Mündliche Befragung der Autor:innen
Der Interviewleitfaden für die Gespräche mit den Autor:innen, die remote durchgeführt und durch die Nennung des jeweiligen Beitragstitels eingeleitet wurden, gliederte sich in zwei thematisch strukturierte Teile. Ziel war esl, Erfahrungen, Einstellungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit verständlichen Zusammenfassungen wissenschaftlicher Artikel für ein Laienpublikum zu erfassen. Der erste Teil des Gesprächs fokussierte auf allgemeine Aspekte der Wissenschaftskommunikation im Kontext von Open Science. Dabei wurden Einschätzungen zur Relevanz von Lay-Abstracts, potenzielle Zielgruppen, individuelle Motivationen sowie bestehende Hürden erfragt. Ergänzend wurde auf Qualitätskriterien solcher Laienzusammenfassungen sowie auf Perspektiven zur institutionellen Integration in Fachzeitschriften eingegangen.
Der zweite Teil widmete sich der konkreten Bewertung zweier exemplarischer, mit ChatGPT erstellter Laienzusammenfassungen des rahmenden Fachartikels. Dieser Abschnitt zielte darauf ab, erste Eindrücke, Präferenzen, inhaltliche Beurteilungen und Erwartungen hinsichtlich des Aufbaus und der Aussagekraft solcher Texte zu erfassen. Flankierend wurden Fragen zur Akzeptanz KI-generierter Inhalte sowie zur bisherigen Erfahrung mit Laienzusammenfassungen gestellt. Abschließend bot der Leitfaden Raum für offene Anmerkungen, um zusätzliche Impulse und Einschätzungen der Befragten zu erfassen. Die Interviews folgten einem halbstrukturierten Format, das eine Kombination aus systematischer Themenführung und situativer Flexibilität ermöglichte.
Die Interviews wurden transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz & Rädiker (2022) ausgewertet. Der Fokus lag auf Aspekten wie Wahrnehmung des Formats Lay-Abstract, Einschätzung der Verständlichkeit, Zielgruppenkonstruktionen, Bereitschaft zur Mitarbeit an zukünftigen Lay-Abstracts.
Diese mehrschichtige Methodik erlaubte es, sowohl die theoretischen Konzepte als auch die praktischen Implementierungsbedingungen umfassend zu analysieren und daraus Empfehlungen für andere Zeitschriften und Disziplinen abzuleiten.
Die nachfolgend dargelegten Ergebnisse basieren auf 14 mündlichen Befragungen mit den geschäftsführenden Herausgebenden der teilnehmenden Zeitschriften (N=4) und Autor:innen (N=10) und 112 teilnehmenden Autor:innen an der schriftlichen Befragung.
4 Ergebnisse der schriftlichen und mündlichen Befragungen: Redaktionelle Realitäten und Perspektiven von Autor:innen
4.1 Ergebnisse der Expert:inneninterviews mit den geschäftsführenden Herausgebenden
Dieses Unterkapitel fasst die zentralen Ergebnisse aus drei
qualitativen Interviews mit Vertretenden der vier an SciComOA
beteiligten wissenschaftlichen Zeitschriften zusammen: Swiss Medical
Weekly (SMW), International Journal of Public Health (IJPH), Public
Health Reviews (PHR) und MedienPädagogik.
Die geschäftsführenden Herausgebenden bzw. Redaktor:innen aller vier
Zeitschriften betonten ihre jeweilige Fachverankerung und
Zielorientierung für das Selbstverständnis und Profil ihrer
Zeitschrift-Organisation:
SMW versteht sich als traditionsreiche, medizinische Fachplattform mit starker Verankerung in der Schweizer Ärzteschaft, zunehmend internationaler Sichtbarkeit und einem klaren Open-Access-Anspruch (Diamond-Modell). Schlüsselbegriffe: Plattform, Nachwuchsförderung, Open Access.
IJPH und PHR positionieren sich explizit im Bereich Public Health mit starkem internationalem Fokus, betonen ihren wissenschaftlichen Qualitätsanspruch und ihre Rolle als Open-Access-Plattformen für relevante gesellschaftliche Fragen im Bereich Gesundheitspolitik und Public Health.
MedienPädagogik sieht sich als thematisch breit aufgestellte, deutschsprachige Plattform an der Schnittstelle von Digitalisierung, Bildung und Erziehung. Sie ist stark mit der Fachcommunity verbunden, reagiert flexibel auf Themenvorschläge und versteht sich als Ort der Aushandlung disziplinärer Selbstverständigung.
In Bezug auf die thematischen Fokusse und das disziplinäre Spektrum schätzten die befragten Redakteur:innen dies folgendermaßen ein: Die medizinischen Journals (SMW, IJPH, PHR) publizieren klassisch forschungsbasierte Artikel aus der klinischen und angewandten Gesundheitsforschung und Public Health, wobei Schnittstellen zu Ethik, Ökonomie und Systemfragen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die MedienPädagogik ist thematisch breiter ausgerichtet, mit Beiträgen von Bildungstechnologie über schulische Medienbildung bis hin zu Elternarbeit und medienphilosophischen Positionen. Auffällig ist die inhaltliche Offenheit, was Calls betrifft – und gleichzeitig eine klare Abgrenzung gegenüber nicht bildungsbezogenen Themen.
4.1.1 Leser:innenschaft der Zeitschriften
SMW hat eine hybride Leser:innenschaft: Einerseits Fachärzt:innen und Forscher:innen, andererseits eine nicht genau bekannte Zahl von Laien, die über Google auf die Seite kommen (z.B. zu konkreten Krankheitsbildern oder in pandemischen Kontexten). Anhaltspunkte bieten Google-Analytics-Daten sowie punktuelle Rückmeldungen von Hausärzt:innen über die „Google-Ausdrucke“ ihrer Patient:innen. IJPH und PHR haben eine forschungsnahe und international orientierte Zielgruppe. Die MedienPädagogik weist auf ein breites Nutzungsspektrum hin, das sich stark aus Hochschulen und Studierenden speist (Semesterapparate, Zitationslisten, Bibliothekskataloge), aber auch Praxispersonen (Lehrpersonen, Jugendarbeit, Eltern) potenziell miteinschließt – wenngleich deren tatsächliche Rezeption kaum nachvollziehbar ist.
Alle Zeitschriften publizieren standardmäßig wissenschaftliche Abstracts. Deren Qualität wird von den befragten Redaktor:innen unterschiedlich eingeschätzt: Bei SMW wird die medizinische Fachsprache (Medizinspeak) als Barriere für Laien identifiziert; die Abstracts sind selten auf Verständlichkeit optimiert. Die MedienPädagogik betont das Spannungsverhältnis zwischen vermeintlich zugänglicher Sprache und tatsächlich schwieriger Verständlichkeit, insbesondere durch implizite Fachlogiken. Abstracts sind zugleich Teil der datafizierten Dissemination – sie werden maschinenlesbar aufbereitet und in wissenschaftliche Suchmaschinen eingespeist (Google Scholar, PubMed, Dimensions etc. Rummler & Steiner, 2024). Dadurch entstehen hohe Sichtbarkeiten, jedoch ohne aktive Steuerung der Laienrezeption.
4.1.2 Potenziale und Herausforderungen für Lay-Abstracts
Ein von allen vier befragten geschäftsführenden Herausgebenden erkanntes Potential ist der Zugang für interessierte Laien zu verständlichen Informationen über aktuelle Forschung. Auch sehen sie die Möglichkeit der Verbesserung der Wissenschafts- und Gesundheitskompetenz (z.B. bei Patient:innen, Lehrpersonen, Eltern) durch Lay-Abstracts. Was sie als Chance betrachten, ist die Möglichkeit der Einordnung von Studienergebnissen (z.B. durch Labels oder Methodenerläuterungen). Auch die Stärkung des Open-Science-Gedankens und der öffentlichen Relevanz wissenschaftlicher Zeitschriften betonen sie als Potenzial.
Als Herausforderung sehen sie die Qualität der Original-Abstracts als ungenügende Ausgangsbasis für vereinfachte Formate. Auch artikulieren sie in Bezug auf die Redaktionsarbeit ein Zeit- und Ressourcenmangel für eine systematische Umsetzung. Es stellen sich grundlegende Fragen: Wer ist verantwortlich für Lay-Abstracts? Wer trägt die inhaltliche Haftung? Auch artikulieren sie einen möglichen Widerstand bei Autor:innen gegenüber redaktionellen Eingriffen (z.B. Titeländerungen, inhaltliche Vereinfachung).Die Definition und Ansprache eines Laienpublikums finden sie herausfordernd, weil es für sie ein unscharfes oder unbekanntes Laienpublikum ist: Die Leser:innenschaft ist zwar auffindbar, aber nicht klar beschreibbar. Auch die technischen Anforderungen schätzen die vier Befragten als hoch ein (SEO, Plattformkompatibilität, Mehrsprachigkeit).
4.1.3 Gesellschaftlicher Auftrag der Zeitschriften
Alle vier Befragten sehen ihre Zeitschrift – in unterschiedlicher Deutlichkeit – in einer gesellschaftlichen Rolle: SMW versteht sich explizit als Verteidigerin des nicht-kommerziellen Open-Access-Modells („Diamond“) und betont ihre Rolle im Gegensatz zu großen Verlagshäusern. MedienPädagogik beschreibt sich als zentrale Stimme in der bildungsbezogenen Digitalisierungsdebatte im DACH-Raum mit explizit politischer Relevanz (z.B. Schulreformen, Digitalpakt, Lehrplanentwicklung). IJPH/PHR sehen sich als Plattformen für gesellschaftlich relevante Public-Health-Fragen, wobei politische Positionierungen weniger betont, aber durch die Themenwahl implizit präsent sind.
4.1.4 Redaktionsprozesse: Heterogenität statt Standardisierung
Die Spannweite der redaktionellen Prozesse der vier beteiligten Zeitschriften reicht von sehr formalisierten Abläufen bis hin zu stark individualisierten Verfahren. Die geschäftsführenden Herausgebenden machten deutlich, dass eine Implementierung im bestehenden Redaktionsprozess nur durch Aufwendung zusätzlicher Ressourcen von Seiten der Zeitschriften machbar wäre.
„Auch wenn die Autoren das Laien-Abstract schreiben, werden die Zeitschriften zusätzliche Ressourcen benötigen. Die Qualität der Zusammenfassungen sollte überprüft und standardisiert werden, und sie sollten sorgfältig korrekturgelesen werden.“ (GHG, Q3)
Insbesondere die Beurteilung der Eignung eines Beitrags für ein Laienpublikum und somit die Entscheidung über die Weiterverarbeitung zu einem Lay-Abstract müsste aus Sicht der geschäftsführenden Herausgebenden in den Redaktionsprozess integriert werden.
„Die Zeitschriften sollten entscheiden, ob sie für alle Artikel oder für bestimmte Abschnitte oder sogar nach individueller Entscheidung des betreuenden Redakteurs ein Laien-Abstract erstellen. In jedem Fall sollte diese Entscheidung jedoch in der Verantwortung des Redaktionsausschusses der Zeitschrift bleiben.“ (GHG, Q4)
4.2 Ergebnisse der Befragung der Autor:innen
4.2.1 Unterschiedliche Zielgruppenverständnisse: Wer sind „Laien“?
Die Literaturanalyse (Dubé & Lapane, 2014) und die Befragungen mit Autor:innen bestätigten, dass die jeweiligen Zeitschriften und ihre Autor:innen eigene Verständnisse davon haben, wer ihre zugehörigen Laien sind. Insofern zeigte sich eine große Varianz in der Definition von „Laienpublikum“. Ein Interviewpartner formulierte diese Differenzierung wie folgt:
„Also ich würde sagen, dass zum Beispiel viele Bildungspolitiker sind halt keine Fachwissenschaftler, die sind in dem Sinne auch oft Laien, die sind nicht in den fachlichen Dialogen, die haben nicht die Medienpädagogik der letzten zwanzig Jahre verfolgt, sondern müssen jetzt im Tagesgeschäft agieren. Natürlich haben wir Praktiker:innen, die haben vielleicht Medienpädagogik studiert, sehen sich jetzt aber nicht als Wissenschaftlerinnen, sondern haben halt auch ein sehr stark praktisch getriebenes Interesse. Und es kann natürlich auch eine allgemeine Öffentlichkeit sein, die gerade bei pädagogischen Fragestellungen auch ein sehr dezidiertes Interesse hat, die Ergebnisse zu verstehen, auch zu verstehen, warum manche Sachen in dieser Art und Weise diskutiert werden. Also ich glaube, man muss halt an der Stelle nochmal differenzieren, wen verstehen wir gerade als Laien und wo können wir wen eigentlich abholen in solchen Situationen?“ (Au5, 43-46)
Die befragten Wissenschaftler:innen unterschieden zwischen mehreren, aber nur teilweise überlappenden Gruppen:
- Praktiker:innen: z.B. medizinisches Personal, Lehrpersonen oder Sozialarbeitende, die zwar nicht direkt im Forschungsfeld tätig sind, aber über ein gewisses Hintergrundwissen verfügen.
- Betroffene Öffentlichkeit: Menschen, die aus persönlichem Interesse oder durch eigene Betroffenheit ein Thema nachvollziehen möchten – z.B. Patient:innen bzw. Angehörige von Patient:innen, Eltern oder Pflegepersonen.
- Politik und Verwaltung: Entscheidungsträger:innen, die wissenschaftliche Informationen zur evidenzbasierten Politikgestaltung benötigen.
- Allgemein interessierte Öffentlichkeit: Laien im engeren Sinne, die über keine fachliche Vorbildung verfügen, aber ein Interesse an wissenschaftlichen Themen haben.
Diese heterogenen Vorstellungen führen zu Herausforderungen bei der Konzeption der Lay-Abstracts: Für wen genau sollte man schreiben? Welches Vorwissen darf vorausgesetzt werden? Welche Begriffe sind „zumutbar“? Diese Fragen zeigen, dass eine Implementierung in redaktionelle Workflows die jeweiligen Spezifika der Zeitschriften aufgreifen müsste und die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Laienpublika als Zielgruppen zentral sind (Duke, 2015). Diese Auseinandersetzung setzt ebenfalls eine Überprüfung des Fokus eines wissenschaftlichen Beitrags für das spezifische Laienpublikum voraus, denn nicht alle Themen/Beitragsarten eignen sich für ein Lay-Abstract.
4.2.2 Motivation und Skepsis der Autor:innen
Es zeigte sich im Rahmen der Analyse, dass nur ein geringer Teil der befragten Autor:innen Lay-Abstracts explizit mit dem Konzept von Open Science in Verbindung bringt. Dennoch: Die Bereitschaft zur Mitwirkung an der Erstellung von Lay-Abstracts war grundsätzlich hoch, insbesondere, wenn der Nutzen des Formats, nicht zuletzt aus Perspektive von Open Access im Sinne von semantischer und kognitiver Erschließbarkeit, deutlich wurde. Die Aussicht auf eine verstärkte Sichtbarkeit der eigenen Forschung, auch im Hinblick auf eine bessere Rezeption der eigenen Ergebnisse durch politische Akteure, sowie die damit einhergehende Legitimation in Bezug auf die Verwendung öffentlicher Gelder für Forschung wurden mehrfach als Motiv genannt. Die Möglichkeit die gesellschaftliche Relevanz und den Nutzen der eigenen Forschung und somit auch von Wissenschaft im Allgemeinen an ein breiteres Publikum zu vermitteln, war ein weiteres Motiv.
„Natürlich will ich erforschen, was die Realität ist, aber das, was ich tue, sollen ja nicht nur irgendwie drei Leute lesen, die zwei Reviews schreiben und dann noch irgendwie eine Person, die zufällig auf den Artikel geklickt hat, sondern es ist natürlich immer mit einer Motivation verbunden auch, dass die Dinge, die man herausfindet, die man macht, irgendwie auch nachgenutzt werden können oder für Personen eben von Interesse sind.“ (Au6, 59-65)
Genauso wurde bessere Verständlichkeit im interdisziplinären Austausch als wichtiges Motiv genannt. Ein interviewter Autor betonte:
„Ich sehe Wissenschaft jetzt nicht als Selbstzweck, sondern als etwas, was in Gesellschaft hineinwirken sollte. […] Das heißt, dass es Kommunikation geben muss in beide Richtungen.“ (Au5, 97-98)
Gleichzeitig wurden Hürden deutlich benannt: Ein zentrales Hemmnis bei der Erstellung von Lay-Abstracts stellt der Faktor Zeit dar. Zahlreiche Autor:innen äußerten, dass sie die zusätzliche Anforderung als potenziell belastend empfinden – insbesondere vor dem Hintergrund der ohnehin hohen Arbeitsbelastung im wissenschaftlichen Alltag. Diese Wahrnehmung wird zusätzlich verstärkt, durch die Tatsache, dass die Erstellung von Lay-Abstracts bislang nicht institutionell honoriert oder als wissenschaftliche Leistung anerkannt wird. In Abwesenheit formeller Anerkennung oder entsprechender Anreize erscheint der Mehraufwand für viele Autor:innen nicht leistbar.
„… Wissenschaftskommunikation [wird] ja in der Wissenschaft so wenig honoriert […]. Also, die Währungen sind ja wissenschaftliche Publikationen. Die Währung ist, dass andere KollegInnen sagen, oh Mensch, toll, hast du einen Artikel veröffentlicht, Double Blind Peer Review und so.“ (Au7, 104-108)
Neben Zeitmangel wurden auch fehlende kommunikative Kompetenzen als Hürde benannt. Viele Autor:innen fühlen sich nicht ausreichend gewappnet im Umgang mit laienverständlicher Sprache und befürchten wesentliche wissenschaftliche Aussagen zu verfälschen, nicht zuletzt durch Verkürzung. Zudem findet der wissenschaftliche Diskurs mehrheitlich in Englisch statt, was gerade in Bezug auf Fachsprache eine doppelte Übersetzungsleistung bedingen würde.
„Da merk ich schon ein Hindernis, weil für mich die wissenschaftliche Kommunikation auf Englisch stattfindet. Quasi noch einmal einen Schritt zu machen auf die größere Gesellschaft hier in der Schweiz, in einfachem Deutsch etwas zu vermitteln, ist für mich schwierig.“ (Au10, 197-201)
In beiden Befragungen (schriftlich und mündlich) gaben die Mehrheit der Autor:innen an, dass fehlende redaktionelle Unterstützung ebenfalls ein Hindernis darstellt, wenn es darum geht, Lay-Abstracts zu verfassen. Der Wunsch nach klaren Guidelines und Lektoraten wurde mehrfach geäußert.
„Die Frage ist halt, gibt es für die Autorinnen Unterstützungsangebote? […] Ja, ich glaube, es braucht zum Teil Unterstützung, also ich bräuchte Unterstützung.“ (Au5, 143, 149)
Ein häufig genannter Wunsch war zudem die Möglichkeit zur Kooperation mit Redaktionen oder Kommunikationsprofis bei der Erstellung von Lay-Abstracts – sei es durch Templates, Beispiele oder redaktionelle Rückmeldung.
4.2.3 Zugänglichkeit, Sichtbarkeit und Auffindbarkeit der Lay-Abstracts
Auch wenn die Konzeptionierung eines Laienpublikums gelingt, die jeweiligen Redaktionen die Vorauswahl bezüglich Eignung eines Artikels treffen und KI unterstützend zur automatisierten Vorstrukturierung eingesetzt wird, bleibt gemäß Autor:innen noch immer die Frage offen, wie Laienpublika effektiv Zugang zu den relevanten Lay-Abstract erhalten und die gewünschten Informationen sichtbar gemacht werden können.
„Ist das denn sinnvoll, auf der gleichen Plattform zu bleiben? Oder muss es ganz andere Vertriebskanäle dafür geben? Und wahrscheinlich würde ich sagen, ja. Also, ich muss diese Bubble verlassen, weil sonst bleibe ich ja in der Bubble. Die Auffindbarkeit ist, glaube ich, eine … Oder ich muss zumindest so eine Art Lotsenfunktion auf anderen Plattformen bieten.“ (Au7, 179-184)
Zudem stellten einige Autor:innen fest, dass durch die kontinuierliche Produktion von wissenschaftlichem Wissen und Publikationsdruck erhöhte Anforderungen bestehen in Bezug auf Kanalisierung und somit Auffindbarkeit und Einschätzung von Relevanz der jeweiligen Lay-Abstracts. So z.B.:
„Wenn man so eine Frage hat und so viel Wissen zu einer Frage, das muss natürlich auch dann auffindbar sein, das ist dann die zweite Frage, also wie kommt man dann überhaupt, wie kriegt man das in die entsprechenden Indizes und so. Ich meine, wir Wissenschaftler, wir gehen halt von vornherein dann halt auf Google Scholar und finden da dann oder andere wissenschaftliche Datenbanken.“ (Au4, 87-90)
4.3 Rolle von KI und Automatisierung
Im Projekt wurde experimentell auch der Einsatz von KI, LLMs zur Generierung von Lay-Abstracts untersucht. Während der Effizienzgewinn anerkannt wurde, bestanden Zweifel an der inhaltlichen Genauigkeit und Texteignung. Aus der geschäftsführenden Herausgeberschaft wurde angemerkt:
„Künstliche Intelligenz kann sicherlich zur Unterstützung bei der Erstellung von Laien-Abstracts eingesetzt werden. Unsere Tests haben jedoch gezeigt, dass sie allein nicht ausreichen würde. Dies hängt auch stark von den Ausgangstexten ab, die nicht immer gleich gut für eine Zusammenfassung durch KI geeignet sind.“ (GHG, Q7)
Die Rückmeldungen der Autor:innen auf die mit KI erstellten Abstracts waren ambivalent. Einerseits bewerteten Sie den Nutzen der strukturierten Aufbereitung und den Zeitgewinn als positiv. Andererseits sahen sie sprachliche Ungenauigkeiten, unpassende Vereinfachungen und fehlende Nuancen als kritisch an.
„Also da habe ich echt so eine Sorge, weil es natürlich bedeuten würde, prinzipiell kann ich das machen, das sieht auch aus wie ein Text, der ist auch lesbar, aber dass dann doch Diskrepanzen reinkommen, und da muss ich tatsächlich ja doch den gesamten Artikel wieder im Kopf haben, um genau zu sehen, ist das jetzt noch der Kern oder hat sich da nicht doch schon wieder eine weitere Sichtweise eingeschlichen, die ich vielleicht dann doch aus meiner eigenen Position heraus schwierig finde.“ (Au5, 350-358)
Insgesamt wurden KI-gestützte Verfahren als unterstützendes Werkzeug, aber nicht als Ersatz für fachlich und kommunikativ fundierte Zusammenfassungen gesehen. Die Kombination aus automatisierter Vorstrukturierung und menschlicher Nachbearbeitung durch die Autor:innen erschien vielen als ein vielversprechender Weg, allerdings nur unter der Bedingung, dass der Einsatz von KI deklariert wird.
„Ich sehe auch nicht so ein Entweder-Oder, also entweder ich gebe es komplett ChatGPT und bin mit dem Ergebnis zufrieden oder ich mache es selbst, sondern ich finde gerade so die Verknüpfung, ja, und ich gehe dann nochmal drüber und ändere die Stellen, die ich halt unpräzise oder falsch oder wie auch immer finde. Da finde ich, ist ein Synergieeffekt und eine sinnvolle Möglichkeit, KI einzusetzen, erreicht.“ (Au7 317-321)
4.4 Bedarfe für künftige Implementierungen
Aus den empirischen Befunden lassen sich übergeordnet folgende zentrale Anforderungen für eine erfolgreiche Implementierung von Lay-Abstracts ableiten:
- Klare Definitionen der Laiengruppen in Abstimmung mit Redaktion und Fachcommunity
- Redaktionelle Begleitung und Ressourcen für Autor:innen
- Institutionelle Anerkennung der Erstellung von Lay-Abstracts als Teil wissenschaftlicher Kommunikation
- Plattformen für Sichtbarkeit und Zugänglichkeit, z.B. eigene Lay-Abstract-Rubriken oder Verlinkungen über Social Media und Fachportale
5 Diskussion: Herausforderungen, Potenziale und Grenzen von Lay-Abstracts
5.1 Zwischen Fachlichkeit und Verständlichkeit: Ein Balanceakt
Die Erstellung von Lay-Abstracts bewegt sich notwendigerweise im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Präzision und Glaubwürdigkeit sowie laiengerechter Verständlichkeit (Jonas et al., 2024). Dieses Spannungsfeld ist nicht trivial, denn einerseits darf die wissenschaftliche Aussagekraft, einhergehend mit ihrer Glaubwürdigkeit, nicht verloren gehen, andererseits müssen Struktur, Wortwahl und Argumentation so angepasst werden, dass sie auch für ein nicht-spezialisiertes Publikum zugänglich sind. Wenn z.B. automatisierte Verfahren (etwa durch KI) angewendet werden oder Studien durch privatwirtschaftliche Strukturen finanziert werden, entsteht die Sorge, dass Inhalte verzerrt, vereinfacht oder gar instrumentalisiert werden könnten (Pal et al., 2024). Weitere ethische Fragen an Laienzusammenfassungen entstehen bei der Attribuierung und bei der klaren Nennung der Namen der Autor:innen der Lay-Abstracts.
Ein zentrales Problem ist hierbei die Sprachlogik wissenschaftlicher Kommunikation, die sich über Jahrzehnte etabliert hat und stark auf Abgrenzung, Terminologie und Fachkonventionen setzt. Wissenschaftliche Texte sind nicht nur komplex, weil ihre Inhalte anspruchsvoll sind – sie sind es auch, weil sie einem spezifischen, der jeweiligen Wissenschaftscommunity inhärenten Diskursstil folgen. Lay-Abstracts fördern daher eine bewusste Entkopplung vom akademischen Duktus, ohne in Beliebigkeit oder Übervereinfachung zu verfallen (Jonas et al., 2024).
Verständlichkeit ist keine triviale Funktion sprachlicher Simplifizierung, weshalb der Einsatz von KI und LLMs an dieser Stelle nur eine ergänzende Maßnahme im redaktionellen Workflow sein kann (Guo et al., 2024). Vielmehr handelt es sich um einen kommunikativen Aushandlungsprozess, bei dem der wissenschaftliche Anspruch und die Zugänglichkeit für unterschiedliche Zielgruppen in Einklang gebracht werden müssen. Dies verdeutlichen Studienergebnisse zur Verständlichkeit von Laienzusammenfassungen, wonach solche diese Verständlichkeit ebenso verfehlen können (Ganjavi et al., 2023).
5.2 Open Access als Ausgangspunkt für eine erweiterte Kommunikationsstrategie
Das Projekt SciComOA führt exemplarisch vor, wie Open Access nicht nur als rechtlich-technische Praxis der Vergabe von Creative-Commons-Lizenzen verstanden werden kann, sondern als Ausgangspunkt für eine erweiterte Kommunikationsstrategie, die das Ideal von Open Science substanziell vertieft. Indem Lay-Abstracts aus Open-Access-Artikeln erstellt und wiederum frei zugänglich gemacht werden, entsteht ein doppelter Öffnungsprozess: einerseits auf der Ebene der Verfügbarkeit, andererseits auf der Ebene der Verständlichkeit. Damit wird ein zentrales Versprechen von Open Science eingelöst – nämlich, dass öffentlich finanzierte Forschung nicht nur frei zugänglich, sondern auch gesellschaftlich anschlussfähig ist. Lay-Abstracts werden so zu strategischen Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Praxisfeldern. Sie transformieren Open Access von einem infrastrukturellen Konzept in ein kommunikatives Prinzip, das die demokratische Teilhabe an wissenschaftlicher Erkenntnis aktiv ermöglicht. Eine inklusive Wissenschaftskultur beinhaltet also nicht nur die Forschung selbst, sondern auch ihre Vermittlung – und hier können Lay-Abstracts ein stabiles Fundament bilden.
5.3 Kulturelle Hürden: Status und Legitimität von Laienkommunikation
Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Wertschätzung von Wissenschaftskommunikation im akademischen Feld. Viele der befragten Autor:innen äußerten sich positiv gegenüber dem Anliegen von Lay-Abstracts – zugleich aber wurde mehrfach deutlich, dass wissenschaftliche Anerkennung und karrierebezogene Anreize für solche Formate fehlen. Lay-Abstracts gelten bislang nicht als zitierbare oder relevante Leistungen im Sinne gängiger Evaluationsmetriken. Diese strukturelle Nicht-Anerkennung beeinflusst die Bereitschaft zur Mitarbeit und kann dazu führen, dass Wissenschaftskommunikation als „Add-on“ wahrgenommen wird – etwas, das man „auch noch“ leisten soll, ohne dass dies honoriert wird. Hier zeigt sich eine kulturelle Spannung zwischen akademischer Exzellenzlogik und öffentlicher Relevanzorientierung, die über das Thema Lay-Abstracts hinausweist. Eine stärkere Verankerung von Wissenschaftskommunikation in der Forschungsbewertung, etwa durch Third-Mission-Kriterien, Impact-Nachweise oder spezifische Förderprogramme, erscheint daher notwendig.
5.4 Redaktionskulturen und Disziplinlogiken
Ein weiteres zentrales Ergebnis des Projekts ist die Erkenntnis, dass redaktionelle Prozesse eine Schlüsselrolle für die erfolgreiche Einführung von Lay-Abstracts spielen – jedoch höchst unterschiedlich ausgestaltet sind. In der Praxis zeigte sich:
- Fachzeitschriften operieren mit sehr unterschiedlichen Arbeitsabläufen, Personalressourcen und Kommunikationsverständnissen.
- Es gibt keine einheitliche Vorstellung davon, wann und wie Lay-Abstracts entstehen sollen: vor, während oder nach dem Peer-Review? Durch die Autor:innen selbst, durch Redaktionen, durch externe Dienstleister?
- Der Grad an Professionalisierung im Bereich der Wissenschaftskommunikation ist stark disziplinabhängig: In medizinischen Zeitschriften gibt es teils mehr Erfahrung mit patientenorientierter Sprache; in geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontexten herrscht hingegen oft Unsicherheit darüber, wie und für wen man eigentlich kommuniziert.
Diese Befunde sprechen gegen eine „One-size-fits-all“-Lösung. Daraus resultieren folgende Implikationen:
- Keine Standardlösung möglich: Jede Zeitschrift benötigt eine maßgeschneiderte Strategie zur Einbindung von Lay-Abstracts in ihren Workflow, die redaktionelle, disziplinäre und kommunikative Kulturen berücksichtigt.
- Notwendigkeit von Pilotprojekten: Die Einführung von Lay-Abstracts sollte als partizipativer Prozess gestaltet werden, in enger Abstimmung mit Redaktion, Autor:innen und – langfristig – auch mit Vertretenden der Laiengruppen.
5.5 Potenziale für die Wissenschaftskommunikation
Trotz aller Herausforderungen bieten Lay-Abstracts substanzielle Potenziale:
Sie ermöglichen eine niedrigschwellige Erstbegegnung mit Wissenschaft – nicht über Social Media, sondern direkt am Publikationsort.
Sie fördern die Reflexion wissenschaftlicher Sprache bei den Forschenden selbst.
Sie machen die Idee von Open Science greifbar – nicht nur als Zugänglichkeit, sondern als kommunikative Öffnung.
Sie können die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit in Praxisfeldern stärken – etwa in Schule, Pflege, Gesundheit oder Verwaltung.
Dabei ist es entscheidend, dass Lay-Abstracts nicht als Nebenprodukt verstanden werden, sondern als eigenständiges Kommunikationsformat mit spezifischen Anforderungen und Qualitäten.
6 Fazit: Lay-Abstracts als Baustein einer inklusiven Wissenschaftskultur
Die vorangegangenen Abschnitte haben gezeigt, dass Lay-Abstracts mehr sind als nur vereinfachte Textversionen wissenschaftlicher Artikel. Sie sollten inskünftig Ausdruck einer inklusiven Wissenschaftskommunikation sein, die sich im Rahmen von Open Science zunehmend etabliert: weg vom exklusiven Expertendiskurs hin zu einem dialogoffenen, gesellschaftlich anschlussfähigen Forschungsverständnis.
6.1 Erkenntnisse aus dem Projekt SciComOA
Das vorgestellte Projekt hat gezeigt, dass die Integration von Lay-Abstracts in redaktionelle Prozesse machbar ist – wenn auch unter erheblichen strukturellen und kulturellen Herausforderungen. Zentral ist dabei:
- Einbindung der Autor:innen als gleichberechtigte Partner in der Erstellung,
- Berücksichtigung unterschiedlicher Abläufe und Handlungspraktiken in den Redaktionen statt Standardisierung,
- transparente Kommunikation über Zielgruppen und Erwartungen sowie
- eine Anerkennung kommunikativer Leistungen in wissenschaftlichen Evaluationslogiken.
Darüber hinaus zeigt sich, dass Lay-Abstracts nicht isoliert betrachtet werden sollten, sondern eingebettet in die strategische Kommunikation von Zeitschriften und Forschungsinstitutionen. Sichtbarkeit, Auffindbarkeit und Anschlussfähigkeit spielen dabei eine ebenso große Rolle wie sprachliche Verständlichkeit.
6.2 Empfehlungen und Ausblick
Damit Lay-Abstracts ihr Potenzial voll entfalten können, sind strukturelle Maßnahmen und strategische Unterstützung erforderlich. Aus dem Projekt lassen sich fünf zentrale Empfehlungen ableiten:
- Redaktionen stärken: Fachzeitschriften benötigen Ressourcen für Kommunikationsberatung, Lektorat und die Integration von Lay-Abstracts in bestehende Workflows.
- Qualifizierungsangebote etablieren: Workshops, Guidelines oder KI-gestützte Tools sollten Redaktionen und Autor:innen unterstützen – besonders bei der erstmaligen Erstellung von verständlichen Zusammenfassungen.
- Strategische Kommunikation stärken: Die Zeitschriften sollten ihre Kommunikationsstrategien ausbauen/anpassen, um das nötige Gehör für dieses wichtige Anliegen zu erhalten und Zielgruppen gezielt anzusprechen.
- Partizipation ermöglichen: Vertreter:innen aus Praxis und Gesellschaft sollten frühzeitig eingebunden werden – etwa durch Feedbackrunden oder bei der Entwicklung passender Formate.
- Wissenschaftspolitische Anreize schaffen: Förderinstitutionen, Hochschulen und Evaluationsgremien sollten Wissenschaftskommunikation strukturell belohnen und Lay-Abstracts explizit anerkennen.
Lay-Abstracts markieren einen Kulturwandel in der Wissenschaftskommunikation. Langfristig könnten Lay-Abstracts zu einem Qualitätsmerkmal wissenschaftlicher Praxis werden: Nicht nur als Mittel zur Sichtbarkeit, sondern als Ausdruck eines neuen Wissenschaftsverständnisses – offen, verständlich, gesellschaftlich verantwortlich.
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