Open Access for everyone?
Einblicke in Bestrebungen zum Kulturwandel an einer Universität
DOI:
https://doi.org/10.15460/kommges.2025.26.1.1624Begutachtung
Abstract
Dieser Artikel untersucht den Kulturwandel in der wissenschaftlichen Publikationspraxis hin zu Open Access. Das Ziel der Untersuchung ist es, die Wirksamkeit verschiedener neu implementierter Maßnahmen vor dem Hintergrund des Modells der Kollektiven Veränderungsbereitschaft zu analysieren. Die umgesetzten Maßnahmen sollen auf institutioneller, disziplinärer und individueller Ebene den Übergang zu einer offenen Wissenschaftspublikationskultur fördern. Dazu wurde eine Vergleichsanalyse deutscher Hochschulen, eine quantitative Befragung sowie diverse Maßnahmen zur Schaffung von Open-Access-Bewusstsein durchgeführt. Die Befragung identifiziert zunächst eine unzureichende Informationsweitergabe und eine fehlende Debattenkultur innerhalb der Hochschule und zwischen den wissenschaftlichen Statusgruppen. Darüber hinaus sind weitere Hindernisse fachdisziplinäre Publikationstraditionen, unzureichende Infrastrukturen sowie die in vielen Fächern noch immer bestehenden akademischen Bewertungssysteme, wie z.B. die Messung von Impact-Faktoren etablierter Closed-Access-Journale, als Wertekriterium für wissenschaftliche Arbeit. Obwohl sich das Bewusstsein für Open Access in den letzten Jahrzehnten durch Förderinstitutionen und akademische Fortschritte erweitert hat, zeigt diese Untersuchung, dass ein tatsächlicher Kulturwandel bislang noch nicht erreicht ist. Vielmehr lässt sich eine Art Zwischenkultur beobachten, welche sich im Zuge des fortschreitenden Transformationsprozesses in Abhängigkeit von bestehenden Verlagsstrukturen und -mechanismen etabliert hat. Um einen nachhaltigen Kulturwandel anzustreben, werden nicht nur technische und informationspolitische Maßnahmen benötigt, sondern auch ein tiefgreifendes Verständnis für Kulturveränderungen innerhalb des Wissenschaftssystems.
1 Einleitung
Seit Beginn der mittlerweile nahezu 30-jährigen Open-Access-Bewegung lassen sich gegensätzliche Trends beobachten: In den Naturwissenschaften manifestierten sich Open-Access-Publikationen, u.a. durch Journal-Aus- bzw. Neugründungen (u.a. Björk, 2017). In den Geisteswissenschaften sind kostenintensive (Open-Access-)Monografien und Herausgeberbände oft relevanter als Artikel-Publikationen (Schäffler, 2012). In den Sozialwissenschaften dominieren teilweise noch Closed-Access-Publikationen, so z.B. in den Wirtschaftswissenschaften (Laakso & Björk, 2021) und in der Psychologie (Piwowar et al., 2018). Im deutschsprachigen Raum sind zwar auch in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zahlreiche Open-Access-Journale vertreten (Bruns et al., 2022). Diese sind allerdings oft (noch) unbekannt und werden dadurch – insbesondere bei nicht-englischsprachigen Publikationen – weniger zitiert (Piwowar et al., 2018). Darüber hinaus werden sozialwissenschaftliche praxisbasierte Beiträge in (Open-Access-)Zeitschriften veröffentlicht, die sich vorrangig an ein nicht-wissenschaftliches Publikum richten und dadurch zu einer statistischen Verzerrung des Zitationsindex führen (Langham-Putrow et al., 2021). Hohe Zitationszahlen von Open-Access-Publikationen werden hingegen meist über Zweitveröffentlichungen in Repositorien (Huang et al., 2024) und Hybridveröffentlichungen in hochrangigen Journalen hervorgebracht (Dorta-González & Dorta-González, 2023; Wren, 2005). Dennoch steigert ein hoher Artikeldownload, z.B. über Repositorien, oft nicht im gleichen Ausmaß den Zitationsindex ebendieser Artikel (Castillo, 2009; Kurtz et al., 2005). So verwundert es nicht, dass die von nationalen und internationalen Fördermittelgebern eingeforderte Veröffentlichung von Open-Access-Publikationen auch weiterhin in hybriden Publikationsformaten bei renommierten Verlagen umgesetzt wird (Morillo, 2020). Insgesamt lässt sich bezüglich des aktuellen Stands der Open-Access-Bewegung festhalten, dass es erstens unterschiedliche fachdisziplinäre Praktiken und damit einhergehend mehr oder weniger Akzeptanz für Open Access in den Fachkulturen gibt und dass sich zweitens trotz aller Bemühungen Open Access in der Breite noch nicht durchgesetzt hat.
Dieser Beitrag analysiert, wie Hochschulen dazu beitragen können, Dimensionen einer Open-Access-Publikationskultur insbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zu stärken. Am Beispiel des laufenden Forschungsprojekts „OASE – Systematische Entwicklung einer Open-Access-Kultur an der Universität - eine entwicklungsorientierte empirische Case Study“ (2023-2026, Förderung durch BMFTR) untersucht dieser Artikel Best-Practice-Beispiele, um zu eruieren, wie eine wirkungsvolle Open-Access-Kultur an der Universität gefördert und verbreitet werden kann. Vor allem die Planung und Evaluation verschiedener Maßnahmen zur Open-Access-Kulturförderung an der Hochschule stehen dabei im Fokus. Thematisch schließt der Beitrag an andere Forschungsarbeiten an, die einen Kulturwandel hin zu Open Access auf der Ebene der Institutionen verorten. Hochschulen unterstützen dabei nicht nur den wissenschaftlichen Karrierefortschritt einzelner Forschender, sie bilden zugleich auch den administrativen Rahmen zur Ermöglichung und Förderung von Open-Access-Modellen, welche Finanzmittelgeber und nationale Regierungen zunehmend einfordern (Huang et al., 2020).
Dazu zeigt der Artikel zunächst den aktuellen Stand der nationalen und internationalen Forschung auf und ordnet den Forschungsstandort Deutschland in den Kontext ein (Abschnitt 2). Im Anschluss daran zeigt das zugrunde gelegte Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft (Graf-Schlattmann et al., 2020) einen Überblick über hochschulische Veränderungsmöglichkeiten und administrative Prozesse (Abschnitt 3). Abschnitt 4 bietet einen kurzen Überblick über die angewandte Methode des Design-Based Research, die zur Entwicklung und Implementierung von Projektmaßnahmen (Abschnitt 5) zur Einleitung eines Kulturwandels eingesetzt wird. In Abschnitt 6 werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund des zugrunde gelegten Modells diskutiert. Eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse und einen Ausblick auf zukünftige Projektmaßnahmen und erwartete Fortschritte hinsichtlich eines Open-Access-Kulturwandels an der Hochschule erschließt Abschnitt 7.
2 (Open) Access im internationalen Vergleich
Die Forderung vieler nationaler und internationaler Fördermittelgeber zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel als Open-Access-Publikationen wird vom Wissenschaftsrat (2022), als ältestes wissenschaftspolitisches Beratungsgremium in Deutschland, gestützt. Open Access bedeutet nicht nur, als Lesende freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen zu erhalten (Suber, 2012), sondern für wissenschaftliche Autor:innen auch eine höhere Zitationsquote und dadurch eine größere Reichweite ihrer Forschungsarbeit zu erlangen (Huang et al., 2024). Die ursprünglich vorgesehene für Autor:innen und Lesende kostenfreie Veröffentlichung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse im Open Access, welche auch als Diamond Open Access (Fuchs & Sandoval, 2013; Open Access Network, 2025) bekannt ist, befördert nicht nur soziale Gerechtigkeit, sondern steigert auch das wissenschaftliche Ansehen der individuellen Autor:innen durch die weltweite Verfügbarkeit ihrer Arbeit (Hopf et al., 2022). In den letzten Jahrzehnten entstanden allerdings hohe Gebühren für die Veröffentlichung von Open-Access-Artikeln, -Buchkapiteln und -Büchern in renommierten Verlagen, auch bekannt als Gold Open Access (Open Access Network, 2025). Vor allem finanzschwächere Wissenschaftler:innen bzw. Wissenschaftsinstitutionen, z.B. im Globalen Süden, wird dadurch aufgrund von fehlenden Ressourcen eine Veröffentlichung in wissenschaftlich anerkannten Journalen erschwert (Biesenbender et al., 2024; Evans & Reimer, 2009; Momeni et al., 2023). Obwohl manche Verlage mitunter sogenannte waiver ausstellen, d.h. eine Befreiung von der Zahlung der Publikationsgebühren v.a. für einkommensschwache Länder (Klebel & Ross-Hellauer, 2023), zeigen sich weitere Schwierigkeiten in der Umsetzung auf dem Weg zu einem tatsächlichen Open-Access-Kulturwandel.
Zunächst muss das ideelle Konzept von einem freien Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen für Autor:innen, Lesende und Verlage finanziell getragen werden. Dies bedeutet, dass entweder Fördermittelgeber, Hochschulen, Forschungsinstitutionen oder Verlage entsprechende Finanzmittel aufbringen müssen, um Infrastrukturen für wissenschaftliche Publikationen zur Verfügung zu stellen (Hopf et al., 2022). Dabei sind besonders forschungsstarke Institute und -disziplinen eher affin für Open-Access-Publikationen (Maddi et al., 2021). Insbesondere die Naturwissenschaften – allen voran die Physik – haben in den vergangenen Jahrzehnten bereits eine regelrechte Kultur von Preprint-Veröffentlichungen auf Open-Access-Repositorien etabliert (Chiarelli et al., 2019; Hobert et al., 2021). Dies kann u.a. damit zusammenhängen, dass auch heutzutage noch viele etablierte wissenschaftliche Physik-Journale im Closed Access erscheinen (Momeni et al., 2023). Zusätzlich befördern höhere Impact-Faktoren und Reputationen der Closed-Access-Journale bei vielen Wissenschaftler:innen die Entscheidung zur Veröffentlichung ihrer Ergebnisse hinter der Paywall. So kommen u.a. Physiker:innen einerseits den Anforderungen an Journalreputation und Impact-Faktor als relevante Faktoren für ihre wissenschaftliche Laufbahn nach, andererseits folgen sie der Forderung vieler Forschungsorganisationen, ihre Ergebnisse in renommierten Veröffentlichungsorganen zu publizieren (Biesenbender et al., 2024). Obwohl die Veröffentlichung von Preprints in Repositorien prinzipiell eine gute Möglichkeit zur Verbreitung neuester Forschungserkenntnisse innerhalb der eigenen Fachcommunity abbildet und zugleich zur wissenschaftlichen Sichtbarkeit der individuellen Forschenden innerhalb ihrer Community beiträgt, schätzen die Wissenschaftler:innen selbst einen Open-Access-Kulturwandel allein durch Preprint-Veröffentlichungen als langsam und nur in einem geringen Ausmaß ein (Biesenbender et al., 2024).
In anderen Fachdisziplinen wiederum scheint eine Preprint-Veröffentlichung der Forschungsergebnisse entweder durch die Ingelfinger-Regel (Angell & Kassirer, 1991), welche den Verlagen die Erstveröffentlichung zusichert und damit Preprint-Veröffentlichungen explizit ausschließt, oder durch fehlendes Wissen zu vorhandenen Möglichkeiten zur Vorabveröffentlichung von Forschungsergebnissen weniger verbreitet zu sein (Biesenbender et al., 2024). Ergänzend dazu haben sich kollektive Initiativen herausgebildet, wie z.B. das Radical Open Access Collective (o. J.) und ArXiv (o. J.), über welche sich wissenschaftliche Arbeiten entweder mit neu gegründeten Open-Access-Zeitschriften oder Online-Repositorien mit den jeweiligen Fachcommunities teilen und verbreiten lassen. Viele neu gegründete Open-Access-Zeitschriften haben noch ein relativ geringes Ansehen und einen geringen Impact-Faktor in der jeweiligen Forschungsgemeinschaft, welcher anhand der quantitativen Zitationshäufigkeit gemessen wird (Piwowar et al., 2018). Sie eignen sich daher nicht unbedingt als Karrierebeschleuniger in Berufungsverfahren (Gärtner et al., 2024). Neuere Initiativen, wie z.B. San Francisco Declaration on Research Assessment (DORA, 2013) und Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA, 2022), zeigen alternative Wege der Bewertung von Qualität und Quantität der wissenschaftlichen Arbeit, indem sie auf Journal-basierte Metriken verzichten und stattdessen die wissenschaftlichen Inhalte und Erträge abseits von klassischen Publikationen werten. Obwohl dieser alternative Weg der Erfolgsmessung in einigen Ländern offiziell bereits Einzug erhielt, zeigt sich in der praktischen Umsetzung, dass jenseits wissenschaftspolitischer Vorstellungen die Umsetzung in den Hochschulen durch Wissenschaftler:innen ein gründliches Umdenken bezüglich Werte, Praktiken und Verhalten erfordert, welches nur langfristig erreicht werden kann (Baccini, 2025; Rushforth, 2025).
Auch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Open-Access-Publikationen in Deutschland seit der Berliner Erklärung zu Open Access (Max Planck Society, 2003) zwar deutlich angestiegen, diese in ihrer Gesamtzahl allerdings im weltweiten Vergleich noch unterdurchschnittlich vertreten sind (Maddi et al., 2021). So ist z.B. auch die Initiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchaus erwähnenswert, dass Open-Access-Journal-Gründungen und Artikel-Publikationen seit einigen Jahren finanziell verstärkt unterstützt werden (Hobert et al., 2021). Allerdings bleibt an dieser Stelle fraglich, inwiefern kurzfristige Finanzmittel zur Gründung von Open-Access-Journalen und -Plattformen zum langfristigen finanziellen Erhalt nach dem Ende der Finanzierungsperiode beitragen und den Open-Access-Kulturwandel nachhaltig beeinflussen können. Wissenschaftler:innen aus einkommensstarken Ländern publizieren somit weiterhin sehr viel im Closed Access (Momeni et al., 2023) – womöglich auch, da ihre Forschungsinstitutionen und viele Peers in ihrem wissenschaftlichen Netzwerk die Leserechte für Veröffentlichungen hinter der Paywall finanzieren können (Hobert et al., 2021).
Insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen traditionelle Buchpublikationen und Artikel im Closed Access dominieren (Huang et al., 2020) sowie hinsichtlich der bislang fehlenden Akzeptanz für alternative Formen von Publikationen, z.B. multimediale Veröffentlichungen (Jewitt et al., 2011; Pooley, 2022), braucht es daher neue Geschäftsmodelle und ‑praktiken, um einen tatsächlichen Kulturwandel zu initiieren. Die Entscheidung für oder gegen eine Open-Access-Publikation treffen Forschende meist in Abstimmung mit ihren Ko-Autor:innen oder auf Empfehlungen, eher weniger abhängig von ihren institutionellen Vorgaben (Biesenbender et al., 2024). Um eine aktive Beteiligung am Open-Access-Publizieren zu ermöglichen, müssen demzufolge Hochschulen und Forschungsinstitute ihre derzeitigen Publikationsgewohnheiten und -unterstützungsmodelle überdenken, um eine partizipative Open-Access-Kultur zu etablieren und eine tatsächliche Transformation als Kulturwandel zu befördern.
3 Modell der kollektiven Veränderungsbereitschaft
Aus Sicht der Organisationsentwicklung lässt sich der Weg zu einer Open-Access-Kultur als ein umfassender Transformationsprozess verstehen, in dem sowohl Individuen als auch Institutionen Veränderungen durchlaufen müssen. Im Folgenden präsentieren wir das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft (Graf-Schlattmann, Meister, et al., 2019; Graf-Schlattmann, Wilde, et al., 2019; Graf-Schlattmann et al., 2020) als ein Referenzmodell zur Gestaltung von Transformationsprozessen an Hochschulen, welches im Rahmen des Digitalen Wandels in der Hochschullehre in einem vorherigen Projekt („Qualitätssicherung in der Digitalisierungsstrategie“ (QuaSiD), Förderung durch das BMBF heute BMFTR, 2017-2020) entwickelt wurde. Das Modell betont die gleichzeitige Relevanz sozialer, kultureller und struktureller Einflussfaktoren und rückt die kontinuierliche Unterstützung auf individueller wie auch organisationaler Ebene in den Mittelpunkt strategischer Veränderungen. Im Unterschied zu klassischen Change-Management-Ansätzen zeigt sich, dass Veränderung im Hochschulkontext nicht ausschließlich durch Top-Down-Initiativen der Hochschulleitung bewirkt werden kann, sondern durch das Zusammenspiel aller Statusgruppen getragen werden muss. Im Fokus steht dabei die sogenannte Kollektive Veränderungsbereitschaft sowie ihre sechs miteinander verbundenen Handlungsebenen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation und eine nachhaltige Verankerung und Implementierung an Hochschulen (Graf-Schlattmann, Meister, et al., 2019; Graf-Schlattmann, Wilde, et al., 2019; Graf-Schlattmann et al., 2020):
- Professionalität und Freiräume
- Erkennbarer Nutzen
- Unterstützungsstrukturen und Qualitätsbedingungsmanagement
- Transparenz und Sichtbarkeit
- Abstimmung und Vernetzung
- Soziale Akzeptanz durch Legitimität der Veränderung
Diese Handlungsebenen sind weder linear noch phasenbasiert organisiert, sondern müssen während des gesamten Transformationsprozesses kontinuierlich unterstützt und aufrechterhalten werden. Auf den Aspekt der Open-Access-Transformation angepasst, erklären sich die Handlungsebenen wie folgt:
Professionalität und Freiräume: Die Autonomie der Wissenschaftler:innen in der Wahl der Publikationswerkzeuge und der Gestaltung des Veränderungsprozesses hin zu Open Access ist essenziell. Die Hochschulleitung kann den Prozess nicht zentral steuern, sondern sollte durch eine ermöglichende und förderliche Kultur die Entwicklung dezentraler, iterativer Veränderungsschleifen unterstützen.
Erkennbarer Nutzen: Die Akzeptanz und Motivation zur Transformation wachsen, wenn ein konkreter und individueller Nutzen erkennbar ist, etwa durch Zeitersparnis, höhere Verbreitung, mehr Flexibilität oder die Verbesserung der Reputation. Monetäre Anreize allein genügen im Wissenschaftsbereich meist nicht, vielmehr sind Zeitressourcen und die Anerkennung der Aktivitäten wichtig.
Unterstützungsstrukturen und Qualitätsbedingungsmanagement: Der Erfolg von Veränderungen wird durch unterstützende Strukturen wie Weiterbildung, Beratung und funktionierende Infrastrukturen gefördert. Diese schaffen ein Umfeld, in dem innovative Publikationsformen erprobt und umgesetzt werden können.
Transparenz und Sichtbarkeit: Die Sichtbarmachung von Prozessen und Akteuren fördert den Austausch, die Anerkennung und die Synchronisation der Vielzahl einzelner, oftmals in Fachbereichen isoliert stattfindender Initiativen zu Open Access.
Abstimmung und Vernetzung: Der Austausch, die Diskussion und Abstimmung in Gremien sowie die Vernetzung verschiedener Akteure sind grundlegend, um iterativ verlaufende, fachbezogene Veränderungsprozesse in eine gemeinsame Entwicklungsrichtung zu führen und hochschulweite Akzeptanz sowie Commitment zu erreichen.
Soziale Akzeptanz und Legitimität der Veränderung: Die Akzeptanz von Veränderungen basiert darauf, dass diese als legitim und nutzbringend wahrgenommen werden. Die soziale Akzeptanz bildet die Basis für intrinsische Motivation und eine Vertrauenskultur, die nicht verordnet, sondern durch Einbindung aller Gruppen gefördert werden muss.
Damit das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft greifen kann, wird es gerahmt von zwei weiteren notwendigen Gelingensbedingungen für einen Transformationsprozess, nämlich der Veränderungsmöglichkeit sowie der Veränderungskompetenz (Graf-Schlattmann et al., 2020).
Die Veränderungsmöglichkeit wird durch die grundlegenden Rahmenbedingungen der Transformation definiert. Gemäß der vorangegangen Untersuchungen im Projekt QuaSiD (Graf-Schlattmann, Meister, et al., 2019; Graf-Schlattmann, Wilde, et al., 2019; Graf-Schlattmann et al., 2020) umfassen diese auf der einen Seite die notwendigen Ressourcen und auf der anderen Seite klar definierte Verantwortlichkeiten auf den verschiedenen Ebenen von Transformationsprozessen. Die Gelingensbedingung von bereitgestellten Ressourcen für eine Transformation unterteilt sich in die nötigen personellen, finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen. Darüber hinaus ist auch der Faktor Zeit eine relevante Größe als Ressource im akademischen Alltag.
Die Veränderungskompetenz weist ebenso wie die Veränderungsmöglichkeit, eine Binnendifferenzierung auf und umfasst zwei Formen der Kompetenz. Zum einen braucht es eine Handlungskompetenz, also ein Verstehen und Können der Veränderung. Des Weiteren sind für einen hochschulweiten Prozess auch ausgeprägte Kompetenzen hinsichtlich der Entscheidungsfindung und -durchsetzung wichtig. Die Handlungskompetenz beschreibt die Fähigkeit zum aktiven Handeln und bildet damit eine zentrale Grundlage für das Gelingen von Transformationsprozessen. Sie kann durch gezielte Informationsangebote, Weiterbildungen und Beratung aufgebaut und gestärkt werden. Dies ermöglicht es den Wissenschaftler:innen, Transformations- und Veränderungsprozesse mitzugestalten. Die zweite Dimension der Veränderungskompetenz ist die Entscheidungskompetenz. Die Entscheidungskompetenz ist grundlegend für den Erfolg, und umfasst die Fähigkeit, einen Überblick über den Prozess, die Ziele und den strategischen Rahmen zu bewahren und eigene Entscheidungen entsprechend zu treffen. Darüber hinaus ist es notwendig, dass Entscheidungsträger:innen in Gremien und Führungsebenen der Hochschule klare Prioritäten setzen. Zusätzlich erfordert es eine ausgeprägte Selbstverpflichtungskompetenz, um Kompromisse anzunehmen und aktiv zu unterstützen.
Das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft betont zusammenfassend, dass klassische Top-Down-Ansätze zur Umsetzung von Transformationsprozessen im deutschen Hochschulkontext häufig an ihre Grenzen stoßen. Hochschulen gelten als „lose gekoppelte Systeme“ (Weick, 1976), die strukturell auf starke Autonomie, demokratische Entscheidungswege und starke Disziplinorientierung gebaut sind. Aus diesem Grund bedarf es einer breit verankerten, kollektiven Veränderungsbereitschaft, die alle Ebenen und Statusgruppen gleichermaßen einbezieht. Das Modell ergänzt bisherige Change-Management-Modelle (z.B. Kotter, 1995) um eine organisationssensible Perspektive, welche auf die Besonderheiten des Hochschulwesens eingeht (Graf-Schlattmann et al., 2020). Dahingehend zeigt das Modell der Kollektiven Veränderung, dass Transformationsprozesse nicht nur aus der Perspektive hochschulseitiger Angebote und Nachfragen betrachtet werden sollten, sondern insbesondere die zugrundeliegenden langfristigen Prozesse der Kulturveränderung herausgestellt werden müssen. Somit ist das Modell der kollektiven Veränderungsbereitschaft geeignet, um Maßnahmen zur Förderung von Open Access genauer in den Blick zu nehmen und zu evaluieren, auf welchen Ebenen andere oder weitere Akzente für eine Kulturveränderung gesetzt werden müssen. Mit dieser theoretischen Rahmung wird im Zuge des Forschungsprojekts OASE exemplarisch an der Universität Paderborn der Stand und die weitere Förderung einer Open-Access-Kultur untersucht.
4 Methodik des Design-Based Research
Für dieses Forschungsprojekt wurde die Methodik des Design-Based Research ausgewählt, welche in der gestaltungs- und entwicklungsorientierten Bildungsforschung bereits breite Anwendung findet (Kerres & Getto, 2019; Tulodziecki et al., 2018). Dazu sieht die methodische Untersuchung ein Mixed-Methods-Design mit einer ausgewählten Hochschule als Fallbeispiel vor. Die Umsetzung des Vorhabens erfolgt entlang der vorgeschlagenen sieben Phasen des Projektverlaufs. Anhand der Problemstellung (1) wird ein erster Entwurf (2) mit den beteiligten Partnern erstellt und erprobt, danach mittels empirischer Methoden evaluiert (3) und in modifizierter Form (4) erneut erprobt (5). Begleitet wird dieser Ansatz von einer forschungsmethodischen Reflexion (6) und gemessen und reflektiert am zugrundeliegenden theoretischen Hintergrund (7) (s.a. Kamin et al., 2017).
Ausgehend vom Modell der kollektiven Veränderungsbereitschaft als theoretische Fundierung für diese Untersuchung wurden zunächst vorhandene Maßnahmen und Angebote im Kontext von Open Access im deutschlandweiten Vergleich gesammelt und systematisch aufbereitet. Darüber hinaus unterstützen zwei hochschulinterne Umfragen zu Beginn und zum Ende des Projekts die empirische Datenerhebung vorhandener Einstellungen zu und Wissen über Open Access unter den Wissenschaftler:innen. Des Weiteren sollen systematisch durchgeführte und erprobte Maßnahmen, die sich am Modell der kollektiven Veränderungsbereitschaft orientieren, dazu beitragen, den Transfer hin zu mehr Bewusstheit für eigene Open-Access-Veröffentlichungen zu befördern. Im Rahmen der noch laufenden Datenerhebung wurden bislang zusätzlich zwei qualitative Expert:inneninterviews mit Professor:innen sowie zwei Gruppeninterviews mit Doktorand:innen und Postdocs verschiedener Fachbereiche an der Hochschule durchgeführt, um Einblicke in Open-Access-Publikationsprozesse und -auswahlentscheidungen zu erhalten. In diesem Beitrag stehen die projektseitig durchgeführte Bestandsanalyse sowie die umgesetzten Maßnahmen im Fokus, die nachfolgend ausgewertet werden. Der iterative Prozess des Design-Based Research erstreckt sich insgesamt über vier Hochschulsemester und dient der kontinuierlichen Maßnahmenevaluation und -verbesserung sowie der Erhöhung kollektiver Veränderungsbereitschaft im Zuge der Transformation zu einem Open-Access-Kulturwandel.
5 Projektmaßnahmen zur Förderung eines Kulturwandels
5.1 Analyse der Angebote und Maßnahmen an Hochschulen in Deutschland und Bestandsaufnahme
Bevor im Projektteam einzelne Projektmaßnahmen an der Universität entworfen wurden, fand im November 2023 zunächst eine Bestandsanalyse der Open-Access-Angebote und -Maßnahmen vergleichbarer deutscher Universitäten durch eine Projektmitarbeiterin statt. Diese explorative Analyse resultierte in der tabellarischen Auswertung der Open-Access-Angebote von insgesamt 26 mittelgroßen und großen deutschen Universitäten bzw. Universitätsbibliotheken. Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass zu dem Zeitpunkt alle analysierten Hochschulen bzw. Hochschulbibliotheken über einen Publikationsservice (institutionelles Repositorium) verfügen und sich an den Transformationsverträgen über Lizenzen und Open-Access-Veröffentlichungen beteiligen. Die meisten untersuchten Universitäten haben darüber hinaus auch eine Open-Access-Policy und einen Open-Access-Publikationsfonds, selten eigene Infrastrukturen zum Hosten von Zeitschriften im Open-Access, wenig Eigenverlage und aktive Bemühungen hinsichtlich Diamond Open Access. Etwa die Hälfte der Universitäten bietet Beratungen und Informationsveranstaltungen zu Open Access an. Als weitere Formate wurden zusätzlich identifiziert: Austauschformate, Schulungen, Vorträge, Workshops, Webinare, Kurse und Tutorials, Coffee Lectures, Social Media, Verlinken zu bundesweiten Open-Access-Veranstaltungen, Informationsmaterial, Glossare und FAQs. All diese Maßnahmen haben allerdings nur in Einzelfällen Verbreitung an den untersuchten Universitäten gefunden.
Auch die Universität Paderborn bietet im Rahmen von Open Access Angebote und Veranstaltungen für wissenschaftliche Beschäftigte an. Im Jahr 2022 zeichnete die Universität Paderborn die Berliner Erklärung zu Open Access mit (Max Planck Society, o. J.), seit 2023 gibt es eine Open-Access-Policy an der Universität. Zudem ist eine Open-Access-Beauftragte an der Universitätsbibliothek angesiedelt, die zu allen Fragen rund um Open Access berät und auch Teil des OASE-Projektteams ist. Darüber hinaus verfügt die Universitätsbibliothek über einen Publikationsservice, der es Mitgliedern der Universität ermöglicht, elektronische Dokumente als Open-Access-Publikation im Universitätsrepositorium als Erst- oder Zweitveröffentlichung zu publizieren sowie über einen Publikationsfonds zur finanziellen Unterstützung von Open-Access-Publikationen. Des Weiteren werden Online-Schulungen zu Open Access, eine Website mit allgemeinen Informationen zu Open Access sowie zu weiteren Services der Bibliothek, wie etwa Unterstützung bei der Generierung von einer ORCID-ID, angeboten. Die Bibliothek informiert zusätzlich regelmäßig in der vom Senat der Universität eingesetzten „Bibliothekskommission“ über aktuelle Entwicklungen. Durch die vielfältigen Angebote der Universität bzw. Universitätsbibliothek werden nach dem Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft insbesondere die Handlungsebenen der Transparenz und Sichtbarkeit, des erkennbaren Nutzens sowie der Unterstützungsstrukturen und des Qualitätsbedingungsmanagement angesprochen. Auch die Möglichkeit zur Erweiterung der Veränderungskompetenz besteht über die universitätsseitigen Angebote. Darüber hinaus werden grundlegende infrastrukturelle und finanzielle Ressourcen im Rahmen der Veränderungsmöglichkeit bereitgestellt, die zur Kulturveränderung beitragen können. Im direkten Vergleich mit den bestehenden Angeboten der analysierten Universitäten und Universitätsbibliotheken lässt sich somit schlussfolgern, dass das Spektrum der Universität Paderborn im Bereich Open Access gleichwertig zu den Vergleichshochschulen ist. Ein besonderer Nachholbedarf scheint zumindest nach erster explorativer Analyse deutschlandweit aktuell nicht zu bestehen.
5.2 Online-Umfrage
Nach der Bestandsaufnahme der vorhandenen Aktivitäten und Angebote wurde im Frühjahr 2024 eine Online-Befragung aller wissenschaftlich tätigen Universitätsangehörigen durchgeführt, um ihren Kenntnisstand zum Thema Open Access zu ermitteln und weitere Bedarfe zu erheben (Meister et al., 2026). Dabei hat sich herausgestellt, dass von den 239 Befragten (entspricht ca. 13% des wissenschaftlichen Personals der Universität) überwiegend Antworten aus den Kulturwissenschaften (40,6%) eingingen, was auch ungefähr ihrem Anteil an der Universität entsprach. Die Besonderheit an dieser Fakultät ist, dass sie sehr groß ist und ein breites Fächerspektrum mit heterogener Publikationspraxis vereint. So publizieren die sozialwissenschaftlichen Fächer (Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Philosophie und Medienwissenschaft) eher mehr und häufiger in Zeitschriften, während die Sprachen (Anglistik, Germanistik, Romanistik) mehr Bücher publizieren und die Fächer Kunst, Musik, Geschichte und Theologie ein gemischtes Bild abgeben. Die Ergebnisse aus der Kulturwissenschaftlichen Fakultät zeigen, dass das Wissen über Open Access nach der Selbsteinschätzung bei den Sozialwissenschaften am höchsten ist, während die Sprachen den geringsten Kenntnisstand auswiesen und der Bereich Kunst, Musik, Geschichte, Theologie die größte Heterogenität aufwies. Insgesamt wird auch sichtbar, dass es einen abfallenden Wissenstand nach Statusgruppen gibt, wobei die Postdoktoranden und Professor:innen angaben, bereits viel über Open Access zu wissen und schon am meisten im Open Access publiziert hatten (mit 82,8% bzw. 82,1%), während die Doktorand:innen mit 46,9% noch relativ wenig Open Access publizieren und auch angeben, nur wenig Wissen über Open Access zu haben. Des Weiteren zeigte sich in der Befragung, dass die bestehenden Open-Access-Angebote der Universitätsbibliothek noch weitgehend unbekannt sind: Lediglich 28% der Befragten kennen die Open-Access-Verträge, nur 17,6% kennen die Schulungs- und Beratungsangebote. Insgesamt wünschten sich alle Teilnehmenden mehr Informationen und verschiedene Veranstaltungsformen wie kurze Videoformate, eine umfassendere Publikationsinfrastruktur, fachspezifische Workshops, Vorträge, Austauschformate oder auch Infotainment.
5.3 Neu entwickelte Maßnahmen
Auf der Grundlage der explorativen Vergleichsanalyse, der vorhandenen Hochschulstrukturen, der vorläufigen Schlussfolgerungen aus der Umfrage mit den ermittelten Bedarfen sowie des Modells der kollektiven Veränderungsbereitschaft wurden von den Projektpartner:innen zunächst verschiedene Maßnahmen entworfen, die relativ einfach umgesetzt werden konnten und die sich zugleich auf die Handlungsebenen „erkennbarer Nutzen“, „Transparenz und Sichtbarkeit“ sowie „Unterstützungsstrukturen und Qualitätsbedingungsmanagement“ des Modells der Kollektiven Veränderungsbereitschaft beziehen und einen Kulturwandel einzuleiten versprachen. Zu den umgesetzten Aktivitäten der universitätsinternen Kommunikation gehörten die folgenden Maßnahmen:
5.3.1 Open-Access-Website
Im Rahmen der Anpassung der Open-Access-Website der Universitätsbibliothek wurden Umstrukturierungen der vorhandenen Wissenselemente sowie eine Angleichung an das neue Corporate Design vorgenommen. Die vorangegangene literaturbasierte Analyse der ursprünglichen Webseite und des daraufhin erstellten Kriterienkatalogs identifizierte Überarbeitungspotenziale, wie z.B. Einheitlichkeit gewählter Abkürzungen, Übersichtlichkeit der Navigation und Orientierung auf der Webseite, Textlänge, fehlende visuelle und auditive Elemente. Anhand der Ergebnisanalyse wurde – in Kooperation mit dem Website-Team der Universitätsbibliothek – ein Prototyp für eine neue Website entwickelt und implementiert. Die überarbeitete Website zeigt nun eine optimierte Übersichtlichkeit, reduzierte Textlänge und ein ansprechenderes Design. Einige Informationen werden nun auf Unterseiten präsentiert, was den Gesamteindruck der Landingpage verbessert. Hinsichtlich des Modells der Kollektiven Veränderungsbereitschaft werden mit der überarbeiteten Website die Unterstützungsstrukturen und das Qualitätsbedingungsmanagement deutlich sichtbarer, auch wurde damit das Wissen um Open Access (Veränderungsmöglichkeit) erhöht sowie die Transparenz der Prozesse, wie z.B. die Antragsstellung zur finanziellen Unterstützung bei Open-Access-Publikationen, verdeutlicht. Diese Aspekte können Wissenschaftler:innen motivieren, sich verstärkt mit dem Thema Open-Access-Publikationen zu beschäftigen. Weitere Anpassungen der Open-Access-Website sind derzeit in Planung.
5.3.2 Online-Schulungen
Das bereits vorhandene Online-Schulungsangebot der Universitätsbibliothek konnte im Jahr 2024 um weitere Open-Access-Schulungsangebote, welche von einer Projektmitarbeiterin in Kooperation mit der Universitätsbibliothek entwickelt wurden, ergänzt werden. Die Schulungen umfassen u.a. Themen zu Grundlagenkenntnissen zu Open Access, Vorstellung der spezifischen Angebote der Universitätsbibliothek zu Publikationsmöglichkeiten und -finanzierung, Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, Lizenzen und unterschiedliche Publikationswege für Promovierende und fortgeschrittene Wissenschaftler:innen. Hier kommen insbesondere die Modell-Handlungsebenen Unterstützungsstrukturen und Qualitätsbedingungsmanagement zum Tragen sowie der individuelle erkennbare Nutzen für die Teilnehmenden. Zugleich förderten die Schulungen die Veränderungs- bzw. Handlungskompetenz der Teilnehmenden. Des Weiteren werden durch die Online-Schulungen Akteure und Prozesse der Universitätsbibliothek verstärkt in den Fokus gerückt, was wiederum zu einem wahrgenommenen Mehrwert für die Wissenschaftler:innen führen kann. Insgesamt wurden im Jahr 2024 neun 30-minütige Online-Schulungen über das Zoom-Konferenztool durch Mitarbeiterinnen der Universitätsbibliothek sowie durch eine OASE-Projektmitarbeiterin angeboten. Die Teilnahmequote an den Schulungen war zwar vergleichsweise gering, die Nachfrage nach weiteren Schulungen steigt jedoch kontinuierlich an. Die Online-Schulungen wurden aufgrund der geringen Teilnehmendenzahlen nur als Feedback erfasst und nicht statistisch ausgewertet.
5.3.3 Universitäts-Roadshow
Im laufenden Projektzeitraum konnte an allen Fakultäten eine „Roadshow“ durchgeführt werden, in welcher das Projekt OASE sowie die Bedeutung von Open Access an jeder einzelnen Fakultät der Universität im Rahmen der Fakultätsratssitzungen durch die Projektmitglieder gemeinsam mit der Open-Access-Beauftragten der Universität vorgestellt wurde. Das Ziel der Roadshow war es, den Dialog mit den Fakultätsmitgliedern aufzugreifen und das Bewusstsein für Open Access zu schärfen, um gemeinsam Maßnahmen zur Weiterentwicklung und Implementierung von neuen Open-Access-Strategien zu erarbeiten und die Akzeptanz und Nutzung von Open-Access-Publikationen zu verstetigen. Mit der Maßnahme sollte zugleich das Thema nicht nur in den Fakultätsräten, sondern auch im Präsidium und weiteren Selbstverwaltungsgremien etabliert werden. In der kulturwissenschaftlichen Fakultät fand das Thema große Resonanz, da dort konstatiert wurde, dass bei vielen Beteiligten eher von einem Halbwissen zu den Möglichkeiten von Open Access gesprochen werden kann, die Diskussionen hier intensiv geführt werden und ein hoher Bedarf an Information und Unterstützung sichtbar wird. Mit dem Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft lassen sich hier neben dem erkennbaren Nutzen für die eigenen Publikationen, der Sichtbarkeit der Open-Access-Akteure an der Universität sowie des Unterstützungsangebots auch die Handlungsebene der Abstimmung und Vernetzung verorten. Diese Maßnahme zahlt auch auf die Veränderungsmöglichkeit sowie die Veränderungskompetenz ein. Darüber hinaus erstreckt sich der erste Aspekt des Modells der kollektiven Veränderungsbereitschaft, Professionalität und Freiräume, in diesem Fall nicht nur auf die Fakultäten, sondern im Weiteren auch auf die Universitätsleitung, zur Umsetzung weiterer Maßnahmen.
5.3.4 Open-Access-Talks
Neu entwickelt wurde das interaktive Austauschformat „Open-Access-Talk“, welches in der bisherigen Projektlaufzeit dreimal in Präsenz und einmal online stattfand. Zunächst wurden in die Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek je zwei im Open Access aktive Wissenschaftler:innen der Universität eingeladen und von der Projektmoderation zu ihren Publikationspraktiken befragt, um so als Vorbilder an der Universität Raum zur Erfahrungsweitergabe zu bieten. Dabei wurde darauf geachtet, dass (fast) alle Fakultäten berücksichtigt wurden, um einen Austausch zwischen den Fachkulturen zu ermöglichen und die Breite an Aspekten und Praxen zu maximieren. Es konnten Perspektiven auf Open Access aus dem Bereich Sprachen, Naturwissenschaften, Informatik und Volkswirtschaft präsentiert werden.
Ergänzt wurden die Präsenz-Angebote durch eine Online-Veranstaltung im Rahmen der bundesweiten Open-Access-Week, um das Thema der Qualitätssicherung im Zeitschriften-Publikationsprozess mit zwei Experten aus den Sozialwissenschaften zu vertiefen und mit einem deutschlandweiten Online-Publikum intensiver zu diskutieren. Interessant erschien hierbei, dass gerade in den Sozialwissenschaften einzelne Fachgesellschaften (hier: Medienpädagogik) seit Jahren aktiv in diesem Feld unterwegs sind und auch einzelne Wissenschaftler Open-Access-Zeitschriften gründen und herausgeben (hier: Medienwissenschaften), die für viele Forschende in diesem Feld eine Vorreiterfunktion einnehmen.
In den Open-Access-Talks konnten die Teilnehmenden das Wissen zu Open Access durch die jeweils geladenen Expert:innen über ihre eigene fachdisziplinäre Sicht hinaus vertiefen und erweitern. Über die Vorbildfunktion von Kolleg:innen sollte gleichzeitig Raum zur Erfahrungsweitergabe ermöglicht werden. Während sich die ersten beiden Präsenzformate mit dem unterschiedlichen (Open-Access-)Publikationsverhalten in den verschiedenen Fachkulturen (mit Sichtweisen aus dem Bereich Sprachen, Naturwissenschaften, Informatik und Volkswirtschaft) beschäftigten, führte der Online-Talk in der Open-Access-Week das Thema „Qualitätssicherung im Publikationsprozess“ weiter aus. Das Online-Format zeigte besonders großes Interesse seitens der Zuhörer:innen innerhalb und außerhalb der Universität. Die Expertise von zwei Zeitschriftenherausgebern der Sozialwissenschaften war dabei sicher ein Faktor für die große Zuschauerresonanz bei diesem Format. In der inhaltsanalytischen Auswertung der Open-Access-Talks wird allerdings auch deutlich, dass das Wissen unter den Anwender:innen von Open-Access-Publikationen oft nicht vertieft ist. So werden Angebote, wie z.B. die finanzielle Unterstützung seitens der Universität zu Open-Access-Publikationsgebühren oder die Schulungs- und Beratungsangebote der Open-Access-Beauftragten, teilweise erstmalig in den Open-Access-Talks thematisiert. Eine weitergehende Auseinandersetzung mit diesen Themen findet meist nur im eigenen fachspezifischen Anwendungsfall statt.
Die Erfahrungen aus den Open-Access-Talks im Jahr 2024 führten dazu, dass in 2025 ein weiterer Open-Access-Talk speziell für „Einsteiger:innen“ kreiert wurde, um den Zugang zum Thema möglichst niederschwellig zu gestalten und aktuell relevante Fragen zu diskutieren. Dieser Open-Access-Talk wurde als workshopähnliches Format durchgeführt, fand gleichwohl jedoch nicht die erhoffte Resonanz, sodass Basisinformationen zukünftig in anderer Form vermittelt werden sollten. Schlussfolgernd sind die mit dem Open-Access-Talk avisierten Handlungsebenen des Modells der Kollektiven Veränderungsbereitschaft, der erkennbare Nutzen, die Sichtbarkeit der Open-Access-Akteure an der Universität sowie des Unterstützungsangebots als auch die Handlungsebene der Abstimmung und Vernetzung prinzipiell erreicht sowie die Veränderungsmöglichkeit und Veränderungskompetenz durch Wissensgenerierung weiter vertieft worden.
5.3.5 Workshops und ORCID-ID
Im Zuge der expliziten Einbindung von Early Career Scholars, d.h. Doktorand:innen und Postdocs, konnten zwei Open-Access-Projektworkshops, speziell adressiert an den wissenschaftlichen Nachwuchs, durchgeführt werden. Diese Gruppe zeigte sich in der zuvor genannten Umfrage mit großem Interesse an Fort- und Weiterbildungen zum Thema Open Access, insbesondere die Doktorand:innen allerdings auch mit sehr wenig Publikationserfahrung und Wissen über Open Access. In Kooperation mit einem Mentoring-Programm zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses an der Universität wurde ein Workshop speziell für Doktorandinnen aller Fakultäten an der Universität entwickelt, die grundsätzlich Interesse an Open Access haben. Der erste Workshop kann als Erfolg gewertet werden. Die Teilnehmenden gaben an, ihr Wissen zu Publikationsmöglichkeiten, Open Access und Reviewverfahren vertieft zu haben. Da die Veröffentlichungsmöglichkeiten im Open Access gerade auch für Doktorand:innen besonders relevant erscheinen und in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein besonders großes Interesse vorhanden war, findet der zweite Workshop für Early Career Scholars zum Thema ORCID-ID und KI-Literaturrecherche in Kooperation mit dem Graduiertenzentrum der Fakultät Kulturwissenschaften statt. Eine Evaluation erfolgt zeitnah. Im Zuge des Modells der kollektiven Veränderungsbereitschaft werden insbesondere die Early Career Scholars angesprochen (Schaffung von Veränderungsmöglichkeit und Erweiterung der Veränderungskompetenz), um erkennbaren Nutzen, die Sichtbarkeit der Open-Access-Akteure sowie das Open-Access-Unterstützungsangebot an der Hochschule auszuweiten. Damit einher geht ein weiteres Vorhaben, nämlich die ORCID-ID als digitale Visitenkarte hochschulweit zu propagieren und dazu auch die strukturellen Voraussetzungen über den Profilmanager des universitätsinternen IT-Systems zu schaffen.
Ein weiterer Workshop wurde in Kooperation mit dem Forschungsdatenmanagement-Team für die Nachwuchswissenschaftler:innen in der Fakultät Maschinenbau angeboten. Das Format wurde breit angenommen (knapp 30 Teilnehmende) und es entstand nach zwei Inputs eine lebhafte Diskussion.
5.3.6 Schnipseljagd
Angelehnt an spielerische Methoden im Unterricht entstand die Idee zur Schnipseljagd (bzw. Schnitzeljagd). Der zweistündige Spielablauf sollte den Teilnehmenden mittels eines fiktiven Artikelmanuskripts unterschiedliche Publikationswege näherbringen und dabei eine Verankerung der Lerninhalte und Wissensstrukturen als emotionale Erfahrungen beim eigenen aktiven Handeln ermöglichen. In Kooperation mit der Stabstelle Bildungsinnovationen und Hochschuldidaktik, welche durch eine Projektmitarbeiterin zur Unterstützung der Schnipseljagd vertreten wurde, sollten parallel die Themen Open Access und Open Educational Resources (OER) vermittelt werden. Durch unerwartete Krankheitsausfälle wurde das Format kurzfristig angepasst und als Informationstisch zu Open Access/OER im Eingangsbereich der Universität umgewandelt. Eine Wiederholung des ursprünglich geplanten Formats zur Evaluation ist angedacht. Neben den Modell-Handlungsebenen des erkennbaren Nutzens der Wissenserweiterung und des Unterstützungsangebots zum Thema Open Access fand unter Hinzuziehung des vierten Aspekts des Modells der kollektiven Veränderung, der „Abstimmung und Vernetzung“ eine Vernetzung mit den Akteur:innen Open Science und Open Educational Resources vor Ort statt, um so dem Anliegen der Offenheit an der Universität mehr Sichtbarkeit zu geben. In diesem Kontext werden gegenwärtig zukünftige gemeinsame Veranstaltungen geplant, die auf die Komplexität des Sachverhalts aufmerksam machen und eine nachhaltige Einbettung aller drei Bereiche, Open Access, Open Educational Ressources und Open Science, ermöglichen.
6 Diskussion
In der Ergebnisdarstellung präsentieren sich einige Faktoren, die einen Open-Access-Kulturwandel derzeit noch erschweren. Zunächst müssen die unterschiedlichen Fachkulturen und -publikationsvorgehensweisen als relevante Variablen in der Adressierung gewünschter Veränderungen einbezogen werden. Insbesondere im direkten Vergleich der Geisteswissenschaften zu den Natur- und Sozialwissenschaften zeigt sich die Fächerdiversität deutlich: In den Geisteswissenschaften, in den vorrangig wissenschaftliche Netzwerke und die Veröffentlichung in Buch- und Sammelbandpublikationen dominieren (Huang et al., 2020), finden metrische Messverfahren nur selten Anwendung. Dahingehend werden alternative Veröffentlichungsformen jenseits der klassischen Verschriftlichung, wie z.B. Datenpublikationen und mediale Formate, angestrebt (Jewitt et al., 2011; Pooley, 2022). International orientierte sozialwissenschaftliche Disziplinen orientieren sich hingegen oft an quantifizierenden Messverfahren, z.B. Journal-Impact-Faktoren (Hobert et al., 2021; Momeni et al., 2023) und Zitationsindizes wissenschaftlicher Datenbanken (Gärtner et al., 2024), um Fachreputation in ihrer Community zu erlangen bzw. beizubehalten. Auf dem Weg zu einem Open-Access-Kulturwandel sind neu gegründete Open-Access-Zeitschriften (Piwowar et al., 2018) sowie fachdisziplinäre und interdisziplinäre Preprint-Repositorien, wie es beispielsweise die Naturwissenschaften vorleben, wichtige Weichensteller und Zwischenlösungen, die insbesondere auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften zu wesentlichen Bezugsgrößen werden können. Repositorien allein können jedoch nicht das finale Ziel sein, um die Transformation hin zu einer Open-Access-Kultur vorzunehmen, da die dort eingestellten Veröffentlichungen kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen (Biesenbender et al., 2024). Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen und fachspezifischen Anforderungen gestaltet sich die Adressierung eines (Fach-)Kulturwandels hin zu einer tatsächlichen Open-Access-Transformation dementsprechend schwierig.
Feststellen lässt sich zu diesem Zeitpunkt bereits, dass in allen hier untersuchten wissenschaftlichen Disziplinen ein großes intrinsisches Interesse an einem Kulturwandel hin zu Open Access gegeben ist. In der Datenerhebung des OASE-Projekts verstärkt sich allerdings auch der bereits aus der wissenschaftlichen Literatur bekannte Effekt des fehlenden Wissens um Open-Access-Publikationsmöglichkeiten der individuellen Forschenden bzw. der vorrangigen Informationsweitergabe im eigenen fachlichen Netzwerk (Biesenbender et al., 2024). Die Auswertung der bereits durchgeführten Maßnahmen zeigt deutlich, dass die bestehenden Angebote der Universitätsbibliothek, wie z.B. Schulungen zu Open Access, finanzielle Förderung von Open-Access-Publikationen sowie die Open-Access-Policy der Universität, unter den wissenschaftlich Beschäftigten der meisten Fakultäten noch wenig bekannt sind bzw. kaum genutzt werden. Das Wissen um bestehende und zukünftige Angebote und Möglichkeiten zum Open-Access-Publizieren kann demnach in der Zielgruppe deutlich erweitert werden. Dies zeigt zugleich, im Einklang mit der Handlungsebene Professionalität und Freiräume des Modells der Kollektiven Veränderungsbereitschaft (Graf-Schlattmann et al., 2020), dass die Hochschule eher im Hintergrund agiert und als Organisation selbst wenig Einfluss auf die Publikationsentscheidungen der Autor:innen ausüben kann, wenngleich sie ihre Wissenschaftler:innen mit Open-Access-Leitlinien, -maßnahmen und finanzieller Förderung von Open-Access-Publikationen unterstützt. Zukünftig sollten nicht nur die Informationsbedarfe, sondern auch die Entscheidungskriterien der Wissenschaftler:innen für Open-Access-Publikationen anders adressiert werden. Dabei kann die Vision einer unterstützenden und förderlichen Kulturentwicklung beibehalten werden, welche als Prozess gedacht die langfristige Transformation in den Blick rückt, ohne dass die Universität dabei als zentrales Steuerungsorgan auftritt.
In der Evaluation der bisher umgesetzten Maßnahmen traten weitere Variablen in Erscheinung, die zu einer aktiven Förderung eines Kulturwandels hin zu Open Access berücksichtigt werden sollten. Zunächst ist es relevant, die verschiedenen wissenschaftlichen Statusgruppen und ihre jeweiligen Informationsbedarfe und -zeitressourcen einzubeziehen. Insbesondere die Statusgruppe der Doktorand:innen gab in der Umfrage an, noch wenig Wissen über Open Access und wenig Publikationserfahrung zu haben, dafür jedoch verhältnismäßig mehr Zeit, um sich intensiver mit ebendiesen Themen zu beschäftigen. Die projektseitig entwickelten Maßnahmen, die sich speziell an weniger erfahrene Wissenschaftler:innen richten, wie z.B. Schnipseljagd, Online-Schulungen und ein Open-Access-Talk für Einsteiger:innen wiesen jedoch nur sehr geringe Teilnehmendenzahlen auf. Es ist ferner zu überlegen, inwiefern andere Maßnahmen die Zielgruppe besser erreichen bzw. ansprechen können, um die bestehenden Informationsbedarfe zu adressieren. Andererseits spiegelt die große Resonanz der Universitäts-Roadshow an den fünf Fakultäten sowie die Workshops die Relevanz der thematischen Platzierung und Implementierung von Open-Access-Publikationsstrategien in Hochschulstrukturen wider. Gerade die kulturwissenschaftliche Fakultät fühlte sich aufgrund ihrer heterogenen Fächerstruktur angesprochen, um weitere Bedarfe und Unterstützungsmöglichkeiten auszuloten. Grundsätzlich scheint es somit in allen Statusgruppen großes Interesse und Informationsbedarfe an Open-Access-Publikationsmöglichkeiten zu geben, die wiederum in zukünftigen Maßnahmen jeweils angepasst an ihren individuellen Wissensstand, ihr Zeitbudget und ihre jeweilige Fachkultur angesprochen und ausgebildet werden müssen. Das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft bietet dazu eine gute Basis, um weitere Maßnahmen abzuleiten und in der Projektlaufzeit zu erproben.
7 Schlussfolgerung und Ausblick
Dieser Beitrag untersuchte die Frage, was Hochschulen leisten können, um bestehende Publikationsgewohnheiten von Wissenschaftler:innen insbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zu verändern und eine partizipative Open-Access-Kultur zu fördern. Es zeigt sich in der Auswertung empirischer Erhebungen und durchgeführter Maßnahmen, dass zunächst eine Informations- und Wissensbasis unter den wissenschaftlichen Beschäftigten geschaffen werden muss, um einen Kulturwandel einleiten zu können. So hat sich seit Beginn der Open-Access-Transformation bis heute eine Art Zwischenkultur etabliert, die aktuell zwar Bereiche der ursprünglichen Open-Access-Vision umsetzt, wie z.B., dass Leser:innen für das Online-Lesen und Downloaden wissenschaftlicher Open-Access-Veröffentlichungen nicht bezahlen müssen. Jedoch lässt sich auch beobachten, dass die derzeitige Zwischenkultur vor allem das Verlagswesen stärkt, indem hohe Buch-, Buchkapitel- oder Artikelpublikationsgebühren für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse von den Autor:innen bzw. von ihren jeweiligen Forschungsinstitutionen und Hochschulen verlangt werden. Demnach werden wissenschaftliche Erkenntnisse, de facto Allgemeingut (Budapest Open Access Initiative, 2002), in wirtschaftlich agierenden Verlagen zugunsten einer hohen Reichweite gegen Gebühr publiziert – unter der Voraussetzung, dass Wissenschaftler:innen selbst, ihre Hochschule oder Forschungsorganisation oder Dritte, wie z.B. Drittmittelfördergeber:innen, finanzielle Mittel zur Open-Access-Verlagsveröffentlichung investieren können. Diese Finanzlücke muss geschlossen werden, was insbesondere für Forschende im Globalen Süden eine Herausforderung darstellt, aber auch für die national und international agierenden Geisteswissenschaften, die der Tradition nach eher kostenintensive Buchkapitel und Bücher publizieren sowie für weniger finanzstark aufgestellte Fachdisziplinen ein Ausschlusskriterium sein kann. Alternativ müssen attraktive Optionen im sogenannten Diamond Open Access durch die Fachcommunities gemeinsam mit institutioneller Unterstützung geschaffen werden. Dazu braucht es grundsätzlich gut informierte und handlungsfähige Wissenschaftler:innen in allen Fachcommunities und Statusgruppen, die sich zunächst eine ausreichende Wissensbasis über Open Access, Publikations- und Finanzierungsmodelle sowie über Verlagsstrukturen und Handlungsmöglichkeiten aneignen müssen, um die notwendige Veränderungskompetenz aufzubauen und Veränderungsmöglichkeit im Rahmen der hochschulischen Strukturen mitzugestalten. Sodann können sie z.B. als Multiplikator:innen innerhalb ihrer Communities, Hochschulen und wissenschaftlichen Netzwerke Informationen weitergeben und den Transformationsprozess aktiv mitgestalten.
Eine evaluative Erfolgsmessung des Projekts ist aufgrund der zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossenen Datenerhebung nicht möglich. Weitere Forschung in diesem Bereich ist wünschenswert, um nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene vergleichbare Ergebnisse zu erzielen und den weltweiten Open-Access-Kulturwandel zu unterstützen. Es lassen sich jedoch bereits jetzt Aspekte identifizieren, welche dazu beitragen können, den gewünschten Kulturwandel einzuleiten. Das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft greift insbesondere den Aspekt der Veränderungskompetenz auf. Die Handlungs- und Entscheidungskompetenz muss unter den Akteur:innen erst vorhanden sein bzw. entwickelt werden, um systematisch Entscheidungen für Publikationsorte und -organe zu treffen. Darüber hinaus sind fehlende finanzielle Ressourcen sowie unattraktive Angebote im Bereich der Open-Access-Monografien und Diamond-Open-Access-Journale, wie z.B. derzeit hohe Veröffentlichungsgebühren für Bücher und fehlende Anschlussfinanzierung zur Förderung von neu gegründeten Open-Access-Journalen, akute Hemmnisse hinsichtlich der vom Modell vorgesehenen Veränderungsmöglichkeit. Solange weder Veränderungskompetenz noch Veränderungsmöglichkeit erreicht wurden, kann die Kollektive Veränderungsbereitschaft nicht zu einem tatsächlichen Kulturwandel beitragen.
Als weitere Akteure müssen daher zukünftig zudem Universitätsbibliotheken und weitere Handelnde im sogenannten Third Space aktiv werden und sich als Kollektiv formieren, um neue Angebote, Maßnahmen und Praktiken zu entwickeln, um einen Open-Access-Kulturwandel zu unterstützen und zu akzelerieren. Eine zentrale Aufgabe kommt in diesem Zusammenhang den Fachgesellschaften zu. Sie sind es, die eine Open-Access-Kultur maßgeblich mitprägen können, indem beispielsweise eigene Open-Access-Zeitschriften gefördert werden und die Fachcommunity so die Option erhält, ihre Forschungsergebnisse peer-reviewed (und mit zunehmendem Impact-Faktor) zu veröffentlichen. Dazu braucht es Initiativen von Multiplikator:innen sowie Anreizsysteme, um diese Entwicklungen zu befördern. Ein solches Unterstützungssystem könnte etwa von großen Fördermittelgeber:innen mit aufgebaut werden.
Es bedarf aber auch der Aktivitäten aus den Hochschulen und Fakultäten heraus, die einen entsprechenden Kulturwandel befürworten und den Wissenschaftler:innen Rückhalt und Unterstützung zusichern. Hochschulen können diesbezüglich beispielsweise die notwendige technologische Infrastruktur bereitstellen, Fort- und Weiterbildungsangebote für alle Statusgruppen zu Open Access (als Teil von Open Science) ausbauen und verstetigen und ihre Wissenschaftler:innen aktiv darin bestärken, vertrauenswürdige Open-Access-Publikationsmöglichkeiten zu nutzen. In diesem Zuge sind insbesondere die Hochschulleitungen dazu aufgefordert, mit neuen finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen zu unterstützen. Erste Überlegungen in diesem Bereich erstrecken sich auf interne Anreizsysteme, wie z.B. die Förderung von internen Open-Access-Projekten, die Übernahme höherer Publikationsgebühren oder die werbewirksame Darstellung von wissenschaftlichen Vorreitern auf den Webseiten der Hochschulen. Auch die Empfehlung, alle Dissertationen und sehr guten Bachelor- und Masterarbeiten über hausinterne Repositorien zu veröffentlichen, bedarf der aktiven Unterstützung durch die Universitätsleitung, um das Thema Open Access allen Universitätsmitgliedern schon in einer frühen Karrierephase bekannt zu machen und bereits in dieser Phase die Vorteile der öffentlichen Zugänglichkeit als Gewinn und Privileg erleben zu können. Das kann dann bis hin zur Erörterung von Open-Access-Publikationen bei Berufungsverhandlungen oder Zielvereinbarungen reichen, die als aktives Steuerungselement der Hochschulleitung genutzt werden kann, wie es beispielsweise derzeit in der Psychologie gefordert wird (Gärtner et al., 2023).
Die bisherige – oft passive – Angebots- und Erwartungshaltung von Hochschulen, wie z.B. die Implementation einer Open-Access-Policy oder einer Open-Access-Website bietet Wissenschaftler:innen zwar erste Anhaltspunkte zur Information, jedoch keine aktive Heranführung und Begleitung im oft noch unbekannten Themenbereich Open Access. Um einen tatsächlichen Kulturwandel zu initiieren, müssen hochschulische Maßnahmen die Notwendigkeit des Transformationsprozesses sehr viel stärker betonen und dabei die interne Öffentlichkeitsarbeit für Open Access und Open Science intensivieren. In einem zweiten Schritt könnten sodann hochschulinterne Unterstützer:innen gefunden werden, welche das Konzept und die Idee von Open Access in ihre jeweiligen nationalen und internationalen Communities zurückspiegeln und weiterverbreiten. Nach dieser Idee des Kreislaufmodells können Hochschulen als Institutionen dann aktiv dazu beitragen, den Kulturwandel zu formieren und die Open-Access-Transformation mitzugestalten.
So lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt resümieren, dass die Vision – Open access for everyone – ein erstrebenswertes Ziel ist, das von allen Akteur:innen definitiv weiterverfolgt werden sollte, um einen gelebten Open-Access-Kulturwandel zu erreichen und die von Geistes- und Sozialwissenschaftler:innen getragene Bestrebung zum Verlassen der aktuellen Zwischenkultur zu unterstützen.
Danksagung
Die Autorinnen danken allen derzeitigen und ehemaligen Projektmitarbeiter:innen, Sina Gatenbrink, Vivian Hammermüller, Claudia Kirschtein, Alexandra Simopoulos, Christopher Wulf und Nora Skade für ihren unermüdlichen Einsatz im Zuge der Kreation, Umsetzung, Evaluation und Prüfung der verschiedenen Projektbereiche.
Autor:innenbeiträge
Die Autorinnen haben den Artikel gemeinsam verfasst. Das Modell der Kollektiven Veränderungsbereitschaft wurde in einem vorangegangenen Projekt (QuaSiD – Qualitätssicherung in der Digitalisierungsstrategie: Erfolgsfaktoren und Akteurskonstellationen bei der Verbreitung und Verankerung) von den Autorinnen Gudrun Oevel und Dorothee Meister gemeinsam mit den QuaSiD-Projektbeteiligten entwickelt. Die Maßnahmenumsetzung und -evaluation des Projekts OASE erfolgte gemeinsam mit Projektmitarbeitenden während der Projektlaufzeit.
Datenverfügbarkeit
Die in diesem Forschungsprojekt erhobenen Daten können aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Projektlaufzeit noch nicht veröffentlicht werden. Eine spätere Einbettung über ein Repositorium wird derzeit geprüft.Finanzierung
Diese Publikation ist aus dem Projekt „OASE - Systematische Entwicklung einer Open Access-Kultur an der Universität - eine entwicklungsorientierte empirische Case Study“ entstanden. Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit dem Kennzeichen 16KOA020 gefördert.Interessenskonfliktstatement
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.Referenzen
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Daten zur Förderung
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Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
Nummer der Förderung 16KOA020


