Wie schützt man Kulturgüter?
Ein Interview mit Eva Kraemer über den Notfallverbund für Kulturgutschutz Hamburg
DOI:
https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.288Schlagworte:
Notfallverbund, Kulturgut, NotfallmanagementBegutachtung
Abstract
Zum Schutz unserer Kulturgüter und Bibliotheksbestände ist eine präventive Notfallvorsorge unerlässlich. Um sich dabei gegenseitig unterstützen und austauschen zu können, ist die Einrichtung eines Notfallverbundes durch Museen, Bibliotheken oder Archive möglich. Um gemeinsam ihre Bestände vor Gefahren zu schützen, wurde in Hamburg im Jahr 2024 der Notfallverbund für Kulturgutschutz gegründet. Die Leiterin der ständigen Arbeitsgruppe des Notfallverbundes, Eva Kraemer, gibt in einem Interview Einblicke in die Arbeit und Gründungsgeschichte des Hamburger Verbundes und zeigt auf, wie sich die Einrichtungen untereinander bei der Notfallvorsorge unterstützen können.
1 Einleitung
In Hamburg gibt es viele Einrichtungen, die unterschiedliches Kulturgut verwahren. Um den Schutz dieser wichtigen Bestände gemeinsam besser gewährleisten zu können, wurde im Oktober 2024 der Notfallverbund für Kulturgutschutz Hamburg offiziell gegründet (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 2). Der Verbund besteht aktuell aus neun Mitgliedern (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 1), wobei das Staatsarchiv die Federführung übernommen hat (Isermann 2024). Das Vorhandensein einer Alarmierungsstruktur und einer durchgeführten Risikoanalyse waren Voraussetzung für die Einrichtungen zur Teilnahme an der Gründung des Notfallverbunds (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 7).
Bedrohliche Notfälle für Kulturgüter können vielfältig sein: Naturkatastrophen, bewaffnete Konflikte oder technische Defekte, die zum Beispiel einen Brand auslösen können. Um auf solche Situationen besser vorbereitet zu sein und somit den Schaden minimieren zu können, wird ein Notfallplan aufgestellt (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 2). Dieser enthält zum Beispiel Baupläne der Einrichtung, Kontaktlisten der zuständigen Ansprechpersonen, Orte und Anzahl des Notfallmaterials (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 7).
Um die Entwicklungsstände des Notfallmanagements in den verschiedenen teilnehmenden Einrichtungen in Beziehung setzen zu können, wurde ein System mit sieben Leveln erstellt. Die ersten beiden Level umfassen die Alarmierungsstruktur mit festgelegten Zuständigkeiten und Telefonnummern sowie die Risikoanalyse, bei der Gefahrenszenarien und ihre Wahrscheinlichkeiten geprüft werden. Danach ist in Level 3 die Beschaffung des nach der Risikoanalyse notwendigen Notfallmaterials vorgesehen, zum Beispiel Material zur Bergung und Erstversorgung des Kulturgutes, aber auch Materialien, mit denen der Rettungsprozess dokumentiert wird. Der Notfallplan soll in Level 4 erstellt werden und alle vorher gesammelten Informationen in einer gemeinsam erarbeiteten Vorlage enthalten. In Level 5 ist die Gründung einer Notfallgruppe aus Mitarbeitenden mit verschiedenen Expertisen, zum Beispiel im konservatorischen und haustechnischen Bereich, geplant. Diese soll sich regelmäßig treffen und auch mit der Polizei und Feuerwehr in Kontakt stehen. Der nächste Schritt sind regelmäßige Notfallübungen, bei denen Schadensfälle aus der Risikoanalyse mit Maßnahmen aus dem Notfallplan geprobt und evaluiert werden. In Level 7 sollen Laufkarten zur Kulturgutrettung erstellt werden. Das sind Raumpläne, in denen beispielsweise das Kulturgut und dessen Bergungspriorität eingezeichnet sind (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 7).
Koordiniert wird der Notfallverbund durch eine Lenkungsgruppe, in der gemeinsam mindestens einmal im Jahr eine Sitzung mit Stellvertretungen aller Teilnehmenden abgehalten wird. Die praktischen Umsetzungen liegen in der Hand der ständigen Arbeitsgruppe, die sich aus den Beschlüssen der Lenkungsgruppe ableiten (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 3). Die ständige Arbeitsgruppe kann zu ihrer Aufgabenerledigung zusätzlich Untergruppen bilden, beispielsweise eine Unter-Arbeitsgruppe, die Besichtigungen für die Vorbereitung von Notfallübungen und zur Notfallvorbereitung in allen teilnehmenden Einrichtungen organisiert. Treffen der ständigen Arbeitsgruppe sind zweimal jährlich angedacht und genau wie die Lenkungsgruppe mit Stellvertretungen aller Teilnehmenden besetzt (Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv 2024: 4).
Eva Kraemer ist im Staatsarchiv Hamburg im „Referat ST13 Erhaltung analogen Archivguts, Notfallvorsorge und Katastrophenschutz für Kulturgut” tätig und Leiterin der ständigen Arbeitsgruppe des Notfallverbundes für Kulturgutschutz in Hamburg. Im Interview gibt sie einen Einblick in die Gründung, Erfolge und weiteren Pläne für die nächsten Jahre.
2 Interview
Wie kam es zur Gründung des Notfallverbundes und welche Ziele standen dabei im Vordergrund?
Zur Gründung kam es, weil sich nach den bekannten nationalen und internationalen Notfällen und Katastrophen die Einsicht durchgesetzt hat, dass eine Vernetzung erforderlich ist, weil Notfälle nur selten allein bewältigt werden können. Die Absicht, einen Notfallverbund zu gründen, bestand zwar bereits länger. Entscheidend dafür, dass dies nun realisiert werden konnte, waren zwei Faktoren. In der BKM/Staatsarchiv1 konnte sich aufgrund der Schaffung einer neuen Stelle eine Kollegin federführend um den Gründungsprozess kümmern, was für das Gelingen essenziell war. Gleichzeitig wurde die Gründung auch politisch unterstützt und alle beteiligten Einrichtungen hatten ein hohes intrinsisches Interesse. Unsere Ziele fasst die Präambel der Vereinbarung sehr gut zusammen: „Das Ziel des Notfallverbunds besteht darin, die vorhandenen Ressourcen (Personal und Sachmittel) im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten im Notfall zum Schutz des Kulturgutes zusammenzuschließen und die zu leistenden Aufgaben in gegenseitiger Unterstützung zu bewältigen. Ferner dient der Notfallverbund als Forum zum wechselseitigen Austausch zu Fragen der Notfallprävention sowie für Angelegenheiten der gemeinschaftlichen Notfallvorbereitung.”
Welche Erfahrungen haben Sie im ersten Jahr gesammelt? Gab es unerwartete Herausforderungen oder besonders positive Entwicklungen?
Im ersten Jahr nach Gründung waren wir schon gut in der gemeinsamen Arbeit angekommen, weil der Gründungsprozess sich, wie bei den meisten Notfallverbünden, über mehrere Jahre hinzog und wir deshalb vor Vertragsunterschrift schon einige Dinge angestoßen hatten, wie die konzentrierte Arbeit an der eigenen Notfallvorsorge aller Mitglieder, die für das Funktionieren des Notfallverbunds essenziell ist. Der Aufbau der Notfallvorsorge erwies sich als Herausforderung, weil in vielen Häusern keine finanziellen und personellen Mittel dafür vorgesehen waren. Das deckt sich mit Erfahrungen aus zahlreichen anderen kulturgutbewahrenden Institutionen. Die Gründung des Notfallverbundes führte dazu, dass die Notfallvorsorge nun bei allen Mitgliedern vorangeht, was als großer Erfolg der Verbundgründung angesehen werden kann.
Wurde das Ziel erreicht, die Notfallplanung bis Level 7 umzusetzen? Falls nicht, welche Schritte stehen noch aus und gibt es neue Zielsetzungen?
Bisher wurde die Notfallplanung der einzelnen Institutionen noch nicht von allen bis Level 6 umgesetzt, es sind aber alle auf einem guten Weg. Für den letzten Level, Level 7, die Laufkarten zur Kulturgutrettung, sind wir gerade in Abstimmung mit der Feuerwehr, daran arbeiten wir, wenn wir eine gemeinsame und abgestimmte Laufkartenvorlage haben.
Worin genau besteht die gegenseitige Unterstützung (personell und sachlich)?
Wir möchten uns gegenseitig vor allem in vier Punkten unterstützen (was weitere Unterstützung natürlich nicht ausschließt):
Mit Expertise: Wir tauschen uns außerhalb des Notfalls viel über unsere Erfahrungen mit der eigenen Notfallvorsorge aus und profitieren sehr von den Erfahrungen aller Häuser; fachliche Expertise im Notfall zu teilen ist ebenfalls essenziell, z.B. zu verschiedenen Fachbereichen der Restaurierung.
Mit personeller Unterstützung im Notfall, z.B. bei Großschadenslagen, bei denen innerhalb kurzer Zeit viele, im Idealfall bereits geschulte Helfende gebraucht werden, die bei Bedarf auch ungeschulte Helfende einweisen können.
Mit Material/Geräten: Wir halten zwar alle eigene Notfallboxen mit Materialien zur Erstversorgung vor. Wir unterstützen uns aber, falls das eigene Erstversorgungsmaterial nicht reicht oder Geräte schnell benötigt werden.
Mit Lagerflächen: Falls havariertes Kulturgut im Notfall kurzfristig umgelagert werden muss, weil die Räumlichkeiten nicht mehr zur Lagerung geeignet sind.
Die teilnehmenden Institutionen haben sehr unterschiedliche Bestände. Neben Bibliotheken und Archiven sind auch Museen beteiligt. Wie schafft man es, dass die unterschiedlichen Kulturgüter in dem gemeinsam geplanten Notfallmanagement berücksichtigt werden können?
Die Aufgabe unseres Verbundes ist nicht, das Notfallmanagement der einzelnen Institutionen gemeinsam zu planen, für die eigene Notfallvorsorge sind alle Häuser selbst verantwortlich, wir tauschen uns aber darüber aus und profitieren dabei von den Erfahrungen der anderen. Das bedeutet auch, dass jedes Haus das eigene Notfallmanagement auf die eigenen Kulturgüter zuschneidet. Was wir gemeinsam planen, ist die Alarmierung und Funktionsweise des Verbundes im Notfall, dabei sind die unterschiedlichen Kulturgüter kein Problem.
Wie kann man sich eine typische Notfallübung vorstellen? Welche Szenarien werden geprobt?
Wir haben als Verbund bisher keine gemeinsamen Notfallübungen durchgeführt, planen das aber in Zukunft. Alle beteiligten Institutionen führen erst einmal eigene Notfallübungen in ihren Institutionen durch.
Im Staatsarchiv gibt es inzwischen jedes Jahr eine Übung zur Erstversorgung für die hausinterne Notfallgruppe, dabei hatten wir ganz unterschiedliche Übungsthemen, z.B. Alarmierung, Erstversorgung von verschiedenen Arten von Archivalien (Akten, Bücher, Fotos, Fotoalben, Glasplattennegative, Filmrollen, Plakate, Kunstdruckpapier…), Übung von geplanten Abläufen zur Erstversorgung, Aufbau der Erstversorgungsstationen, Bergung von havariertem Archivgut, Dokumentation... Bei uns bezogen sich alle Übungsszenarien bisher auf Havarien mit Wasser, bei denen Archivgut nass geworden ist. Ich stelle dann Übungsarchivgut her, das ich unter Wasser setze, und die Übungsleitung leitet die Gruppe an, wie das Übungsarchivgut geborgen und erstversorgt werden soll. Ziel der Übungen ist es, geplante Abläufe zu prüfen und zu verbessern und der Notfallgruppe die Sicherheit zu geben, eine Erstversorgung im Bedarfsfall auch ohne Restaurator*innen durchzuführen und auch eigene Lösungen im Notfall zu entwickeln, wenn es keine vorbereitete Lösung gibt. Nach jeder Übung gibt es eine Nachbesprechung, nach der ich Abläufe verbessere, weitere Materialien zur Erstversorgung beschaffe, Wünsche für zukünftige Übungen aufnehme etc. Auch für den Notfallverbund werden gemeinsame Übungen sehr hilfreich sein, u.a. für die Übung der Zusammenarbeit, die Erlangung von Sicherheit im Notfall und die Prüfung von geplanten Abläufen, z.B. bei der Alarmierung.
Gab es konkrete Fälle, in denen die Zusammenarbeit bereits einen Schaden verhindert oder minimiert hat?
Wir haben bisher Glück gehabt, dass der Notfallverbund noch nicht zum Einsatz kommen musste. Im Notfall ist es aber immer besser, vorbereitet zu sein, weil schnell gehandelt werden muss, deshalb haben wir nun mit dem Notfallverbund eine wichtige Ressource für die gegenseitige Unterstützung geschaffen.
Der Verbund startete 2024 mit neun Gründungsmitgliedern. Konnten Sie weitere Institutionen gewinnen? Wenn ja, welche Vorteile bringt die Erweiterung?
Damit wir als Verbund in eine gute Zusammenarbeit kommen, haben wir uns entschlossen, bis zwei Jahre nach Gründung erstmal keine neuen Mitglieder aufzunehmen.
Welche Kriterien müssen interessierte Institutionen mitbringen, um beitreten zu können? (z. B. Mediengröße, Anbindung an Land Hamburg,…?)
Zurzeit werden Kriterien für die Öffnung des Notfallverbundes oder die Partizipation am Notfallverbund erarbeitet.
Gibt es Austausch oder Zusammenarbeiten mit anderen Notfallverbünden in Deutschland oder sogar international?
Über das bundesweite Arbeitstreffen der Notfallverbünde, das das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe einmal im Jahr veranstaltet und an dem wir seit 2022 regelmäßig teilnehmen, und über Fortbildungen im Bereich Notfallvorsorge für Kulturgut sind wir als Verbund inzwischen deutschlandweit gut vernetzt. Der Austausch mit Fachkolleg*innen ist dabei sehr hilfreich, weil andere Notfallverbünde, die schon länger bestehen, konkrete Erfahrungen mit uns teilen können.
Haben Sie weitere Entwicklungspläne für die Zukunft?
Wir möchten als Verbund im Notfall, wenn Kulturgut betroffen ist, uns schnell und effektiv gegenseitig unterstützen können. Wir möchten uns gerne mit der Feuerwehr und anderen Blaulichtorganisationen vernetzen und als Fachpersonen für Kulturgut bei den Katastrophendienststäben in Hamburg bekannt sein. Wir möchten gerne gemeinsame Übungen zur Erstversorgung von Kulturgut durchführen, uns weiter vernetzen und vielleicht gibt es ja auch irgendwann die Möglichkeit, einen gemeinsamen Container für den Notfallverbund mit Materialien zur Erstversorgung und Arbeitsplätzen im Notfall nach dem Vorbild des Abrollcontainers Kulturgutschutz des Notfallverbunds Köln 2 anzuschaffen. Es gibt also viel zu tun.
Literatur
Behörde für Kultur und Medien - Amt Staatsarchiv (Hrsg.) (2024): Notfallverbund Hamburg - Vereinbarung über die gegenseitige Unterstützung in Notfällen[16.12.2025].
Isermann, Enno (2024): Notfallverbund Für Kulturgutschutz in Hamburg Gegründet - Hamburg.De, [online] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/behoerde-fuer-kultur-und-medien/aktuelles/notfallverbund-fuer-kulturgutschutz-gegruendet-981478 [13.12.2025].
Erhalten
Akzeptiert
Veröffentlicht
Ausgabe
Rubrik
Lizenzinformation
Copyright (c) 2026 Katharina Köditz

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.

