Die Gemeindebibliothek Adendorf als Begegnungsort

Einblicke in mein Praktikum

  • Olga Reiswich Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland
    Studierende im 5. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

DOI:

https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.286

Schlagworte:

Praxissemester, Praktikum, Gemeindebibliothek, Dritter Ort, Veranstaltungen

Begutachtung

  • Helen Krämer Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland
  • Harriet Matzen Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland

Abstract

Öffentliche Bibliotheken können insbesondere in kleinen Kommunen als wichtige Einrichtung, eine Schlüsselrolle im sozialen Leben der Gesellschaft spielen. Sie ermöglichen den Zugang zu Informationen und tragen aktiv zum kulturellen Austausch in der Gemeinde bei. Während meines studentischen Praktikums hatte ich die Gelegenheit, die Aufgaben und Angebote in einer öffentlichen Bibliothek kennenzulernen. Dabei konnte ich nicht nur einen Einblick in die bibliothekarische Tätigkeit gewinnen, sondern auch beobachten, wie die Bibliothek als Begegnungsort von Menschen mit unterschiedlichem Alter und Herkunft fungiert. Im Praktikumsbericht werde ich die Einrichtung vorstellen, meine Tätigkeiten und Erfahrungen aus dem Praktikum und die Bedeutung der Bibliothek als „Dritter Ort“ in der Gemeinde Adendorf reflektieren.

1 Die Bibliothek Adendorf

Im niedersächsischen Adendorf wurde im Jahr 1956 eine Gemeindebibliothek eröffnet, die später in ihren aktuellen Standort neben dem Rathaus umzog. Das Bibliotheksgebäude ist in einen Wohn- und Gemeinschaftsbereich mit Cafés, Geschäften rund um den Marktplatz integriert. Dank ihrer zentralen Lage ist die Bibliothek ein Anziehungspunkt für die Menschen vor Ort, u.a. auch für die Bewohner*innen des naheliegenden Altenheimes. Die Bibliothek bietet WLAN und Zugang zu technischer Ausstattung wie Tablets, E-Readern, Kopfhörern, Scannern und einem 3D-Drucker. Neben der digitalen Technik bildet das vielseitige Medienangebot einen zentralen Baustein für die Attraktivität der Einrichtung und für die steigende Zahl der Besucher*innen. Die Bücherei Adendorf verfügt insgesamt über rund 12.000 Bücher, neben der Belletristik und Sachbüchern auch Kinder- und Jugendliteratur. Die Mitglieder der Bücherei haben darüber hinaus einen freien Zugang zu 17.365 E-Medien (E-Books, E-Audio, E-Video und E-Musik) und fast 400 Zeitschriften. Die Interessen der Nutzer*innen sowie die Aktualität der Medien sind wesentliche Auswahlkriterien für den Bibliotheksbestand.

2 Meine Tätigkeiten und Praktikumserfahrungen

Mein erster Arbeitstag war am 10.09.2024. Als ich am diesen Tag ankam, wurde ich von der Leitung begrüßt und den Mitarbeiter*innen vorgestellt. Der erste Arbeitstag verlief ruhig. Mich hat man im Haus herumgeführt, mir gezeigt, wie das Zurückbuchen und Ausleihen der Medien funktioniert und die Arbeit am Bibliothekssystem gezeigt. Mein Arbeitsalltag hing oft davon ab, wie viel in der Bücherei los war und ob viele Besucher*innen an diesem Tag die Bücherei besuchten. An einem ruhigen Tag begann ich meist damit, zurückgebrachte Medien einzusortieren und diese im Bibliothekssystem zu verbuchen. Wenn nur eine kleine Anzahl von Besucher*innen vor Ort war, habe ich die Zeit genutzt, um Regale zu ordnen und Bücher zu kontrollieren, die eventuell falsch eingeordnet wurden. Zudem unterstützte ich das Team bei administrativen Aufgaben wie der Pflege von Benutzerkonten oder dem Vorbereiten neuer Medien für die Ausleihe. Am Ende des Tages habe ich bei den abschließenden Routinen geholfen. Ich bin zur Kontrolle durch die Bücherei gelaufen, um sicherzustellen, dass sich zu den Schließzeiten keine Besucher*innen im Haus aufhalten. Nachdem die Türen der Bücherei geschlossen waren, wurde noch das Geld in der Bibliothekskasse durchgezählt. Außer Büroarbeit wie der Dokumentenführung, das Foliieren von Büchern, das Katalogisieren oder die Bücher in die Regale einzustellen, besteht die Arbeit in einer öffentlichen Bibliothek viel aus sozialer Interaktion. Die Bibliothek Adendorf hat ein großes Angebot an Veranstaltungen für Kinder und Senior*innen.

Innerhalb meiner Praktikumszeit (von sieben Monaten) wurden etwa 70 solcher Veranstaltungen durchgeführt. Beliebte Aktivitäten für Kinder waren das Bilderbuchkino, der Zwergentreff und die Vorlesestunde. In der Bücherei gibt es regelmäßig öffentliche Bilderbuchkinos, zu denen jedes Kind kommen und eine Geschichte anschauen kann. Die Bilderbuchkinos können auch von Kindergartengruppen oder Grundschulklassen gebucht werden, die dann außerhalb der Öffnungszeit stattfinden. Bevor die Kinder uns besuchten, habe ich Sitzkissen ausgelegt und eine Leinwand heruntergefahren. Das Bilderbuchkino wurde von einer Bibliotheksmitarbeiterin abgehalten. Der Zwergentreff ist eine Veranstaltung für Kleinkinder, bei der Bilderbücher angeschaut, Spiele gespielt und Kinderlieder gesungen wurden. Diese Veranstaltung wurde von einer Sozialpädagogin durchgeführt. Meine Aufgabe war es nach dem Treffen die Bilderbücher aufzuräumen und diese dann alphabetisch geordnet in die Bilderbuchkästen einzusortieren. Bei den Vorlesestunden kommt eine Leserin und liest den Kindern eine Geschichte vor. Diese Veranstaltung ist öffentlich, also für alle Kinder, die beim Vorlesen in der Bücherei zuhören möchten. Auch nach der Vorleseveranstaltung gab es für mich viel Arbeit in der Kinderecke. Beliebte Veranstaltungsangebote von Senioren sind das Erzählcafe und der Stricktreff. Zwei Mal pro Woche habe ich bei den Veranstaltungsvorbereitungen mitgemacht. Das Erzählcafe findet einmal im Monat in der Bücherei statt. Eine Mitarbeiterin kommt mit Besucher*innen ins Gespräch über ein zuvor festgelegtes Thema. In der Erzählrunde berichten die zumeist älteren Damen auch private Dinge, wie Erlebnisse aus dem Alltag. Bevor die Damen ankamen, habe ich einen Kaffeetisch gedeckt und die Themenblätter auf den Plätzen verteilt. Die restliche Zeit saß ich mit in der Erzählrunde. Jeden Dienstag findet in der Bücherei ein Stricktreffen statt. Senioren*innen sind abends in die Bücherei gekommen, um beim Stricken Gesellschaft zu haben. Ich habe für den Stricktreff die Tische und Stühle aufgebaut und auf jeden Tisch Kaffee und andere Getränke bereitgestellt. Sowohl die Erzählrunde als auch der Stricktreff bieten soziale Kontakte, die besonders für ältere Menschen sehr bedeutend sind. Die vorbereiteten Kaffeetische geben ihnen das Gefühl, „willkommen und wichtig” zu sein. Bei den Veranstaltungen habe ich viel Neues gelernt und viele Menschen kennengelernt.

Doch nicht nur Veranstaltungen machen die Bücherei zu eine wichtigen „Aufenthaltsort”, sondern auch die einladenden und bequemen Räumlichkeiten der Bibliothek. Die Bücherei bietet Platz, um die neuste Ausgabe einer Zeitung zu lesen, eine Tasse Tee oder Kaffee entspannt zu trinken, um sich mal alleine zurückzuziehen, um ein Buch zu lesen oder sich mit Freunden treffen. Eltern mit kleinen Kindern wird eine Kinderecke mit Bilderbüchern, Sitzkissen und Spielzeugen geboten. Während meiner Praktikumszeit habe ich beobachten können, dass Menschen nicht nur zur Bücher- oder Medienausleihe die Bibliothek aufsuchen. Viele kommen, weil sie einen Ort brauchen, der Ruhe bietet, ohne isoliert zu sein. Andere suchen gezielt soziale Kontakte, um ins Gespräch zu kommen. Die Bücherei ist für alles offen. Besonders für alleine wohnende Senioren sind die Bibliotheksbesuche besonders wichtig, um aktiv zu bleiben und nicht zuhause zu vereinsamen. Es war beeindruckend zu sehen, wie stark eine Bibliothek zur Lebensqualität einer Gemeinde beitragen kann. Bibliotheken sind heutzutage nicht nur Wissensspeicher, sondern lebendige Gemeinschaftsräume, die Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen miteinander verbinden. Diese neue Dimension der Bibliothek, die Gesamtheit der Atmosphäre, der offenen Haltung des Teams und niedrigschwellige Zugänglichkeit entspricht den Eigenschaften eines „Dritten Ortes”.

3 Die Bibliothek Adendorf als Dritter Ort

Das Konzept des Dritten Ortes wurde wesentlich vom amerikanischen Raumsoziologen Ray Oldenburg geprägt. Erstmals stellte er es 1989 in seinem Buch „The Great Good Place” vor und erweiterte es in späteren Schriften. Nach Oldenburg bildet der sogenannte „Dritte Ort” neben dem Zuhause („Erster Ort”) und dem Arbeitsplatz („Zweiter Ort”) einen dritten Sozialraum, der identitätsstiftend für die Menschen und ihre lokale Community ist. Ein dritter Ort kennzeichnet folgende Merkmale: Neutralität, Inklusion, gute Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, Austausch und Konversation, eine offene und positive gelöste Atmosphäre1. Die Bibliothek Adendorf erfüllt die Kriterien des Konzeptes des dritten Ortes von Ray Oldenburg. Die Bücherei kann als ein neutraler Ort gesehen werden, denn sie ermöglicht ihren Besucher*innen, sich umfassend zu informieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. In Adendorf werden für den Bibliotheksbesuch alle niedrigschwelligen und inklusiven Funktionen erfüllt. Der Ort ist für Menschen mit Behinderung durch eine automatisch öffnende Eingangstür und einen Fahrstuhl nutzbar. Das Veranstaltungsprogramm spricht unterschiedliche Zielgruppen an. Seit dem 27.02.2025 ist die Bibliothek Adendorf eine Open Library und damit auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten für die Besucher*innen zugänglich. In der Bibliothek Adendorf habe ich intensiven Austausch und Konversation erlebt. Die Lern- & Spielveranstaltungen boten viel Raum für Kreativität. Es wurde mit den Kindern gebastelt oder gemalt. Für Menschen mit Migrationshintergrund oder Geflüchtete werden Bücher in verschiedenen Sprachen angeboten. Allgemein herrscht in der Bücherei durch das freundliche Bibliotheksteam und eine einladende Räumlichkeit eine offene, positive und gelöste Atmosphäre. Diese Bibliothek ist ein Ort, an den man gerne wiederkommen möchte.

4 Fazit

Mein Praktikum in der Bibliothek Adendorf hat mir eindrucksvoll gezeigt, was für eine wichtige Rolle die öffentliche Bibliothek für die Gemeinde spielt. Außer ihren klassischen Aufgaben als Literatur- und Medienanbieter erfüllt die Bücherei ihre Funktion als ein „Dritter Ort”, an dem Menschen aller Altersgruppen zusammenkommen, kommunizieren und sich wohlfühlen können. Die zahlreichen Veranstaltungen für Kinder und Senior*innen, die freundliche Atmosphäre sowie die moderne technische Ausstattung tragen dazu bei, dass die Bibliothek Adendorf ein lebendiger und vielseitiger Treffpunkt geworden ist. Insgesamt hat das Praktikum meinen Blick auf das Berufsfeld Bibliothek entscheidend erweitert. Ich habe lehrreiche praktische Erfahrungen gesammelt, meine sozialen Kompetenzen gestärkt und habe miterleben können, wie Bibliotheken aktiv zur Lebensqualität einer Gemeinde beitragen können. Die Zeit in der Bibliothek Adendorf hat mich sowohl fachlich als auch persönlich bereichert und mein Interesse an dem Phänomen des Dritten Ortes vertieft.



  1. Siehe (Bibliotheksportal 2020) https://bibliotheksportal.de/ueber-bibliotheken/die-bibliothek-als-dritter-ort/dritter-ort/ [Online, Zugriff: 18.12.2025].↩︎

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03.12.2025

Akzeptiert

14.01.2026

Veröffentlicht

11.02.2026