Die Bücherecke aus dem Knast
Ein Interview mit Michael Schönhofen zur Arbeit in einer Gefängnisbibliothek
DOI:
https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.285Schlagworte:
Gefängnisbibliotheken, Gefängnis, Resozialisierung, Podcast, Buchrezensionen, PerspektiveBegutachtung
Abstract
Michael Schönhofen, erster Vorsitzender des Fördervereins für Gefangenenbüchereien, berichtet über seine Teilnahme und Erfahrung am Projekt „Die Bücherecke aus dem Knast“ der Justizvollzugsanstalt Siegburg. Dabei können Inhaftierte Buchrezensionen schreiben und diese in Form eines Podcast aufnehmen. In diesem Interview schildert er seine Erfahrungen als Teilnehmer an dem Projekt, welche Fähigkeiten er dadurch erlernen konnte und wie diese ihm nach seiner Zeit in der JVA weitergeholfen haben.
1 Einleitung
„Während es schwierig ist, die Auswirkungen des Lesens und der Nutzung einer Gefängnisbibliothek zu messen, ist es möglich, sich ein Bild von ihrer Bedeutung zu machen, wenn man die Erfahrungen von Gefangenen, ehemaligen Gefangenen und Gefängnispersonal aus erster Hand hört” (Krolak 2020: 18). Das Zitat stammt aus dem Buch "Lesen hinter Gittern - Was Gefängnisbibliothken bewirken können" von Lisa Krolak, die für für das UNESCO Institute of Lifelong Learning in Hamburg arbeitet und sich unter anderem als Vorsitzende der Working Group on Prison Libraries der IFLA für allgemeingültige Richtlinien für Gefängnisbibliotheken einsetzt (IFLA o. J.).
Ein ehemaliger Gefangener, auf den die Arbeit in einer Gefängnisbibliothek große Auswirkungen hatte und für den sie ein wichtiges Mittel der Resozialisierung darstellte, ist Michael Schönhofen.
Er hat während seiner Zeit in der Justizvollzugsanstalt Siegburg in der Gefängnisbibliothek gearbeitet und am Projekt „Bücherecke aus dem Knast”, einer Kooperation zwischen der JVA (Justizvollzugsanstalt) und der Stadtbibliothek Siegburg, teilgenommen. Die Stadtbibliothek wurde unter anderem für ihre umfangreichen Kooperationen zur Bibliothek des Jahres in kleinen Kommunen und Regionen 2025 ernannt (Deutscher Bibliotheksverband e.V. 2025: 2).
Heute ist Michael Schönhofen erster Vorsitzender des Fördervereins für Gefangenenbüchereien und setzt sich dafür ein, das Projekt in ganz Deutschland zu verbreiten.
Die Rezensionen der „Bücherecke aus dem Knast” können online auf dem Webportal Knastkultur angehört werden.1
2 Interview2
Was ist die „Bücherecke aus dem Knast”?
Die Bücherecke aus dem Knast ist eine Kooperation der Stadtbibliothek Siegburg und der JVA Siegburg, bei der Inhaftierte Bücher lesen, Rezensionen darüber schreiben, und diese als Podcast aufgenommen werden.
Von wem stammt die Idee für das Projekt?
Die Idee stammt von Herrn Druwe aus der Stadtbibliothek Siegburg und Frau Herhaus von „Auf ein Buch…“,3 auch aus der Stadtbibliothek Siegburg, und dem Freizeitkoordinator der JVA Siegburg. Sie wollten wissen, was man für Projekte machen kann. Und dann kam die Idee, die Bücherecke aus dem Knast zu gründen. Das war im Rahmen der Knastkulturwochen 2022.4 Zwischen der Stadtbibliothek Siegburg und der JVA Siegburg besteht schon längere Zeit eine Zusammenarbeit und es gab auch schon gemeinsame Projekte.
Wann wurde das Projekt gestartet und wie hast du selbst davon erfahren?
Ich habe in der Bücherei gearbeitet und mein Chef kam mit dem Plakat und sagte: „Hier hast du einen Leitfaden.” Ich sag: „Was ist denn das?” „Buchbesprechungen und so.” Dann hat er uns das erklärt und dann sag ich zu ihm: „Wenn ich diesen Leitfaden hier auslege, macht keiner mit. Die verstehen das alle gar nicht. Das ist so ein Hochdeutsch, das muss man umändern.” Dann sagte er: „Mach mal.”
Dann hab ich den umgewandelt, den Leitfaden, habe den extra für Inhaftierte angepasst und dann haben wir die ersten Audios aufgenommen. Und dann ging das so los. Ich hab das Buch „Nicht ohne meine Tochter” besprochen. Das war das erste Buch, das ich überhaupt gelesen habe.
Wie sah der Leitfaden aus?
Da stand eine Anleitung drin, wie wo was, worum es geht in dem Buch, welches Genre das ist, dass der Autor genannt werden soll, der Titel, wo es erschienen ist, wann es erschienen ist, die Hauptfiguren. Wichtig war, dass das Ende und die spannendsten Stellen nicht erzählt werden.
Manche haben das dann sehr wissenschaftlich gemacht, manche neutral. Ich habe es sehr persönlich gemacht, meine ganzen Buchbesprechungen.
Was hat dich persönlich an dem Projekt angesprochen und wie kam es zu deiner Beteiligung?
Als Erstes hab ich das gemacht, um wieder ein bisschen Computerarbeit zu kriegen. Und dann hab ich das Buch nochmal gelesen, „Nicht ohne meine Tochter”, also das zweite Mal, hab dann angefangen zu schreiben und habe dann gemerkt, das ist viel mehr als nur Schneiden. Weil ich mich darüber ausdrücken kann und mitteilen kann, wie es mir damit geht.
Welche Aufgaben übernehmen Gefangene konkret bei der “Bücherecke aus dem Knast”?
Es wird komplett alles von Gefangenen übernommen. Wir schreiben die Buchrezensionen, dann bauen wir vom Podcastteam die Mikrofone auf, einer macht dann die Aufnahmeleitung und der andere spricht ein. Und der Freizeitkoordinator, der sitzt im Hintergrund und hört sich das an. Und geschnitten wird auch von den Gefangenen. Wir haben einen Schnittlaptop und einen normalen Schnittrechner, der ist neu. Ob der jetzt noch in Betrieb ist, weiß ich nicht. Das wird dann unter Anleitung geschnitten, dann hört sich der Freizeitkoordinator das an, dann hat der Gefangene die Möglichkeit, sich das nochmal anzuhören und dann geht es zur Anstaltsleitung. Und wenn die das genehmigt hat, dann geht es hoch ins Internet. Das macht der Freizeitkoordinator.
Wie oft wird an dem Projekt gearbeitet – gibt es feste Zeiten oder Pläne?
Nein, wenn eine Buchrezension fertig geschrieben ist, dann wird geschaut, wann Zeit ist. Weil es immer Personalmangel gibt. Auch in der Justiz ist das so.
Können alle Gefangenen teilnehmen oder gibt es bestimmte Voraussetzungen?
Nein, es gibt keine Voraussetzungen. Wer möchte, der kann.
Welche Rolle spielen externe Personen, Mitarbeitende des Gefängnisses oder Bibliothekar*innen?
Nein, Frau Herhaus macht „Auf ein Buch…” in der Stadtbücherei Siegburg, da stellt sie auch Bücher vor, sie hat den Leitfaden erstmals entwickelt. Sie ist auch in dem Projekt mit drin. Sonst gibt es aber keine weiteren Personen von außerhalb. Außer den Verlegern, die dann noch zustimmen müssen.
Inwiefern müssen die Verlage zustimmen?
Wenn wir Zitate verwenden, muss der Verlag das Audio freigeben. Dann gibt es verschiedene Optionen. Der optimale Fall ist, dass der Verlag freigibt, dass wir das dauerhaft nutzen können. Manche Verlage sagen auch: „Nein, nur für 100 Tage” oder „Für so und so viele Monate und dann müssen die Dinger auch wieder runter.” Das ist für die Veröffentlichung dann sehr schwierig.
Wie wird das Projekt finanziert?
Das wird, glaube ich, vom Land finanziert. Und das ist viel, was der Freizeitkoordinator und der Leiter der Stadtbibliothek, Herr Druwe, selber ehrenamtlich reingesteckt haben.
Haben die beiden auch die Technik finanziert?
Also die Mikrofone in der Justizvollzugsanstalt, die gab es schon. Wir haben vorher schon das Projekt „Podknast”5 gemacht, wo Inhaftierte auch Filme erstellen. Das war das Erste, was ich mitgemacht habe. Also erst fotografiert, dann Podknast und dann die Bücherecke.
Findet die Arbeit am Projekt in der Gefängnisbibliothek statt?
Der Vorteil ist, dass die Inhaftierten in die Bücherei gehen können, denn es ist eine Freihandleihe. Es gibt einmal die Freihandleihe, wo die Inhaftierten hingehen können, sie können das Buch in die Hand nehmen und sich alles aussuchen. Und es gibt die Katalogleihe. Das ist ein Katalog und aus dem Buch sind vielleicht zwei, drei Sätze beschrieben und dann muss der Gefangene entscheiden, will ich das oder will ich das nicht. Bei uns in der JVA Siegburg war das Geniale, dass die Inhaftierten sich auch Bücher wünschen konnten, die sie besprechen wollten. Die wurden dann angeschafft. Bei uns wurden in der Regel auch nie Bücher angeschafft, die nicht mit uns Bücherei-Hausarbeitern abgesprochen waren. Unser Freizeitkoordinator meinte, „Wir setzen uns zusammen, gucken was läuft, was nicht läuft. Weil ihr habt da mehr Ahnung, ihr seid näher an den Gefangenen dran. Das bringt nichts, wenn wir da Frauenliteratur reinsetzen und keiner liest es.”
Gibt es Einschränkungen, was die ausgewählten Bücher angeht?
Eigentlich nicht. Es gibt Bücher, die verboten sind in der JVA, wie radikalisierende Bücher. Die schaffen es auch nicht in die Bücherei. Aber ansonsten geht alles.
Kann man auf die Beiträge der „Bücherecke aus dem Knast” auch im Gefängnis zugreifen?
Nein, das geht leider nicht. Da bin ich jetzt dran, an einer Lösung. Meine Idee wäre es, wenn man genug Beiträge zusammen hat, eine CD rauszubringen und dass die Justizvollzugsanstalten diese CD dann erwerben können. Das Problem ist nur, ich kenne mich in diesem Bereich nicht aus. Ich müsste mich erstmal reinfuchsen, wie man da wo was macht.
Ein Problem ist wahrscheinlich auch der fehlende Internetzugang für Gefangene, oder?
Ja genau. Die Gefangenen haben kein Internet, keine MP3-Player, die haben keine Handys, alles, was damit zu tun hat. Das ist sehr schade, weil die Inhaftierten da auch Energie reinstecken. Ich glaube, ich würde auch was davon haben wollen. Also ich hätte es mir gewünscht, dass ich das drinnen auch mal hören kann, wenn ich möchte. Auch von den anderen. Jetzt draußen kann ich das. Ich mache es auch regelmäßig. Aber drinnen fehlt das. Wir hatten auch viele dabei, die Familien draußen hatten, die Kinder draußen hatten. Die haben das dann gemacht und besprochen, um auch die Familie am Leben der Inhaftierten teilhaben zu lassen. Das war ein wichtiger Aspekt für viele, die beim Podknast oder bei der Bücherecke mitgemacht haben. Die Kommunikation nach draußen ist leider sehr eng.
Wie wurde das Projekt von den Gefangenen angenommen?
Also erstmal haben sie mir den dicken Vogel gezeigt. Die haben gesagt: „Hast du sie noch alle? Mit was kommst du denn jetzt an? Nein, lass mal die Scheiße. Mein Gesicht ist überall drin!” Ich sage: „Das ist doch Quatsch, das sind Audios. Wenn du eine CD anhörst, siehst du dann auch den Sänger? Nein. Nenn dich doch Hans Müller. Ist doch egal, was du machst. Du kannst auch Fantasienamen nehmen.” Dann meinten sie: „Okay, machen wir.” Und bis auf eine haben alle die richtigen Vornamen benutzt. Alle.
Weißt Du, wie viele insgesamt an dem Projekt teilgenommen haben?
Darf ich nachschauen? Dann kann ich es genau sagen. (Öffnet die Website, zählt nach) Elf. Wobei ich auch sagen muss, dass dieses Projekt sehr kurz angelegt war. Das war ja nur im Rahmen der Knastkulturwochen angelegt. Also erstmal nur für einen bestimmten Zeitraum. So ein Monat oder zwei. Nachher haben wir es weitergemacht, weil die Anfrage einfach so hoch war und weil es so gut ankam. Und es läuft immer noch.
Inwiefern hat das Projekt deine Zeit im Gefängnis beeinflusst?
Wenn ich die Zeit nicht gehabt hätte, neben den Therapieangeboten, wäre ich heute nicht hier. Ich hab zu mir gefunden, ich habe gelernt, zu meinen Fehlern zu stehen, ich habe neue Sichtweisen auf mein Leben gekriegt, ich hab neue Werte gesetzt, ich habe legale Anerkennung bekommen, das erste Mal in meinem Leben. Das war schon ein wichtiges Projekt für mich.
Die Menschen, die da drin sitzen, was haben die? Teilweise haben sie keinen Fernseher und sie brauchen irgendwie etwas, um sich zu beschäftigen. Und wenn ich nichts für mich tue und dann rauskomme, dann ändert sich nichts. Habe ich jahrelang gehabt.
Spielen Gefängnisbibliotheken dabei auch eine Rolle? Auch über das Projekt hinaus?
Ja. Das ist Bildung, das ist Freizeitgestaltung, Inhaftierte können sich Gesellschaftsspiele ausleihen, man kann sich DVDs ausleihen, CDs ausleihen, man kann hingehen und sich Bücher ausleihen.
Wenn es eine Katalogleihe ist… Katalogleihe finde ich jetzt nicht so toll. Aber ist auch Platzmangel bei manchen. Und so ne Freihandleihe, wie wir sie in Siegburg haben, kostet Personal, kostet Gefangene, die da arbeiten, kostet viel Vertrauen.
Es gibt Gefangenenbüchereien, die sehr schön sind. Die in Münster war ja auch mal Bibliothek des Jahres, dann Siegburg, die Bibliothek ist auch sehr schön und sie haben zwei Stück. Jedes Hafthaus hat seine eigene. Es sind über 8000 Bücher im Bestand, zu meiner Zeit 1400 DVDs, 120 komplette Serien und jede Menge Spiele. Es ist ein Ort der Begegnung. Das ist, wie Gefangene ihre Freiheit mal genießen können. Wo sie mal aus dem Knast rauskönnen und was Normales machen können. Wir haben auch viel mit den Lehrern zusammengearbeitet, wir haben Bücher angeschafft in einfacher Sprache für Menschen, die Leseschwächen haben. Da waren namhafte Autoren, wie Sebastian Fitzek zum Beispiel, von denen wir Bücher gehabt haben. Es gab Sprachkurse, die die Gefangenen machen konnten, in Englisch, Spanisch, Französisch, Niederländisch.
Die Gefangenen konnten sich Bücher wünschen, das wurde dann auch berücksichtigt. Wir hatten am Abend zwischen 30 und 50 Gefangene, die in der Bibliothek waren. Es war immer voll.
Welche Fähigkeiten konntest du durch das Projekt entwickeln, die dir auch nach der Entlassung noch helfen?
Wir haben die Einführung in die Schnittsoftware bekommen und allgemein Einführungen in den Journalismus. Wenn man wollte, konnte man lernen, wie man Drehbücher schreibt, wie man Regie macht. Da gibt es Bücher, Fachliteratur. Der Freizeitkoordinator ist da sehr entspannt drin und sehr motiviert. Man lernt Tontechnik, sehr viel, was Technik angeht. Dann gibt es noch Veranstaltungstechnik, die man auch noch lernen kann.
Das sind alles keine qualitativen Abschlüsse oder Weiterbildungen, aber Grundkenntnisse bekommt man da schon vermittelt in diesem Projekt.
Wie sieht die Ausstellung in der Stadtbibliothek Siegburg aus, die mit dem Projekt verbunden ist?
Das ist ein Gitter, ein uraltes Zellengitter, das bei uns ausrangiert wurde. Der Freizeitkoordinator hat das gerettet, dann wurden da so Bücherhalter drangemacht und da stehen dann die Bücher drauf, die auf der Website zu hören sind.6 Und in einem Sonic Chair7 kann man sich die Rezensionen anhören. Noch bis Ende des Monats, dann gibt es das nicht mehr. Die Ausstellung und damit sowohl Gitter als auch Chair werden dann abgebaut. Die Bücher bleiben aber in der Bibliothek, und die Internetseite bleibt auch.
Du bist heute Vorsitzender des Fördervereins Gefangenenbüchereien – wie kam es dazu und welche Aufgaben gehören dazu?
Das ist eine ganz lustige Geschichte. Ich wollte meiner Freundin die Stadtbibliothek Siegburg zeigen. Wir laufen dann da durch und der Bibliotheksleiter, der Herr Druwe, steht da und schreit: „Herr Schönhofen! Die JVA Münster sucht sie!” Ich denke: „Nein, bitte.” Ich sage: „Was wollen die denn?”
Und dann hat er mir erzählt, dass er mit dem Leiter der Gefängnisbibliothek der JVA gesprochen hat und dass der gerne in Kontakt mit mir treten würde. Dann hab ich ihm die Kontaktdaten gegeben und kurz darauf ruft der mich an und sagt: „Ich habe da den Förderverein Gefangenenbüchereien und ich bin so beeindruckt von Ihnen und Ihren Werken und was Sie da gemacht haben. Haben Sie nicht mal Lust, unserem Verein beizutreten und bei der Justizakademie einen Vortrag zu halten?” Ich sage: „Klar, mach ich!” Er meinte noch: „Und es gibt noch 500 Euro und Essen gibt’s auch noch.” „Super, wunderbar!“, sag ich. Dann bin ich da hingefahren und hab da mein Referat gehalten. Vorher bin ich dann dem Förderverein beigetreten und in der ersten Mitgliederversammlung wurde ein neuer Vorsitzender gewählt und dann hab ich gesagt: „Wenn ihr möchtet, mach ich das.” Das wurde dann einstimmig beschlossen.
Dann sagt meine Freundin: „Hast du überhaupt Ahnung davon?” Ich sag „Nö. Aber ich mach das jetzt.” (lacht) Es gab auch keine Gegenstimmen, keine Enthaltungen. „Wie willst du das denn machen?” Da sag ich: „Ich frag Copilot. Ich frag die KI. Die weiß das schon.” (lacht)
Dann von mir auch nochmal: Gratulation!
Danke. Das war eine echt lustige Geschichte.
Wo siehst du die Zukunft des Projekts?
Als festes Programm im Justizvollzug. Im Resozialisierungsbereich. Das ist mein Wunsch. Und dass Fördergelder kommen. Dass viele Anstalten mit Büchereien zusammenarbeiten, dass es vielleicht mehrmals Veranstaltungen gibt, wo Inhaftierte darüber sprechen können, wie es war. Ich glaube, das ist eine Möglichkeit für Inhaftierte, sich auch mal draußen zu zeigen und mit den Leuten draußen in Kontakt zu kommen.
Das Problem ist, wenn die Leute kein Draußen haben oder keinen Ansprechpartner draußen haben, nichts haben, wo gehen sie direkt wieder hin? Wenn sie rauskommen? Wo sie herkommen.
Und das ist der Rückfall und nicht irgendwie, die Justiz macht nichts oder so. Die Justiz macht eine Menge. Das Problem ist nur, wenn die Bevölkerung „Nein” sagt und sich dafür keiner interessiert von draußen. Das ist das Problem.
Ich denke, da sind auch Vorurteile, die man hat. Aber ich gehe da offen mit um.
Ich habe schon mit Vorurteilen zu kämpfen gehabt. Zwei Mal. Aber das interessiert mich dann nicht.
Ich sag dann einfach: „Zieh meine Schuhe an, lauf mein Leben und dann gucken wir mal, wo du bist. Bis du da bist, wo ich bin, fällst du ein paar Mal.”
Gibt es etwas, das du anderen Menschen oder Interessierten mit auf den Weg geben möchtest?
Ich würde mich freuen, wenn Menschen, die die Rezensionen hören, Kommentare dazu hinterlassen würden. Oder wenn Menschen auf mich zukommen und dann sagen, sie möchten in den Dialog mit mir gehen oder sagen: „Ich möchte darüber reden, mich interessiert das.” Weil das zeigt Interesse. Man kann auch die JVA anschreiben und das dann mitteilen.
Also wäre eine Rückmeldung schön?
Ja genau. Vor allem ist es wichtig, dass es weiter läuft mit dem Projekt. Dass sich andere einschalten, die sich dafür interessieren oder sich anschließen. Und vor allem, dass Stadtbibliotheken auf die JVAs zugehen und sagen: „Passt mal auf, wir wollen das und das.” Ganz wichtiger Punkt ist auch Kultur hinter Mauern, dass Autoren sich melden und dass Menschen drinnen merken, es gibt da draußen mehr als nur dieses kriminelle Umfeld.
Literatur
Deutscher Bibliotheksverband e.V. (2025): Die Bibliotheken Des Jahres 2025 Stehen Fest! Deutscher Bibliotheksverband e.V. (Dbv) Und Deutsche Telekom Stiftung Zeichnen Zukunftsweisende Bibliotheken in Dresden Und Siegburg Aus, Berlin, Bonn: Deutscher Bibliotheksverband.
IFLA (o. J.): Working Group on Prison Libraries, IFLA, [online] https://www.ifla.org/library-service-to-people-in-prisons/ [03.02.2026].
Krolak, Lisa (2020): Bücher hinter Gittern: was Gefängnisbibliotheken bewirken können, Hamburg: UNESCO-Institut für Lebenslanges Lernen.
https://www.knastkultur.de/projekte/literatur/buecherecke_im_knast/index.php [online, Zugriff am 11.11.2025].↩︎
Das Interview wurde mündlich in Hamburg am 31.10.2025 durchgeführt.↩︎
“Auf ein Buch…” ist ein Büchertalk, der einmal im Monat in der Stadtbibliothek Siegburg stattfindet.↩︎
Veranstaltungsreihe mit Kunst- und Kulturprojekte in neunzehn JVAs in Nordrhein-Westfalen, siehe:
https://www.knastkultur.de/projekte/kunst/zz88_kunst_archiv_2022/knastkulturwoche_nachlese_2022/index.php [online, Zugriff am 11.11.2025].↩︎
„Podknast” ist ein Videopodcast-Projekt des Justizvollzuges des Landes Nordrhein-Westfalen. Verfügbar unter: https://www.podknast.de/index.php [online, Zugriff am 11.11.2025].↩︎
Ein Foto des Gitters ist online einsehbar: https://www.knastkultur.de/projekte/literatur/bibliothek_des_jahres_siegburg_2025/index.php [online, Zugriff am 15.01.2026].↩︎
Der Sonic Chair ist ein Sitzmöbel mit eingebautem Soundsystem.↩︎
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