Die Bibliothek in der Musik – Eine Glosse

  • Konstantin Möhring Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland
    Studierender im 5. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

DOI:

https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.277

Schlagworte:

Bibliothek, Musik, Hip-Hop, Rap, Folk, Indie, Stereoptype

Begutachtung

  • Dr. Katharina Jeorgakopulos HAW Hamburg

Abstract

Die Musik mit ihrer Lautstärke und ihren Emotionen ist auf den ersten Blick die Nemesis der Stille der Bibliotheken und doch kommt man als Bibliothekar*in nicht darum herum anzuerkennen, dass in diesem Teil der Popkultur immer wieder Auseinandersetzungen mit der Bibliothek und ihrem Umfeld stattfinden. Von Molotowcocktails auf die Bibliotheken über den Overdue Library Fines bis hin zur Super Duper Library Dance Party lädt dieser Beitrag zu einem musikalischen Bibliotheksbesuch ein.

1 Musik über die Bibliothek

Sich einen Überblick über die Musik zu Bibliotheken zu verschaffen ist einem Bibliotheksbesuch gar nicht so unähnlich. Man betritt Klangräume voll unterschiedlichster Inhalte und sucht oft lange, bis man etwas findet. In der Musik Bibliothek sind nahezu alle Genres vertreten und auch die Herangehensweisen der Künstler*innen sind sehr differenziert. Die Singer-Songwriter haben ihren Platz ebenso wie die Indie-Bands und die Rapper und alle beschäftigen sich mit unterschiedlichen Facetten der Bibliotheken. Und wenn man lange genug sucht, dann findet man etwas, was auch für Bibliothekar*innen etwas Neues ist. So bietet im Bereich Hip-Hop zum Beispiel Melvil Dewey, hoffentlich ein Künstlername1, mit „Deweylicious! Library Hip Hop” ein Konzeptalbum, das aus bibliothekswissenschaftlicher Sicht zu den stärksten und umfangreichsten Auseinandersetzungen mit diesem Arbeitsfeld gehört (Dewey 2011a). In der Form einer Art Dark Romance nähert sich dagegen die Folkmusikerin Ange Hardy den Bibliotheken in ihrem Song über die Liebe zu einem jungen Bibliothekar (Hardy 2014). Einen gänzlich anderen Ansatz liefert „Dewey Decimal Stitchcore” von der Band Spazz, der stilistisch der Musikrichtung Power Violence zuzurechnen ist und sich dabei doch mit Lesegewohnheiten beschäftigt (Spazz 2018). Und eine kleine, aber keineswegs zu vernachlässigende Gruppe von Songs behandelt die persönlichen Verbindungen der Künstler*innen zu „ihren” Bibliotheken, zum Beispiel in Freezy Traps Ode an die Bücherei der Gemeinde Kaumberg in Niederösterreich (o. A. 2023). Bekanntere Beispiele aus Deutschland sind der Song „Molotowcocktails auf Bibliotheken” von der Antilopen Gang, welcher sich einen politischen Zugang zur Bibliothek sucht (Antilopen Gang 2015); ebenso „In der Bibliothek” der Punkband Superpunk. Deren Lied kann als archetypisch mit seinem Blick auf die Bibliothek beschrieben werden: „Ein leichter Muff aber erhabene Stille / Und niemand lacht über die neue Brille / Der beste Ort, an dem ich je gewesen / Gut geheizt und immer was zu lesen(Superpunk 2010).

2 Die Bibliothek als Ort

Bei der Darstellung der Bibliotheken als Raum überraschen die popkulturellen Erzeugnisse. Die Musiker*innen haben schon längst jene wohlklingenden Konzepte, welche Bibliotheken zur Rechtfertigung ihres Daseins nutzen (müssen), in den Diskurs eingeschleust. Der vielgerühmte „Dritte Ort” etwa ist Standard in der Musik zu Bibliotheken. Jonny & The Baptists hinterfragen mit „Do It in the Library” gekonnt, was die Schließung von Bibliotheken für die unterschiedlichen Nutzer*innen bedeutet (Jonny & the Baptists 2018). Und nicht weniger überzeugend, aber auf einer persönlicheren Ebene, argumentiert Kimya Dawson in ihrer Rap-Hymne „The Library”, wenn sie fragt, wohin man mit seinem zwei Jahre alten Kind gehen soll, wenn es regnet (Dawson und Aesop Rock 2011). In diesem Lied wird auch der fehlende Konsumzwang besungen, den wohl der Musiker Gecko in „The Library” am schönsten und mit Blick auf den Medienbestand wohl auch zeitgemäß ausgedrückt hat:

"I tried the museum but I got museum feet / And if you’re not getting a coffee / You’re not getting a seat / I tried university it was £9000 / […] / ’Cause if you want knowledge then go to the library / And if you want solitude then go to the library / If you want good internet then go to the library / And if you want a book then go to the bookshop"

(Sanderson-Thwaite 2017)

3 Die Dienste der Bibliothek

Eines der häufigsten, aber auch überraschendsten Sujets über Bibliotheken, das besungen wird, ist das Ausstellen des Bibliotheksausweises als Initiationsritual. Janani K. Jha ist eine der vielen Künstler*innen, die sich musikalisch mit diesem emotionalen Moment auseinandersetzen (Jha 2022). Dagegen wirkt Frank Zappas Song, bei dem minutenlang die Regeln des Bibliotheksausweises vorgelesen werden, wie ein Vorbote der bedrohlichen Verantwortung, die sich die Nutzenden durch den Bibliotheksausweis aufbürden (Zappa 1999).

Entgegen den Erwartungen scheinen sich viele Musiker*innen mit den unterschiedlichen Prozessen der Bibliothek für ihre Songs auseinandergesetzt zu haben. Die Black-Metal-Band Evil Scarecrow scheitert in „The Book of Doom” bei ihren satanischen Ritualen zwar am Ausleihprozess der Bibliothek, aber nur knapp (Evil Scarecrow 2014). Monnone Alone hingegen besingt herzergreifend in „My Overdue Library Fees” die Herausforderungen der verspäteten Rückgabe (Monnone Alone 2013). Gar als programmatisch müssen Melvil Deweys Lieder über die Klassifikation in der Bibliothek (Dewey 2011a) und das Beratungsgespräch zur Buchauswahl (Dewey 2011c) gelten. Auch „Super Duper Library Dance Party”, sein unglücklich benannter, aber umfassender Song zu allgemeinen Bibliotheksangeboten ist hier aus bibliothekarischer Sicht hervorzuheben (Dewey 2011b).

4 Das Personal

Servicedienste werden in der Bibliothek in der Regel von fachlich geschultem Personal angeboten und diese Mitarbeiter*innen stehen deshalb häufig im Zentrum der Rezeption der Musiker*innen. Leider wurde die Perspektive des Fachpersonals bisher zu wenig vertont. Als rühmliche Ausnahmen sei hier auf „Library Girl” von Elle Cordova (2012) und das hochinformative „Reference Librarian” von Rob Lopresti verwiesen (Lopresti 2003). Dagegen werden die Bibliothekar*innen häufig von außen betrachtet. Dabei ist das Aussehen häufig vorurteilsbehaftet, denn Brille, Dutt, buschige Augenbrauen und Tweed Jacken tauchen in der Realität natürlich nicht in dieser Häufung auf (Nielsen 2016).

Außerdem muss man leider feststellen, dass Bibliothekar*innen in den Songs nur selten für ihre fachliche Expertise besungen werden. Stattdessen werden sie von den Musiker*innen oft zu Objekten der Begierde degradiert. Der Bibliothekar wird dabei nur sehr bedingt behandelt, dann aber in Superlativen, was seine hohe Kultiviertheit und sein großes Wissen betrifft (Finnegan 2016). Sogar das Schlagwort „Rockstar” (Nielsen 2016) kommt in diesem Zusammenhang vor. Das Feld der Songs über Bibliothekarinnen ist um ein Vielfaches größer (wahrscheinlich das größte in der Musik über Bibliotheken). Obwohl auch hier des Öfteren Bewunderung mitschwingt (Dunes 2022), ist es doch beklagenswert, wie häufig die Lyrics chauvinistisch besetzt sind. Insgesamt bewegt sich die Rezeption der Bibliothekarin zwischen poetisch („Karen” von The Go-Betweens: „I know this girl / This very special girl / And she works in a library, yeah / Standing there behind the counter / Willing to help / With all the problems that I encounter(The Go-Betweens 1978) und sexistisch (My Morning Jackets „Librarian”: „Simple little bookworm, buried underneath / Is the sexiest librarian / Take off those glasses and let down your hair for me(My Morning Jacket 2008).

5 Starke Gefühle in der Bibliothek

Lieder über die Liebe in der Bibliothek sind nicht exklusiv auf das Personal bezogen. Die Bibliothek bietet sich anscheinend aus unterschiedlichsten Gründen für das Sujet an, wahrscheinlich weil den Hörer*innen aus diesem Umfeld Wortspiele vertraut sind und sie so zum Beispiel Billy Raffouls Idee, die Liebe durch den Medienbestand zu besingen, besonders wertschätzen können: „You say your heart is like a library book / To love is to trust he'll bring it back / […] / When your heart is like a library book / Pages torn by those who wanted parts(Raffoul 2020). Die Bibliothek wird in der Musik außerdem oft zu einer Projektionsfläche der unterschiedlichen Arten von Liebe. Mehrheitlich repräsentiert sie einen Raum, in dem man interessante (und oft auch als kultiviert beschriebene) Menschen kennenlernen und dazu auch noch seinen eigenen Horizont erweitern kann (Hüsker Dü 1985). Eine signifikant kleinere Gruppe von Songs behandelt die Bibliothek als Ort der festen Regeln, die dann von den Verliebten gebrochen werden. Als beispielhaft hat hier die Umschreibung dieser Begegnungen in „Young Adult Friction” zu gelten: „Between the stacks in the library / Not like anyone stopped to see / We came, they went, our bodies spent / Among the dust and the microfiche(The Pains Of Being Pure At Heart 2009).

Die größte Auseinandersetzung mit Regelbrüchen fand bisher aber wohl im Umgang mit der Stille der Bibliothek statt. Seit den 1970er Jahren wird das Ideal der „gelehrten” Stille in den Bibliotheken kritisch hinterfragt. Lyrics wie „Shut up in the library, she don't care what you have to say / No noise, no clatter, no chatter, no laughter, we're not in here to play / She wants your nose inside a book and she wants to see your pass(Polisar 1975) zeugen schon früh von der musikalischen Auseinandersetzung mit einem der Stereotypen der Bibliotheken. Natürlich haben Bibliothekar*innen zu allen Zeiten die Berechtigung, Bibliotheksnutzer*innen auf Störungen hinzuweisen. Aber vielleicht sollte man gerade hier den singenden Poet*innen vertrauen. Jenen, die mit ihrer Musik am Puls der Zeit sind und die Bibliotheken in ihren Songs so witzig, wortgewaltig und tiefgründig besingen und sie als Orte der Begegnung, als Orte des Wissens und Lernens, als Orte voll motivierter und idealistischer Mitarbeiter*innen darstellen. Es wird Zeit, den letzten Staub veralteter Erwartungen abzuschütteln und den Bibliotheken eine neue Stimme zu geben. Eine Stimme, die nicht nur von ihren Regeln flüstert, sondern laut für ihren Platz in der und für die Gesellschaft eintritt.

Playlist

Antilopen Gang (2015): Molotowcocktails Auf Die Bibliotheken, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/0K8K19bzr9tbqxJiTjBuBF.

Dawson, Kimya; Aesop Rock (2011): The Library (Feat. Aesop Rock), Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/40gDf7rjt8Urb5pl33AGFg.

Dewey, Melvil (2011a): Dewey Decimal Rap, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/3IqCEnFxTG9VskegPOQdQi.

Dewey, Melvil (2011b): Super Duper Library Dance Party, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/6i0TvDoVM6UqEea7uVVT2e.

Dewey, Melvil (2011c): Welcome to the Library, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/7nxX7uz5wqVIMuRrNBNej8?si=3ef5a850be364652.

Dunes, Warren (2022): Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/7sUnHmz8NJOI7m5K6EWjp8.

Evil Scarecrow (2014): Book of Doom, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/2gAb7moFdX0yb8AXzZTLgU.

Finnegan, Honor (2016): The Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/5EeiJ3norFWlqMOGB0Wtdw.

Hardy, Ange (2014): The Young Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/4NdH8IwQLBHz78k4ThQOlc.

Hüsker Dü (1985): Books About UFOs, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/6xecXf8OfP5QZTkmxmNxxr.

Jha, Janani K. (2022): Library Card, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/1Glv5YBwYlfwZYxtFJFtTP.

Jonny & the Baptists (2018): Do It in the Library, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/4Og87xpYcODswADqmzt5nX.

Lopresti, Rob (2003): Reference Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/4DRvIx2fvvRNxOGwIGCikd.

Monnone Alone (2013): My Overdue Library Fines, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/1JOZV7dD7JSO2notv8rtkQ.

My Morning Jacket (2008): Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/19DGoJIuutY9D9esT3ifOx.

Nielsen, Ida (2016): The Librarian, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/5AaVwIqv1uGjHh3kDjt9MU.

o. A. (2023): Gmoa Bücherei Kaumberg – Musik und Lyrics von Freezy Trap, Spotify, https://open.spotify.com/track/0O7C6PwL1Vh63TzxuhxzFl.

Polisar, Barry Louis (1975): Shut up in the Library, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/0Ry2GUqCYnT80k2VhIGXC1.

Raffoul, Billy (2020): Library Book, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/3cQtdnFfV7havQf8eByL6a.

Sanderson-Thwaite, Will (2017): The Library, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/3qWMy3j2euj3YGhxE8SH2N.

Spazz (2018): Dewey Decimal Stitchcore, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/4uGRTWgS4tYRmGI6AyVqLk.

Superpunk (2010): In Der Bibliothek, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/5ZQAMhUPRlTwSvjv7Osoqe.

The Go-Betweens (1978): Karen, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/3YhEd3KRKV131CZmYV9jpd.

The Pains Of Being Pure At Heart (2009): Young Adult Friction, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/1FsvfszJ09tqBcino2JfCb.

Zappa, Frank (1999): Library Card – Musik Und Lyrics von Frank Zappa Spotify, Spotify, https://open.spotify.com/intl-de/track/2EJaSWcEwP04YNfyEdpNt1.


  1. Der „echte” Melvil Dewey (1851–1931) gilt als einer der einflussreichsten Bibliothekare der amerikanischen Geschichte und ist Erfinder der Dewey-Dezimalklassifikation. Weiterführende Informationen unter: https://www.ebsco.com/research-starters/history/melvil-dewey.↩︎

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Erhalten

30.11.2025

Akzeptiert

17.12.2025

Veröffentlicht

11.02.2026