Von modernen Kulturzentren bis zum mittelalterlichen Lesesaal

Ein Reiseführer über die vielfältige Bibliothekslandschaft in den Niederlanden

  • Franziska Borgers Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland
    Studierende im 5. Semester des Bachelorstudiengangs Bibliotheks- und Informationsmanagement

DOI:

https://doi.org/10.15460/apimagazin.2026.7.1.256

Schlagworte:

Reiseführer, Bibliothek, Niederlande, Rundreise

Begutachtung

  • Paulina Wendt HAW Hamburg
  • Hannah Litke HAW Hamburg

Abstract

Dieser Reiseführer lädt dazu ein, die vielfältige Bibliothekslandschaft der Niederlande eigenständig zu entdecken. Eine Rundreise lässt sich nachhaltig über das gut ausgebaute niederländische Zugnetz gestalten. Es werden insgesamt zehn öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken in den Niederlanden vorgestellt. Dabei können Besucher*innen sowohl eine mittelalterliche Kettenbibliothek als auch hochmoderne Kulturzentren entdecken. Neben spannender Architektur bietet die vielfältige Bibliothekslandschaft Orte der Verbundenheit und Gemeinschaft, zugleich aber auch Zentren des Wissens, der Forschung und des Lernens. Der Beitrag zeigt auf, wie Bibliotheken innovative Ideen entwickeln, um den unterschiedlichen Bedürfnissen ihrer Gemeinden gerecht zu werden – von Leseförderung und digitalen Angeboten bis hin zu kulturellen Veranstaltungen und Programmen für Kinder und Jugendliche.

1 Einleitung

Wer die Niederlande bereist, denkt vielleicht zuerst an Grachten, die moderne Architektur oder weite Dünenlandschaften. Doch das kleine Land hat noch eine andere, oft unterschätzte Stärke: eine außergewöhnlich vielfältige und lebendige Bibliothekskultur. Selten begegnen sich in Europa historische Schätze, mutige Umbauprojekte und zukunftsorientierte Konzepte so selbstverständlich wie hier. Von Lesesälen in alten Kirchen bis zu innovativen Wissenszentren in umgenutzten Industriehallen zeigen niederländische Bibliotheken, wie offen und kreativ der Umgang mit Wissen und Kultur sein kann.

Eine Rundreise zu diesen besonderen Orten lässt sich zudem wunderbar nachhaltig gestalten. Das Zugnetz der Niederlande zählt zu den dichtesten und zuverlässigsten in Europa, sodass sich jede Stadt bequem erreichen lässt. Weil Parkplätze in vielen Innenstädten knapp und teuer sind, lohnt es sich besonders, das Auto zu Hause zu lassen und stattdessen entspannt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen.

Dieser Artikel stellt zehn ausgewählte niederländische Bibliotheken vor, die architektonisch, kulturell und mit ihrem Programm herausstechen und zugleich deutlich machen, warum die Niederlande für Bibliotheksbegeisterte ein lohnendes Reiseziel ist. Die Rundreise beginnt nördlich von Amsterdam in Den Helder und führt dann gegen den Uhrzeigersinn quer durch die Niederlande mit Stops unter anderem in Den Haag, Arnheim und Groningen bevor die Reise in Amsterdam ihren Abschluss findet1.

Eine Karte von den Niederlanden.

Abb. 1: Karte der Niederlande mit Reiseroute (Quelle: CIA o. J., eigene Bearbeitung)

2 Den Helder – Wie eine alte Schule zur Bibliothek des Jahres wird

Wir starten unsere Reise nördlich von Amsterdam an der Küste der Provinz Nordholland.

Die neue Bibliothek in Den Helder wurde 2016 eröffnet. Sie ist Teil der KopGroep-Bibliotheken2, einer Organisation im Norden der Niederlande, zu der 18 Bibliotheken zählen.

Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung wurde sie von der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) zur Bibliothek des Jahres gekürt. Die ausgeprägte Zusammenarbeit zwischen verschiedenen lokalen Kulturstätten hat entscheidend dazu beigetragen. In dem ehemaligen Schulgebäude finden sich neben der Bibliothek auch ein Lesecafé und ein Theater. Außerdem haben der Geschichtsverein Den Helders und die Volkshochschule Räume bezogen.

Eine Besonderheit ist, dass die Bibliothek offizieller Hochzeitsort ist. Die Direktorin der KopGroup ist sogar als Standesbeamtin vereidigt worden und kann die Trauungen vollziehen. Es wurde eine Kulturort geschaffen, der die Gemeinde an einem Ort zusammenbringt, um zu lesen, sich auszutauschen, und sich weiterzubilden. Das umfangreiche Veranstaltungsangebot spiegelt dies wider, indem beispielsweise Workshops zur Programmierung eines kleinen Roboters angeboten oder Autor*innen zu Lesungen eingeladen werden.

Wer nach dem Besuch noch ein wenig Meeresluft schnuppern möchte, findet in der Nähe einen der schönsten Nordseestrände, um den Tag ausklingen zu lassen.

Name: School 7 Bibliothek Den Helder
Adresse: Keizersgracht 94, 1781 BZ Den Helder, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo 13-20 Uhr, Di-Fr 10-20 Uhr, Sa 10-16 Uhr

3 Leiden – Zentrum der Wissenschaft und Forschung

Weiter geht es auf der Reiseroute die Küste entlang Richtung Süden. Dort kommen wir in Leiden an, wo die älteste Universität der Niederlande zu finden ist. Auch die Universitätsbibliothek blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1575 schenkte Prinz Willem van Oranje der Universität zur Eröffnung ein Exemplar der Polyglottbibel und setzte damit den Grundstein der mittlerweile sehr umfangreichen Sammlung. Diese umfasst neben Monografien, Zeitschriften und digitalen Medien auch mittelalterliche Schriften, Buchdrucke, Landkarten, Skizzen, Zeichnungen und Fotografien.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1587 trug die Bibliothek maßgeblich zur Wissenschaft und Forschung in den Niederlanden bei. Der erste Katalog einer institutionellen Bibliothek Europas wurde mit dem Nomenclator in Leiden veröffentlicht und stellt damit ein Meilenstein der Bibliotheksgeschichte dar.

Mit über 2300 Arbeitsplätzen, die aufgeteilt sind in Lesesäle, Gruppenarbeitsräume, ruhige Einzelarbeitsräume, Computerarbeitsplätze und offene Lernbereiche, und sich über die gesamte Fläche verteilen, ist die Einrichtung heute eine der größten wissenschaftlichen Bibliotheken in Europa. Wer eine Pause vom Lernen und Arbeiten braucht, kann sich im Café mit Kaffee und Kuchen stärken oder die Ruhe im Indoor-Garten genießen.

Neben den historischen Beständen richtet sich der Blick der Bibliothek auch stark in die Zukunft: Mit dem

Centre for Digital Scholarship (CDS) bietet die Bibliothek ein Kompetenzzentrum für digitales Publizieren. Virtuelle Forschungsumgebungen und Datenlabore, die Einrichtung von Lernzentren in der Bibliothek, die Entwicklung neuer Fachgebiete wie Datenkuratierung und Text und Data Mining, sowie Workshops für digitale Informationskompetenz gehören zu den zentralen Dienstleistungen des CDS. Außerdem fördert das CDS aktiv Open Science. Es berät zu einer Vielzahl von Themen wie Urheberrecht, Nutzungslizenzen und den FAIR-Prinzipien und trägt so zu einer nachhaltigeren Forschung bei. So verbindet die Universitätsbibliothek ihr historisches Erbe mit einem klaren Blick in die Zukunft der digitalen Innovation.

Name: Universiteitsbibliotheek Leiden
Adresse: Witte Singel 27, 2311 BG Leiden, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo-Fr 8:30-24:00 Uhr, Sa-So 9:30-23:15 Uhr

4 Den Haag – Vom digitalen Erbe und unsichtbaren Büchern

Von der größten wissenschaftlichen Bibliothek fahren wir weiter nach Den Haag – dem Regierungssitz der Niederlande. Die Königliche Bibliothek (KB) ist die Nationalbibliothek der Niederlande und liegt zentral neben dem Hauptbahnhof. Sie wurde 1798 gegründet und hat den Auftrag, alle Publikationen aus und über die Niederlande zu sammeln, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ähnlich wie in Deutschland die Deutsche Nationalbibliothek. Dass es in den Niederlanden keine Abgabepflicht für Verlage gibt, erschwert diese Aufgabe. Deshalb geht die KB aktiv Kooperationen ein, um möglichst vollständig sammeln zu können. Neben gedruckten Werken hat sie sich zudem stark auf digitale Publikationen spezialisiert und betreibt ein eigenes Webarchiv, das niederländische Webseiten regelmäßig erfasst und langfristig sichert.

Die Bibliothek führt auch eine Sammlung von „bemerkenswerten Objekten”. Dort finden sich nicht nur ein 1200 Jahre altes Buch mit Schriften über die Bibel, sondern auch ein unsichtbares Buch. Es hat ein Publikationsdatum, eine Autorin, einen Titel und wurde in einer Auflage von 100 Stück für 0 € verkauft. Doch es gibt weder eine genaue Seitenzahl, noch hat je jemand dieses Buch gelesen. Existiert es dann überhaupt?
Die KB sagt: Ja! Und es wurde auch in den Katalog aufgenommen. Die niederländische Künstlerin Elisabeth Tonnard hat mit dem Projekt das perfekte Buch erschaffen. Da alles drinstehen könnte, gefällt es jedem Lesenden. Es ist kostengünstig, da keine Produktionskosten entstanden sind und zugänglich für alle. In dieser Reduktion zeigt sich aber auch die aktuelle Entwicklung im Buchsektor: Das Werk ist Tonnards Reaktion aufsteigende Erwartungen der Lesenden bei gleichzeitig sinkenden Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt.

Wer die KB besucht, bekommt so nicht nur einen Eindruck vom schriftlichen Erbe des Landes, sondern auch von der Experimentierfreude, mit der in den Niederlanden über Bibliotheken und ihre Zukunft nachgedacht wird.

Name: KB, Nationale Bibliotheek
Adresse: Prins Willem-Alexanderhof 5, 2595 BE Den Haag, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo und Mi-Fr 10-17 Uhr, Di 10-20 Uhr, Sa 10-16 Uhr

5 Schiedam – Eine Bibliothek wird zum grünen Herzen der Stadt

Abseits der Großstadt, zwischen Den Haag und Rotterdam, erreichen wir nach kurzer Fahrt Schiedam. Hier können wir die grünste Bibliothek der Niederlande finden. Die ehemalige Getreidebörse wurde 1792 erbaut. Seit 2014 findet sich nun die öffentliche Bibliothek nach umfassender Sanierung in dem alten Backsteingebäude mit hellem, bepflanztem Lichthof. Dieser wurde zur grünen Oase, die einen Besuch wert ist.

Doch die Bibliotheek Schiedam ist nicht nur architektonisch bemerkenswert, sondern erfüllt auch eine wichtige soziale Aufgabe. Eine große Analphabetenrate stellt Schiedam schon seit den 1950ern vor Herausforderungen. Die Bibliothek kooperiert daher mit 23 Schulen, um mit Sprach- und Leseförderung entgegenzuwirken. Außerdem werden Freiwillige zu „Sprachcoaches” trainiert, um Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zu unterstützen und ihnen so den Zugang zu Bildung zu erleichtern. Insgesamt sind 147 Freiwillige an dem Veranstaltungsangebot der Bibliothek beteiligt. Dieses große Engagement trägt dazu bei, dass die Bibliothek zu einem lebendigen Treffpunkt für die gesamte Stadtgemeinschaft geworden ist. Außerdem erklärt es auch, warum die Bibliothek an sieben Tagen pro Woche geöffnet ist: Sie versteht sich als öffentlicher Raum für alle; einladend und mitten im Herzen der Stadt.

Name: De Bibliotheek Schiedam in de Korenbeurs
Adresse: Lange Haven 145, 3111CD Schiedam, Niederlande
Öffnungszeiten: Fr-Mi 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr

6 Tilburg – Eine Lokomotivhalle als kulturelles Zentrum der Stadt

Der Weg zur nächsten Bibliothek führt an Rotterdam vorbei. Wer mag, macht einen Abstecher zur Zentralbibliothek mit ihrem architektonisch auffälligen Gebäude und ihren gelben Röhren. Wir aber fahren auf direktem Weg nach Tilburg, wo wir uns einen ehemaligen Eisenbahnschuppen angucken. Wobei Schuppen wohl das falsche Wort für die 18 Meter hohe und 11.000 m2 große Halle ist.

Die „LocHal” ist Bibliothek und Kulturort zugleich. Mit ihrem offenen Raumkonzept vereint sie auf der großen Fläche viele Nutzungsangebote. Über 200 Arbeitsplätze bietet die LocHal, von einzelnen Kabinen und Gruppentischen bis hin zu Tagungsräumen. Dabei gilt, je höher im Gebäude, desto ruhiger das Arbeitsumfeld.

Doch nicht nur arbeiten kann man in der LocHal, sondern auch viel entdecken. In verschiedenen „Laboren” kann ausprobiert und getüftelt werden. Das GameLab bietet sowohl Konsolen und Retrospiele als auch klassische TableTop-Games wie Brettspiele oder Dungeons & Dragons. Nutzende können hier mehr zu Spieleentwicklung oder -design lernen und Zeit mit Freunden verbringen. Durch Workshops werden Fähigkeiten des verantwortungsbewussten Spielverhaltens weitergegeben und auch Themen wie Cyberkriminalität oder Spielsucht finden Platz im Programm der LocHal.
In eine andere Welt taucht man im Wortlabor ein. Der Raum ist umgeben von Bücherregalen und lädt zu allen Formen der Wortkunst ein – von Songwriting über Poesie bis hin zu kurzen oder langen Geschichten. Hier finden alle Liebhaber*innen von Sprache und Literatur einen Platz zum kreativen Ausleben. In regelmäßig stattfindenden Schreibworkshops kann sich über Projekte ausgetauscht werden oder man stöbert einfach durch die ausgedehnte Literatursammlung.
Das FutureLab lädt Besuchende ein, die Zukunft selbst zu gestalten. Dabei kann es um große Themen wie den Klimawandel oder um kleinere Veränderungen in der Lokalpolitik gehen. Partizipation wird hier großgeschrieben, um die Zukunft gemeinsam zu gestalten. In der LocHal gibt es so viel zu entdecken, dass man gut und gerne einen ganzen Tag dort verbringen kann. Ein wenig Ruhe bekommt man am besten auf dem „StadsBalkon” im obersten Stock mit Aussicht auf die ein- und ausfahrenden Züge, sowie Tilburgs Zentrum. Zum Abschluss gibt es dann noch eine kleine Stärkung im Café im Erdgeschoss.

Forum der LocHal.

Abb. 2: Forum der LocHal in Tilburg (Quelle: Ossip Architectuurfotografie)

Name: De Bibliotheek LocHal
Adresse: Burgemeester Brokxlaan 1000, 5041 SG Tilburg, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo-Fr 8-22 Uhr, Sa 9-17 Uhr, So 12-17 Uhr

7 Vught – Neue Nutzungsmöglichkeiten in alten Hallen

Von Tilburg fahren wir in Richtung Nordosten nach Vught. Nach dem modernen Umbau einer Eisenbahnwerkstatt sehen wir hier ebenfalls eine neue Nutzungsmöglichkeit von bestehenden Räumen. Die Bibliotheek Vught nebst Kulturzentrum DePetrus wurde nämlich in einer ehemaligen Kirche errichtet.

Der hohe, offene Innenraum mit seinen erhaltenen architektonischen Details verleiht der Bibliothek eine besondere Atmosphäre. Zwischen alten Pfeilern und lichtdurchfluteten Gewölben sind heute Bücherregale, Arbeitsplätze und Begegnungszonen untergebracht, die den historischen Raum auf lebendige Weise neu interpretieren. Über die hellen Materialien und organischen Formen lädt der Ort zu einem Rundgang ein.

Das Programm der Bibliothek zeugt von der Lebendigkeit der Gemeinde und richtet sich vor allem an Familien und Kinder. Über Projekte wie „BoekStart”, lädt sie Eltern mit Babys und Kleinkindern zum frühen Vorlesen und gemeinsamen Stöbern ein. Die Gemeinde unterstützt dies zusätzlich, indem Eltern einen Gutschein erhalten, mit dem sie ihr Kind kostenlos bei der Bibliothek anmelden und einen kleinen Willkommenskoffer mit ersten Büchern bekommen. So wird schon den Jüngsten der Zugang zur Welt der Geschichten erleichtert und die Freude am Lesen gefördert. Darüber hinaus gibt es Programme, bei denen geschulte Freiwillige Familien mit sprachlichen Herausforderungen direkt zu Hause besuchen. Sie lesen zwei- bis achtjährigen Kindern regelmäßig vor und schaffen so eine entspannte, vertraute Leseumgebung. Für ältere Kinder von acht bis zwölf Jahren bietet die Bibliothek eine weiterführende Unterstützung: Auch hier kommen Ehrenamtliche in die Familien, fördern den Wortschatz, helfen bei Leseschwierigkeiten und begleiten die Kinder und Familien dabei, Sicherheit im Umgang mit Sprache zu gewinnen.

Darüber hinaus bieten die Bibliothek und das Kulturzentrum DePetrus Raum für Kultur und Begegnung. Zwischen den alten Kirchenmauern finden heute Wechselausstellungen, Lesungen, Workshops und das Museum Vught Platz. Offene Sitzbereiche und helle Gemeinschaftszonen sorgen dafür, dass sich Menschen hier ganz selbstverständlich treffen, austauschen und Zeit verbringen. Die ehemalige Kirche hat sich so von einem stillen Sakralraum zu einem lebendigen Treffpunkt der Stadt entwickelt und zu einem Beispiel dafür, wie historische Gebäude mit neuen Ideen zu echten Anziehungspunkten werden.

Name: Bibliotheek Vught (DePetrus)
Adresse: Heuvel 2, 5261 EE Vught
Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-18 Uhr, Sa 10-17 Uhr, So-17 Uhr

8 Arnheim – Zwischen Rooftop, Rutsche und Romanen

Mit besonderen Eindrücken im Gepäck geht es weiter nach Arnheim im Osten der Niederlande und nur 15 km von der deutschen Grenze entfernt. Die Stadtbibliothek Arnheims ist eingebettet in das Rozet, ein Kulturzentrum, das neben der Bibliothek auch das historische Museum, Kunst- und Musikschulen, die Volkshochschule, Ateliers und ein Café beherbergt.

Der Bestand vor Ort ist nach Themengebieten sortiert. In der Kategorie „Literatur & Kultur” können literarische oder fremdsprachige Romane, Poesie, Bücher über Theater und Film, oder auch Themen wie Musik, Reisen oder Geschichte gefunden werden. Krimis, Thriller, alles über Haus und Garten oder Gesundheit sind unter „Liebe & Leben” einsortiert. So schafft es die Bibliothek, ihre Sammlung zu öffnen und breit zu präsentieren.

Eine Rutsche mitten in der Bibliothek, Leseecken, ruhige Arbeitsplätze neben Gemeinschaftsräumen und Platz für Austausch – das Rozet schafft Platz für alle Arten der Nutzung.
Seit 2024 betreibt die Bibliothek keinen Bücherbus mehr, da es als nicht mehr zeitgemäß gesehen wurde, einen alten Dieselbus zu betreiben. Dafür wurden vermehrt sogenannte Rozetjes, kleine Ableger der Bibliothek, in vielen Stadtteilen eröffnet. Ein Beispiel ist die Buurtfabrik, ein Nachbarschaftshaus im Stadtviertel Alteveer-Cranevelt. In diesen Ablegern erfolgt die Ausleihe über einen Selbstbedienungsautomaten. Bücher können in alle Filialen zur Abholung bestellt werden. So schafft es das Rozet, viele verschiedene Zielgruppen zu erreichen.

Highlight des Besuchs ist neben der umfangreichen Bibliotheksausstattung auch der Ausblick von der schönen Dachterrasse. Mit einem Buch in der einen und einem Getränk in der anderen Hand, kann der Alltag hier kurz hinter sich gelassen werden.

Name: Rozet
Adresse: Kortestraat 16, 6811 EP Arnhem, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo-Fr 8:30-22 Uhr, Sa 8:30-17 Uhr

9 Zutphen – Zeitreise ins Mittelalter

Weiter Richtung Norden machen wir einen Zwischenstopp in Zutphen. Hier gibt es eine der zwei letzten Kettenbibliotheken Europas. 1564 wurde der Lesesaal in der Walburgiskerk für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Da immer wieder Bücher verschwanden, entschloss man sich die Bücher zu verketten. Seitdem besteht die Sammlung nahezu unverändert an diesem Ort. Die Themengebiete umfassen historisch bedingt vor allem Theologie und Kirchengeschichte, aber auch Schriften zur Rechtswissenschaft und humanistische Literatur finden sich im Bestand.

Kettenbibliotheken waren im Mittelalter weit verbreitet, doch bis heute haben nur zwei solcher Bibliotheken in Europa überlebt. Neben Zutphen ist die Biblioteca Malatestiana im italienischen Cesena dafür bekannt, ihre Kettenbücher ebenso bis heute im ursprünglichen Saal zu zeigen.

Zusätzlich zur Kettenbibliothek gibt es in der Walburgiskerk noch eine weitere Bibliothek. Die „Obere Bibliothek” ist bereits 1492, also rund 70 Jahre vor dem öffentlichen Lesesaal, in der Kirche entstanden. Eine Führung durch den kleinen Raum, der nur über eine steile Steintreppe erreichbar ist, kann nach Vereinbarung gebucht werden. In der „Oberen Bibliothek” finden sich Schriften zu Liturgie, aber auch theologische und juristische Werke und sogar Schulhefte mit Texten des niederländischen Universalgelehrten Erasmus von Rotterdam.

In Zutphen können wir einen Blick auf die Vergangenheit der Bibliotheksgeschichte werfen und erleben, wie Wissen einst sowohl geschützt als auch öffentlich zugänglich gemacht wurde.

Name: Librije Zutphen
Adresse: Kerkhof 3, 7201 DM Zutphen, Niederlande
Öffnungszeiten: Nur mit Führung zu den Öffnungszeiten der Walburgiskerk: Di-Sa 11-15 Uhr

10 Groningen – Zuerst Einblicke nehmen, dann den Ausblick genießen

Unsere Reise durch die Niederlande führt uns weiter in den Norden des Landes. Groningen ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und mit ca. 240.000 Einwohner*innen die sechstgrößte Stadt der Niederlande. Gut ein Fünftel der Einwohner*innen sind Studierende.

Das Forum Groningen wurde 2019 eröffnet und sticht mit seinem imposanten 45 Meter hohen Gebäude aus dem Stadtbild heraus. Es ist ein Kulturzentrum mit vielfältigen Einrichtungen, wie Ausstellungsräumen, Kinos und einer öffentlichen Bibliothek mit der Kinderbibliothek „Wonderland”. Für Kinder bis 15 Jahre bietet das Wonderland verschiedene Bereiche zum Entdecken, Spielen und Entspannen. Mit interaktiven Elementen wird Kindern hier die Welt der Bücher nähergebracht. Im virtuellen Bücherregal – einem immersiven Bildschirm – kann in die Geschichte eingetaucht werden, um selbst Teil des Buchs zu sein. Wer schwindelfrei ist, kann sich ein Buch nehmen und gemütlich im großen Netz, das sich über das Erdgeschoss des Wonderlands spannt, lesen und entspannen.

Doch auch für Erwachsene bietet die Bibliothek viele Plätze und Ecken zum Lesen, Arbeiten und Entdecken. Das offene Raumkonzept wird durch Bücherregale in verschiedene Bereiche getrennt. Immer im Sichtfeld ist der Blick nach draußen über die Stadt. Mit vielfältigen Veranstaltungen wie Vorträgen, Sprachcafés oder Hilfsangeboten zu digitalen Themen, lockt die Bibliothek ein breites Publikum an. Besonders erwähnenswert ist auch die „BreinBieb”. Hier werden Angebote rund um das Erinnern und Vergessen zusammengefasst. Spiele zur Aktivierung des Gedächtnisses, sowie Bücher und Workshops zu Themen wie Demenz sind Teil des Angebots. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Provinz Groningen realisiert.

Und wer in Arnheim schon die Aussicht von der Dachterrasse genossen hat, wird den Ausblick vom Forum Groningen erst recht mögen. Das Forum ist mit seinen 45 Metern weit höher als viele Gebäude der Stadt und bietet daher einen ausgezeichneten Rundumblick.

Atrium Forum Groning.

Abb.3: Atrium des Forum Groningen (Quelle: „20191214 16 Groningen - Forum” von Sjaak Kempe)

Name: Forum Groningen
Adresse: Nieuwe Markt 1, 9712 KN Groningen, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo-Sa 9-24 Uhr (Einlass nur bis 22 Uhr (Mo-Do) bzw. 23 Uhr (Fr-Sa)), So 10-23 Uhr (Einlass bis 21 Uhr)

11 Amsterdam – Flaggschiff der niederländischen Bibliothekslandschaft

Unsere Reise endet in der Hauptstadt der Niederlande: Amsterdam, wo die Öffentliche Bibliothek Amsterdam (OBA) mit insgesamt 31 Standorten als größte öffentliche Bibliothek des Landes zu finden ist. Der Hauptstandort liegt zentral in Amsterdam am Oosterdok, dem östlichen Hafenbecken. Sie ist das Flaggschiff der OBA mit ihren 28.000 m2 und über 1,3 Mio. Medieneinheiten. Dort befindet sich auch ein Theatersaal, das OBA Café und eine Dachterrasse, die von April bis Oktober frei zugänglich ist.
So vielfältig wie ihre Standorte ist auch das Programm der OBA. Von Spieleabenden über Theaterworkshops, Vorlesestunden in diversen Sprachen (z.B. Rumänisch, Italienisch, Estnisch oder Türkisch) oder literarischen Kinoabenden bis hin zu Programmier- und Robotik-Kursen – die OBA bietet für jeden etwas. Dies hat sie sich zur zentralen Aufgabe gemacht. Die Veranstaltungen entstehen in enger Zusammenarbeit mit den umliegenden Nachbarschaften. So ist am Standort Linnaeus ein Fassadengarten entstanden und im Stadtteil Oost finden Yoga-Klassen statt. Ein Nachbar bietet einen Origami-Workshop an, der die Vernetzung innerhalb der Nachbarschaft fördert.
In der OBA gibt es diverse Mitgliedschaften für verschiedene Bedürfnisse. So auch ein rein digitales Angebot für E-Books, E-Zeitschriften und Hörbücher. Bis 26 Jahre ist eine Mitgliedschaft kostenlos. Ebenso für Inhaber eines „Stadspas”, einer Kulturkarte für Geringverdienende in Amsterdam und Weesp. Vergünstigungen gibt es für Senior*innen ab 67 Jahren.

Die OBA zeigt, wie Gemeinschaft und Vernetzung in einer immer digitaler werdenden Welt und in einer Großstadt stattfinden können. Sie bietet Räume für den kreativen Austausch und schafft so einen Platz für jeden Menschen.

Name: Openbare Bibliotheek Amsterdam – Öffentliche Bibliothek Amsterdam
Adresse: Oosterdokskade 143, 1011 DL Amsterdam, Niederlande
Öffnungszeiten: Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa-So 10-20 Uhr

12 Das Ende der Reise durch die Niederlande

Wer sich auf diese Reise durch die niederländische Bibliothekslandschaft einlässt, entdeckt Bibliotheken, die ihre eigenen Geschichten erzählen und Türen zu Orten öffnen, an denen Gemeinschaft gepflegt und Wissen lebendig gehalten wird. Ob historische Schätze, kreative Umbauten oder moderne Lernzentren: Die Vielfalt zeigt, wie kulturbegeistert und offen die Niederlande sind.

Vielleicht weckt dieser Überblick die Lust, selbst mit dem Zug von Stadt zu Stadt zu reisen und die besonderen Lesewelten des Landes zu erkunden. Genügend Inspiration für eigene Konzepte und Einrichtungen kann dabei allemal gesammelt werden. Dabei wünsche ich: Veel plezier!

Quellen

Barbian, Jan-Pieter (2019): Innovativ, serviceorientiert und mitten im Leben der Gesellschaft, in: BuB - Forum Bibliothek und Information, Jg. 12/2019, S. 736–741.

BauNetz (o. J.): Bibliothek LocHal in Tilburg, BauNetz Wissen, [online] https://www.baunetzwissen.de/fenster-und-tueren/objekte/kultur-bildung/bibliothek-lochal-in-tilburg-7211800 [29.11.2025].

CIA (o. J.): Karte Niederland gr.png, Wikimedia Commons, [online] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karte_Niederlande_gr.png?uselang=de [16.11.2025].

De Bibliotheek KopGroep Bibliotheken (o. J.): About School 7, [online] https://www.kopgroepbibliotheken.nl/openingstijden/bibliotheek-school-7/historie/about-school-7.html [16.11.2025].

De Bibliotheek Schiedam (o. J.): Vrijwilligers, [online] https://www.debibliotheekschiedam.nl/overons/vrijwilligers.html [29.11.2025].

Forum Groningen (o. J.a): Bibliotheek, [online] https://forum.nl/nl/bibliotheek.

Forum Groningen (o. J.b): BreinBieb in de Forumbibliotheken, [online] https://forum.nl/nl/breinbieb [30.11.2025].

Forum Groningen (o. J.c): Het Forum, [online] https://forum.nl/nl/info/forum [30.11.2025].

Gemeente Amsterdam (o. J.): Stadspas aanvragen, Stadspas, Gemeente Amsterdam, [online] https://www.amsterdam.nl/stadspas/stadspas-aanvragen/ [16.11.2025].

Huis 73 (o. J.): Voorlees- en DoorleesExpress, [online] https://www.huis73.nl/voorlees-en-doorleesexpress [30.11.2025].

IFLA (o. J.): Dutch library named the world’s best new public library in 2018, [online] https://www.ifla.org/news/dutch-library-named-the-world-s-best-new-public-library-in-2018/ [16.11.2025].

Kempe, Sjaak (2019): 20191214 16 Groningen - Forum, CC-BY 2.0, [online] https://www.flickr.com/photos/sjaakkempe/49218343602/ [03.12.2025].

Librije – Een unieke bibliotheek (2019a): Die Büchersammlung, [online] https://librije-zutphen.nl/librije-wat-is-het-unieke/de-boekencollectie/ [30.11.2025].

Librije – Een unieke bibliotheek (o. J.): Die Obere Bibliothek, [online] https://librije-zutphen.nl/de/die-obere-bibliothek/ [30.11.2025].

Librije – Een unieke bibliotheek (2019b): Home, [online] https://librije-zutphen.nl/de/home-duits/ [30.11.2025].

LocHal (o. J.): Over de LocHal, [online] https://www.lochal.nl/over-de-lochal [30.11.2025].

Openbare Bibliotheek Amsterdam (o. J.): Schatkamer van de buurt, [online] https://oba.nl/nl/over-oba/oba-een-plek-voor-en-door-de-buurt [30.11.2025].

Openbare Bibliotheek Amsterdam (OBA) (o. J.): Ontdek de OBA Agenda, [online] https://oba.nl/nl/agenda [16.11.2025].

Ossip Architectuurfotografie (o. J.): LocHal Library interior design, LocHal Tilburg, [online] [30.11.2025].

Rozet (o. J.): Rozetjes, [online] https://rozet.nl/rozetjes/ [16.11.2025].

Ruder, Anita (2019): School 7 ist die Public Library of the year 2018, in: BuB - Forum Bibliothek und Information, Nr. 02-03/2029, S. 116–118.

Tonnard, Elisabeth (2012): The Invisible Book, Elisabeth Tonnard, [online] https://elisabethtonnard.com/works/the-invisible-book/ [30.11.2025].

Universiteit Leiden (o. J.a): Centre for Digital Scholarship, [online] https://www.bibliotheek.universiteitleiden.nl/over-ons/centre-for-digital-scholarship [29.11.2025].

Universiteit Leiden (o. J.b): Library organisation - Leiden University, [online] https://www.library.universiteitleiden.nl/about-us/library-organisation [17.11.2025].

Visit Brabant (o. J.): DePetrus Vught, [online] https://www.visitbrabant.com/de/standort/4129826173/depetrus [30.11.2025].

Visit Groningen (o. J.): Forum Groningen, [online] https://www.visitgroningen.nl/de/orte/stadt/forum-groningen [30.11.2025].

Walbusgiskerk (o. J.): Bezoek. Openingstijden Walburgiskerk en Librije, [online] https://walburgiskerk.nl/bezoek/ [30.11.2025].


  1. In diesem Reiseführer wird aufgrund der besseren Lesbarkeit auf Kurzbelege verzichtet. Alle Quellen werden im angehängten Quellenverzeichnis aufgeführt.↩︎

  2. Siehe: https://www.kopgroepbibliotheken.nl/.↩︎

Downloads

Zitationen
Metriken
Views/Downloads
  • Abstract
    77
  • HTML
    32
  • PDF
    37
Weitere Informationen

Erhalten

30.11.2025

Akzeptiert

14.12.2025

Veröffentlicht

11.02.2026